Vorstellung Audi R8 : Kein Drama? Von wegen!

Sportwagen sind Drama pur, Adrenalin und Abenteuer. Der neue Audi R8 bleibt eher nüchtern und geht das Thema, typisch deutsch, mit hoher Präzision an. Doch der Puls steigt, spätestens wenn der Sauger brüllt.

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Der Blick in den Rückspiegel des Audi R8 lässt den Puls höher schlagen. So viel Emotionen bietet der Ingolstädter Sportwagen sonst vor allem beim Fahren. Foto: Tobias Sagmeister
Der Blick in den Rückspiegel des Audi R8 lässt den Puls höher schlagen. So viel Emotionen bietet der Ingolstädter Sportwagen sonst...Foto: Tobias Sagmeister

Um diesen Sportwagen wird Audi von den deutschen Konkurrenten beneidet. Als die Ingolstädter 2003 die Studie „Le Mans Quattro“ auf der IAA in Frankfurt zeigten war das ein Paukenschlag. Drei Jahre später fuhr der Audi R8 zu den Händlern und wurde ein Erfolg. Die Gründe dafür sind schnell aufgezählt: Der R8 ist als echter Sportwagen konzipiert, trägt schon im Namen und in der Technologie die Rennsport-Gene von Le Mans, wo Audi seit Mitte der Neunziger 16 Siege einfuhr. Und er liegt preislich noch in einem Rahmen, bei dem nicht nur Superreiche schwach werden können. Und dennoch ist der sportlichste aller Ringträger nicht nur einer für das gute Image. Rund 27 000 Audi R8 wurden von der ersten Generation bisher verkauft. Das spült auch gut Geld in die Kasse.

Und das Modell hat bereits seine eigene Tradition. So verwundert es wenig, dass Audi mit der zweiten Generation noch einen draufgesetzt hat. Allerdings eher technisch und weniger optisch. Schon die ersten Bilder im März verrieten, dass der neue R8 optisch keine Revolution wird. Die Ähnlichkeit mit dem Vorgänger mag man ihm vorwerfen, sie lässt sich aber auch als Fingerspitzengefühl werten. Würden wir so sehen, denn über das ganze Modell gesehen hat man bei dem Sportableger, der Quattro GmbH in Neckarsulm, gezielt dort eingegriffen, wo es nötig war und Dinge belassen, die der Vorgänger schon sehr gut gemacht hat.

Audi R8 fährt mit überarbeiteten Sauger

Beispiel Motor: Audi hat der Verlockung widerstanden dem R8 einen Turbo-Motor einzupflanzen. Was bei Ferrari mit dem neuen 488 GTB einem Sündenfall gleichkam, wäre für die Ingolstädter sicher eher zu verkraften gewesen. Aber das nur leicht überarbeitete Aggregat zeigt schon nach wenigen Metern, dass es jede erdenkbare Existenzberechtigung hat. Direkt in der Gasannahme, bärenstark aus dem Drehzahlkeller und fast in jeder Drehzahllage Leistung und Drehmoment satt. Für den gehörigen Respektabstand hat man in Neckarsulm in Sachen Leistung noch eine Schippe drauf gepackt. 610 PS und 540 Newtonmeter leistet der Sauger in der Topversion V10 plus, beim normalen V10 sind es immer noch 540 PS. Im Vergleich zum Mercedes AMG GT S mit seinen 510 PS ein gehöriges Übergewicht. Am Stammtisch macht sich das schon mal gut.

Besonders markant sind die nun noch flachere Haube und die LED-Scheinwerfer mit Laserlicht des neuen Audi R8. Foto: Tobias Sagmeister
Besonders markant sind die nun noch flachere Haube und die LED-Scheinwerfer mit Laserlicht des neuen Audi R8.Foto: Tobias Sagmeister

Das außerordentliche Ansprechverhalten wird ermöglicht durch eine neu konzipierte Saugrohreinspritzung, die variabel in die Brennräume oder direkt in das Saugrohr einspritzt. Das bringt neben der spontanerer Gasannahme auch einen Vorteil beim Verbrauch. Für diese Kategorie gibt es noch die Zylinderabschaltung, die Audi dem Sportwagen verpasst hat. Ein ganze Fünferreihe des Zehnzylinders in V-Form wird im Teillastbereich abgeschaltet und wenn bei Geschwindigkeiten jenseits der 55 km/h vom Gas gegangen wird, dann entkoppelt der R8 den Motor vom Getriebe und segelt dahin. So wird ein um 13 Prozent geringerer Verbrauch gegenüber dem Vorgänger errechnet und der Audi R8 V10 plus steht mit 12.3 Litern in der Normrunde im Prospekt, der normale V10 gar mit 11,4 Litern.

Audi R8 stürmt in 3,3 Sekunden auf 100 km/h

Das ist natürlich graue Theorie und eher was für den grünen Anstrich. Unsere Verbrauchswerte lagen bei mindestens 18, wenn es mal schneller voranging dann auch gerne bei 22 bis 24 Litern an Super-Plus-Kraftstoff, die da durch die zehn Zylinder gepustet werden. Und das wohlgemerkt vor den schnellen Runden auf der Rennstrecke in Portimão, wohin der Hersteller eingeladen hat.

Nicht auf der Rennstrecke dehnt der Audi R8 den Grenzbereich dank dem Allradantrieb quattro und dem guten Sportfahrwerk weit aus. Aus der Kurve geht der Sportwagen aus Neckarsulm dank viel Leistung und Drehmoment besonders flott. Foto: Tobias Sagmeister
Nicht auf der Rennstrecke dehnt der Audi R8 den Grenzbereich dank dem Allradantrieb quattro und dem guten Sportfahrwerk weit aus....Foto: Tobias Sagmeister

Während für die wenigsten Kunden der Verbrauch ein entscheidendes Thema werden wird, ist der Beschleunigungswert schon eher ein Kaufargument. Mit 3,3 Sekunden, die der Audi R8 für die Fahrt auf 100 km/h braucht und 9,9 Sekunden für die 200-km/h-Schallmauer schiebt sich Audis Supersportler ganz fix in die Nähe von Ikonen jenseits der Alpen oder aus britischen Gefilden. Und erst bei 330 Stundenkilometern soll Schluss sein mit dem Vortrieb.

Audi R8 schneidet durch die Kurven wie ein Tranchiermesser

Während wir diesen Wert so erst mal als glaubhaft erachten und nicht auf die Probe stellen, haben wir uns auf dem Kurs in Portimão eher an dem fast in Perfektion arbeitenden Quattro-Antrieb erfreut. Stufenlos und bedarfsgerecht verteilt der Allradantrieb die Antriebskräfte zwischen den beiden Achsen. Das ergibt ein verführerisches Gefühl der Stabilität, das auf freier Strecke schnell zu Übermut führt. Zum diesem Trugschluss, der Performance eines echten Rennfahrers nahe zu sein, trägt auch die neue Lenkung mit variabler Übersetzung bei. Der Audi R8 schneidet mit der Präzision eines Tranchiermessers durch die Kurven, dehnt die physikalischen Grenzen ein gehöriges Stück aus und beschleunigt aus dem Eck heraus, als säße man in einer DTM-Fahrmaschine.

Optisch die Top-Version Audi R8 V10 plus vor allem an dem feststehenden Heckspoiler aus Karbon zu erkennen. Die seitlichen Karbonabdeckungen, Blades genannt, sind nun zweigeteilt, können aber weiterhin farblich konfiguriert werden. Foto: Tobias Sagmeister
Optisch die Top-Version Audi R8 V10 plus vor allem an dem feststehenden Heckspoiler aus Karbon zu erkennen. Die seitlichen...Foto: Tobias Sagmeister

Das Schaltwerk, einst eher eine Schwäche des Audi R8, rattert nun im Sportmodus die sieben Gänge durch, dass der Vortrieb so gut wie nicht unterbrochen wird. Verzögert wird in der neuen Generation serienmäßig (zumindest beim V10 plus) mit einer Keramik-Karbon-Bremsanlage, die dem potenziellen Übermut ebenfalls sehr zuträglich ist. Die Verzögerung bewegt sich in einem Maß, das normalen Straßenfahrern gänzlich unbekannt ist.

Im Interieur gibt es erstaunlich viel Realismus

So flott sich der Audi R8 auch fährt, so präzise er als Sportwagen arbeitet - im Interieur kommt erstaunlich viel Realismus auf. Wäre da nicht dieses Lenkrad mit dem integrierten Startknopf und der Launch-Control, man könnte sich auch in einem TT wähnen. Mit dem teilt er sich nämlich das virtuelle Cockpit. Ansonsten alles typisch Audi. Gut, die Bedienelemente der Klimaanlage haben ein eigenes Design und die Sportsitze finden sich auch nicht in jedem Modell aus Ingolstadt. Fährt der Wagen aber in der Komfort-Abstimmung, beschleunigt sanft und federt leicht wie eine Limousine, dann ist jede Sportwagendramatik, von innen gesehen, verflogen. Dann wird aus dem R8 fast eine Limousine. Man vergisst den Alu-Space-Frame, der neuerdings um einige Karbon-Elemente erweitert wurde. Man vergisst die um einen Zentimeter gesenkte Sitzposition und erfreut sich am bequemen Gestühl, dem guten Infotainment und der tadellosen Verarbeitung. Gut, echte Sportwagen-Fans werden da mit den Zähnen knirschen, aber auch darüber lässt sich streiten.

Auf der Landstraße entwickelt der Audi R8 fast Langstrecken-Qualitäten. Untypisch für einen Sportwagen, aber auch kein Fehler. Foto: Tobias Sagmeister
Auf der Landstraße entwickelt der Audi R8 fast Langstrecken-Qualitäten. Untypisch für einen Sportwagen, aber auch kein Fehler.Foto: Tobias Sagmeister

Der Blick auf die Preisliste bringt einen schließlich gänzlich die Realität zurück. Um 6000 Euro ist der V10 im Preis gestiegen und kostet nun 165 000 Euro. Der V10 plus, der sich optisch vor allem durch den feststehenden Karbon-Heckspoiler auszeichnet, kostet 187 400 Euro. Die mehr als 20 000 Euro rechtfertigen sich aber auch durch die Keramik-Bremsanlage, das Sportfahrwerk, das Performance-Lenkrad und die Schalensitze in Serie. Dann bleiben nur noch wenige nennenswerte Extras, wie etwa das Laserlicht mit LED-Scheinwerfern etwa, für die Audi 3380 Euro extra berechnet, oder die Volllederausstattung mit gesteppten Sitzbezügen, die auf 3080 Euro extra kommen.

Es gibt auch echte Spielereien, wie die Karbon-Abdeckung für den Motor unter der Glaskuppel im Heck, die 3400 Euro extra kostet. So gelingt es mit einem Audi R8 doch noch über die 200 000-Euro-Grenze zu kommen und damit in die Preisregionen von Ferrari und Co. Wer es ein wenig günstiger mag, der wird sich bis 2017 gedulden müssen. Dann kommt der Audi R8 wohl mit einem doppelt aufgeladenen V6 auf den Markt, der das Angebot nach unten abrunden wird. Kein Sakrileg, wie gesagt. Eher was für den chinesischen Markt. Dennoch schade, denn das Prunkstück des R8 ist der Motor. Der findet sich nicht umsonst auch südlich der Alpen bei Lamborghini wieder, dort nur mit viel mehr Dramatik.

Stärken:

Sehr dynamischer V10-Suagmotor

Sehr gutes Handling

Praktisches Performance-Lenkrad

Schwächen:

Umfangreiche Serienausstattung V10 plus

Kleinliche Aufpreispolitik

Einiges an Großserie im Interieur

Autor

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

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