Vorstellung BMW 2er Active Tourer : BMW mal völlig anders

Zum ersten Mal in seiner Geschichte bringt das Unternehmen einen Minivan auf den Markt. Wie viel Bayern-Gene stecken noch im 2er Active Tourer?

Sven Jürisch
Im Zeichen der Niere. Man erkennt den 2er Active Tourer sofort als BMW. Auch das Fahrverhalten des Wagens ist bayerisch.
Im Zeichen der Niere. Man erkennt den 2er Active Tourer sofort als BMW. Auch das Fahrverhalten des Wagens ist bayerisch.Foto: Promo

BMW, wie haste dir verändert!“, möchte man ausrufen angesichts des rasanten Wandels der Münchner in den letzten 15 Jahren. Denn noch bis weit in die Neunziger stand der weiß-blaue Propeller vor allem für Sechszylinder, Heckantrieb und, tja, irgendwie auch für oft recht erlebnisorientierte Piloten. Schon Kombimodelle oder Diesel waren kleinere Sündenfälle, geduldet zugunsten des Geschäfts.

Und heute? Im Produktportfolio der Münchner gibt es eigentlich keine Lücken mehr. Selbst vor Jahren noch völlig undenkbare Modelle wie Geländewagen oder Elektroautos tragen inzwischen Weiß-Blau – und lassen in München die Kassen mehr denn je klingeln.

An eins allerdings hatte sich BMW bisher nicht herangetraut: an einen Minivan, so wie ihn Wolfsburg mit dem schicken Golf Sportsvan hat oder Stuttgart mit der Mercedes-B-Klasse. Doch auch BMW-Fahrer werden älter, sie bekommen Kinder, bei manchen der treuen Piloten von früher dürften auch Enkel schon ein Thema sein. Also: Warum das Geschäft komplett den anderen überlassen?

Déjà-vu. Die Silhouette erscheint bekannt. Bei Minivans diktieren Sachzwänge die Form des Wagens.
Déjà-vu. Die Silhouette erscheint bekannt. Bei Minivans diktieren Sachzwänge die Form des Wagens.Foto: Promo

2er Active Tourer: Hingucker auf der Straße

BMWs Antwort auf die Frage: der 2er Active Tourer. Der klassischen BMW-Klientel soll er gefallen, darauf hat man sichtbar einige Mühe verwendet: dynamisch straff in den Linien, mit kurzem Vorbau und langem Radstand. Okay, ein wenig erinnert seine Silhouette dann doch an bekannte Vorlagen, aber für sich betrachtet schaut der 4,34 Meter lange Bayer wirklich gut aus. In der Basisversion ist der Active Tourer vielleicht etwas hochbeinig, aber spätestens in der 3600 Euro teureren M-Sport-Version, mit Aerodynamik-Paket und 18-Zoll-Rädern, wird er dann zum Hingucker, der tief auf der Straße kauert. Damit man den Neuen auch bei Dunkelheit gleich als BMW erkennt, gibt es reichlich lichttechnische Spielereien, von denen die meisten etwas mit Leuchtdioden zu tun haben: vom LED-Tagfahrlicht über die Bi-LED-Scheinwerfer bis hin zu den LED-Rückleuchten ist alles dabei, was das Sehen und Gesehenwerden erleichtert. Und was klarmacht: Hier kommt ein BMW.

Aber natürlich soll der 2er Active Tourer vor allem praktisch sein, sonst könnte man sich ja auch einen Z4 kaufen. Deshalb gibt es vier Türen und eine große, gegen Aufpreis elektrisch betätigte Heckklappe. Die Ersteren sichern einen bequemen Einstieg, die Zweitere einen guten Zugang zu dem ohne umgeklappte Bänke 468 Liter großen Laderaum. Liegt die Bank flach, steigt das Volumen auf gut 1500 Liter. Und wem das noch nicht reicht, der kann ab Serienstart im Spätsommer zahlreiche Fahrrad- und Gepäckträger dazubestellen. Der Fahrradträger ist besonders pfiffig gemacht: Er ist an eine modifizierte Anhängerkupplung montiert und schwenkt bei Bedarf nach unten weg. So kommt man an den Kofferraum, ohne erst die Räder vom Träger heben zu müssen. Wird der Halter nicht mehr gebraucht, verschwindet er zusammengeklappt unter dem Kofferraumboden. Praktisch.

Das neue Modell ist ein Solitär in BMWs Programm, deshalb wollen ihn die Münchener ganz offensichtlich auch an Menschen verkaufen, denen die Form gefällt, die ansonsten aber in Oberklassekategorien denken. So kann der 2er mit fast allen Extras ausgerüstet werden, die es auch in den Top-Baureihen gibt. Das sind allen voran eine Menge Assistenzsysteme, auch ein Stop-and-go-Assistent, der den Wagen automatisch durch den zähen Verkehr steuert. Bemerkenswert dabei ist der Reifegrad der Bedienung. So kommen selbst Neueinsteiger nach kurzer Zeit der Eingewöhnung problemlos mit dem Navigations- und Entertainmentsystem zurecht. Hinzu kommen spezielle Lösungen für den 2er Active Tourer, wie etwa das große elektrische Glasdach. Es verwandelt den Innenraum des BMW auf Fingerschnipp in einen luftigen Ort.

Platz da. Legt man auch noch die Rückbank um, bietet der Active Tourer gut 1500 Liter Platz.
Platz da. Legt man auch noch die Rückbank um, bietet der Active Tourer gut 1500 Liter Platz.Foto: Promo

Erster BMW-Dreizylinder

Auch in Sachen Antrieb liefert der 2er Active Tourer eine Premiere: Denn im Angesicht des Downsizings und zum ersten Mal in der automobilen Neuzeit wird mit ihm ein BMW für den Massenmarkt von einem Dreizylindermotor angetrieben. Markenfreunde alter Schule dürfen an dieser Stelle kurz schlucken. Bei Mini hatte man das Konzept ja noch irgendwie akzeptiert – aber bei der bayerischen Hauptmarke? Doch der Motor ist nicht verkehrt, das merkt man schnell. Die 1,5 Liter große Maschine mit Turboaufladung leistet 136 PS, sie treibt die Einstiegsversion 218i an. Technisch ist der Motor den aktuellen Vierzylindern ähnlich, außerdem hat er mondäne Wurzeln: In BMWs futuristischem Hybrid-Supersportler i8 arbeitet er als Zusatzaggregat zum Elektroantrieb.

Trotzdem, wer mehr als drei Zylinder will, der bekommt sie: in Gestalt des BMW 225i, der von einem 231 PS starken Vierzylinder angetrieben wird. Er ist auch mit einem Achtgang- Automatikgetriebe lieferbar und macht aus dem Active Tourer einen gepflegten Dynamiker, allerdings ohne zum Rasen zu animieren. Denn zwar schafft der Wagen so motorisiert den Sprint auf Tempo 100 in sehr respektablen 6,6 Sekunden. Aber trotzdem fühlt sich der BMW souverän an, nicht übermotorisiert.

Bewährt hochwertig: Instrumente und Bedienung des Wagens sind so, wie man es schon von anderen BMW-Modellen kennt.
Bewährt hochwertig: Instrumente und Bedienung des Wagens sind so, wie man es schon von anderen BMW-Modellen kennt.Foto: Promo

Das liegt vor allem am aufwendigen Fahrwerk des Active Tourers. Das Modell ist ja das erste von BMW in der Neuzeit mit Frontantrieb – nächstes Sakrileg – und offenbar waren die Entwickler bemüht, Kritikern deswegen bloß keine Munition zu liefern. Das heißt: Egal, wie zügig man unterwegs ist, der BMW Active Tourer pariert optimal und vermittelt dabei Fahrspaß pur. Keine Spur von langweiligem Untersteuern à la Normal-Fronttriebler. Sondern nach den ersten schnell gefahrenen Kurven stellt sich im 2er das typische Fahrgefühl ein, das man bekommt, wenn der Wagen gut liegt und noch ein bisschen Esprit extra hat. Auch ein Verdienst der aufwendigen Hinterachse, die ab Herbst als zusätzliche Antriebsachse bei den X-Drive-Modellen fungieren wird. Als Normalfahrer braucht man den Allradantrieb aber nicht. Denn auch der Frontantrieb kommt mit der Leistung bestens zurecht. Für Notfälle gibt’s eine elektronische Traktionshilfe. Das typische Zerren in der Lenkung, das viele Fronttriebler haben, sucht man im BMW vergeblich.

Gepflegter Dynamiker: Der BMW 2er Active Tourer fühlt sich trotz starker Beschleunigung souverän an, nicht übermotorisiert.
Gepflegter Dynamiker: Der BMW 2er Active Tourer fühlt sich trotz starker Beschleunigung souverän an, nicht übermotorisiert.Foto: Promo

Nur der Preis stört

Wer sparen will und viel fährt, der kann den einzigen zum Start erhältlichen Diesel wählen. Er trägt die Bezeichnung 218d, verbaut ist BMWs bekannter Vierzylinder-Diesel mit 150 PS. In Kombination mit dem Sechsganggetriebe liegt der Normverbrauch dann nur bei 4,3 Litern. Viel sparsamer dürfte auch der 116 PS starke 216d nicht sein, der später folgen soll. Der 220d mit seinen 190 PS ist dagegen wohl vor allem für eilige Langstreckenpendler interessant. Das stärkste Modell wird als einziger Diesel mit Automatikgetriebe und Allradantrieb bestellbar sein, was den Basispreis auf rund 39 000 Euro anhebt.

Apropos Preis: Der 2er Active Tourer ist ganz sicher kein Sonderangebot. Zwar bietet er Top-Verarbeitung und viele Möglichkeiten, den Wagen zu individualisieren. Aber schon die Basisversion 218 kostet minimal 27 200 Euro. Nur wenige hundert Euro teurer käme die 150 PS starke Top-Version des VW Golf Sportsvan. Wer bei BMW gar den starken 225i wählt, der ist dem Händler mindestens 38 000 Euro schuldig. Aber auch eine Mercedes-B-Klasse mit 211 PS und Sieben-Gang-Automatik verlässt nicht unter 35 000 Euro den Verkaufsraum. Wie viele Kunden sich für die Top-Versionen entscheiden werden, darauf kann man gespannt sein. In der Vergangenheit waren es bei solchen Autos vor allem die Basismodelle, die die oft älteren Kunden ansprachen. Ob das bei BMW anders läuft, wird man sehen.

Aber da war ja die Frage, wie viel klassischer BMW im 2er Active Tourer noch steckt. Eine ganze Menge, muss man sie beantworten. Denn trotz Frontantrieb und Dreizylinder fühlt sich der erste Münchener Van doch sehr weiß-blau an. Eigentlich stört nur eins – der Preis.

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