Vorstellung Fiat 500L Living : Cinquecento macht in Familie

Sieben Personen in einem Fiat 500? Das hört sich nach Slapstick aus den Fünfzigern an. Bei Fiat ist das aber ganz ernst gemeint, denn der 500 kommt im Herbst als Living mit sieben Sitzen auf den Markt. Gut, so knuddelig wie der normale Cinquecento ist die Familienversion nicht. Dafür soll es aber reichlich Platz geben. Wir sind schon mal eine Runde gefahren.

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Kleiner Mann ganz groß: Mit dem Fiat 500L Living brechen die Italiener aus den Fahrzeugklassen aus.
Kleiner Mann ganz groß: Mit dem Fiat 500L Living brechen die Italiener aus den Fahrzeugklassen aus.Foto: Hersteller

Sieben Sitze in einem Auto. Vor dem geistigen Auge entstehen da Bilder von Großraum-Vans, wie dem Sharan von Volkswagen oder eine Ford Galaxy. Als eher abschreckende Beispiele dienen einige der ganz großen SUVs, die hinten dann noch zwei Sitze reingeschraubt bekommen, für ihre Außengröße aber ein nahezu inakzeptables Platzangebot in der dritten Reihe vorweisen. Ein Auto wie der Fiat 500 ist in dieser Kategorie eigentlich völlig unverdächtig.

Aber Fiat wäre nicht Fiat, wenn die Italiener so etwas nicht schon mal versucht hätten. 1955 kam der etwas größere Bruder des „Topolino“, dem Vorgänger des bekannten Cinquecento, der Fiat 600 Multipla, auf den Markt. Sechs Sitzplätze hatte der auf seinen nicht mal vier Metern Länge zu bieten und für Handwerker konnte über den hinteren Sitzreihen immerhin 1,75 Kubikmeter an Platz entstehen. Aber damals sah die Welt des Automobils noch etwas anders aus. Der Motor wurde hinten eingebaut, Kofferraum gab es nur darüber. Vorne war kein Platz, denn der Fiat 600 Multipla war eines der ersten Automobile mit Frontlenkerbauweise, bei denen der Fahrer quasi direkt hinter den vorderen Scheinwerfern sitzt. Eine Knautschzone kannte man damals noch nicht und aus heutiger Sicht scheint die Bauweise fatal gefährlich. Ein sicherheitstechnischer Horror quasi. Vorne und in der zweiten Reihe gab es zwei durchgehende Bänke, nur in der letzten Reihe waren zwei Einzelsitze verbaut, die aber immerhin schon wegzuklappen waren. Komfort bot der 600 Multipla kaum, ebenso wie Kraft. Lediglich 22 PS oblag es ein voll beladenes Auto vorwärts zu bringen. Aber für seine Zeit war das Konzept innovativ und der sechssitzige Cinquecento-Ableger verkauft sich immerhin 170 000 mal, was für eine Nischenbaureihe durchaus als erfolgreich gelten kann.

Gehobene Klasse

Kein Wunder also, dass Fiat auf den 500 noch mal einen drauf setzt. Dennoch ist der Ansatz eigentlich ein gewagtes Unterfangen. Das Platzangebot des 500 ist für seine Größe durchaus erstaunlich. Aber eben im Lichte seiner 3,55 Meter Länge betrachtet. Beim Fiat 500L wirkt der neue Cinquecento schon etwas wie mit der Luftpumpe aufgebläht. Dieser Effekt könnte dem Fiat 500L Living den Charme seines Ahnen zur Gänze austreiben. Zudem muss sich ein solcher Mini-Van nun mit ausgewachsenen Gegnern, wie zum Beispiel dem Ford C-Max oder dem VW Touran messen. Und da liegt die Messlatte nun mal höher als im Kleinwagenbereich.

Vorne und in der zweiten Reihe ist das Platzangebot des Fiat 500L Living sehr groß. In der hinteren Reihe ist das Ganze eher für Kinder sinnvoll.
Vorne und in der zweiten Reihe ist das Platzangebot des Fiat 500L Living sehr groß. In der hinteren Reihe ist das Ganze eher für...Foto: Hersteller

Gehen wir der ersten Gefahr mal nach, nämlich der delikaten Frage nach der Optik. Und da zeigt sich schnell, dass der Fiat 500L Living schon in allen Disziplinen zugelegt hat. Gegenüber einem normalen 500 ist er um 15 Zentimeter breiter, 17 Zentimeter höher und in der Länge sind es gar 80 Zentimeter. Aber das darf man dem Auto nun wirklich nicht vorwerfen, denn irgendwo muss der Platz schließlich herkommen. Im Vergleich zum 500L sind es denn auch nur 20 Zentimeter mehr. Überhaupt ist der Verwandtschaft mit dem im vergangenen Jahr vorgestellten 500L offensichtlich. Dadurch verliert der Fiat 500L Living aber leider auch ziemlich den Knutschkugel-Charakter. Die runden Scheinwerfer, vor allem die Front und etwas die Heckpartie – Ja, da ist noch ein bisschen Cinquecento, aber ganz so knuddelig ist er eben nicht mehr. Dafür werden elf verschiedene zweifarbige Lackierungen angeboten, die den 500L Living optisch aus der Masse herausheben sollen. Mit weißem Dach und dunkelgrüner Metalliclackierung gelingt das ganz ordentlich. Auch sonst ist der 500L Living vielleicht kein Kleinstwagen mehr. Aber zu einem herkömmlichen Kombi, einem VW Golf Variant zum Beispiel, fehlen dem Fiat doch fast 20 Zentimetern an Länge. Das macht sich beim Einparken und in engen Gassen durchaus positiv bemerkbar.

Beachtlicher Raum  

Dafür bietet der Fiat 500L Living innen mehr. Und damit ist nicht nur der Platz gemeint. Offenbar haben sich die Italiener der gehobenen Konkurrenz besonnen und am Interieur kräftig gefeilt. Auf dem Armaturenbrett findet sich Plastik mit Klavierlack, es gibt hie und da Karbon-Optik und zweifarbiges Leder auf den Sitzen. Sogar in den Türverkleidungen, auf dem Armaturenbrett und am Lenkrad findet sich Lederbesatz. Das sieht gut aus und macht viel her. Wer das fest installierte Navigationsgerät mitbestellt, der fühlt sich hier fast eine Klasse höher.

Das gilt auch für das Platzangebot, dass auf den vorderen Sitzen wirklich üppig ist. Aber das verwundert weniger, denn schon der normale 500 kann damit punkten. Beeindruckender ist da schon der angebotene Raum in der zweiten Reihe. Selbst wenn die vorderen Sitze bis zum Anschlag nach hinten geschoben werden lässt es sich hinten noch recht angenehm sitzen. Wenn vorne keine Sitzriesen Platz nehmen kann der Raum sogar als großzügig bezeichnet werden.

Kinder in Reihe drei  

Das gilt dann nicht mehr für die dritte Reihe, die wirklich eher eine Option für Kinder ist. Die Sitze sind, wie bei den meisten Siebensitzern, relativ flach verbaut und die Beine stehen sehr hoch. Der Zustieg ist durch die sich nach vorne faltenden Sitze der zweiten Reihe sogar relativ gut möglich. Aber die Kniefreiheit ist doch sehr überschaubar und auch oben rum werden Erwachsene viel Kontakt mit dem Fahrzeughimmel haben. So wird die hintere Sitzreihe wohl den Kleinsten in der Familie vorbehalten bleiben.

Den charmanten Charakter des ursprünglichen Cinquecento hat der 500L Living sicher nicht mehr. Mit 4,35 Metern Länge bleibt er aber halbwegs kompakt.
Den charmanten Charakter des ursprünglichen Cinquecento hat der 500L Living sicher nicht mehr. Mit 4,35 Metern Länge bleibt er...Foto: Hersteller

Die zusätzliche Sitzreihe schlägt sich naturgemäß auch im Kofferraumvolumen nieder. Das schrumpft bei aufgestellter dritter Reihe auf 178 Liter. Leider weist die Rückbank zudem noch eine ungünstige Neigung nach hinten auf, wodurch der Raum relativ schlecht nutzbar ist. Ein normaler Koffer findet hier gerade noch Platz, ein Kiste Mineralwasser wird da eher vorne mitfahren müssen. Im Normalfall ist die dritte Reihe aber umgelegt und ebnet den Weg zu einem flachen Ladeboden mit 560 Liter Ladevolumen darüber. Das ist schon nicht schlecht, aber daraus können bis zu 1708 Liter werden. Damit kann der Fiat 500L Living die meisten Mittelklasse-Kombis locker in die Tasche stecken.  

Drei Motoren zum Start 

Wer den 500L Living von außen ansieht, der mag befürchten, dass das Fahrverhalten sehr schaukelig werden könnte. Denn das Auto sieht hochbeinig aus und hat von den Proportionen her ein vergleichsweise dickes Heck. Das ist allerdings unbegründet, denn Fiat ist ein ganz guter Kompromiss zwischen Komfort und Stabilität gelungen und so kann der bisher größte Cinquecento mit seinen Fahreigenschaften durchaus überzeugen. Vor allem, wenn der 1,6 Liter große Diesel an Bord ist. Mit dem größten Selbstzünder im Angebot und seinen 105 PS lässt sich das Auto sehr ordentlich bewegen, was freilich vor allem dem Drehmoment von 320 Newtonmeter zu verdanken ist. Denn als Van bringt der 500 dann doch immerhin 1470 Kilogramm auf die Waage.

Mit drei Motorisierungen geht der Fiat 500L Living ab September an den Start. Die zwei Dieselantriebe werden durch einen Zweizylinder-Benziner ergänzt.
Mit drei Motorisierungen geht der Fiat 500L Living ab September an den Start. Die zwei Dieselantriebe werden durch einen...Foto: Hersteller

Neben dem großen Selbstzünder steht noch ein kleinerer mit 1,3 Liter Hubraum und 85 PS zur Auswahl. Die dritte Motorisierung, die beim Marktstart im Herbst angeboten wird, ist der 0.9 Liter große Zweizylinder, den Fiat auch bereits für den normalen 500L anbietet. Damit ist das Auto zwar gleich 105 Kilogramm leichter. Aber die 105 PS des aufgeladenen TwinAir-Motors dürften es dennoch deutlich schwerer haben als beim kürzeren und damit leichteren 500L. Auf dem Papier nehmen sich die Motorvarianten relativ wenig. Alle drei erreichen Höchstgeschwindigkeiten zwischen 167 (1.3 Multijet) und 180 km/h (1.6 Multijet) und liegen beim Verbrauch zwischen 4,2 (1.3) und 4,8 (Twinair) Litern kombiniertem Verbrauch auf 100 Kilometer. Die kleinvolumigen Motoren werden in ihrem Durst serienmäßig über ein Start-Stopp-System gezügelt.

Bricht aus dem Klassendenken aus  

Ab September wird der Fiat 500L Living so zu den Händlern rollen. Wer keine sieben Sitze benötigt, der kann den Großraum-Cinquecento auch ganz normal mit fünf Sitzen bestellen. Genaue Zahlen ließ sich Fiat bisher nicht entlocken, aber der Grundpreis soll wohl unter 19 000 Euro liegen.

Damit bricht der smarte Italiener aus dem bisher etablierten Klassendenken aus. Im Vergleich mit einem VW Touran beispielsweise ist der Fiat sehr günstig. Und den Wolfsburger gibt es eben nur optional als Siebensitzer. Im Gegensatz zu den meisten Mini-Vans hingegen bietet der Fiat 500L Living dann doch deutlich mehr Nutzwert und kann in dieser Disziplin günstigere Konkurrenten übertrumpfen. So hat der XXL-Cinquecento durchaus seine Nische definiert, in der er möglicherweise ganz gut leben könnte. Ob das die Kunden auch so sehen, wird sich ab diesem Herbst zeigen.

Autor

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
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