Vorstellung Ford EcoSport : Fiesta im Abenteuerdress

Eco oder Sport? Der Ford EcoSport will beides sein. Leider kann er beides nicht richtig und leistet sich auch noch eklatante Schwächen.

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Aus der Balance. Trotz zahlreicher Änderungen wirkt der Ford EcoSport nicht so, als wäre er schon in Europa angekommen. Kein Allrad, dürftige Qualität und antrittsschwacher Motor.
Aus der Balance. Trotz zahlreicher Änderungen wirkt der Ford EcoSport nicht so, als wäre er schon in Europa angekommen. Kein...Foto: promo

Manche Dinge im Leben entwickeln sich zäh. Wie die Sache mit dem EcoSport. Dieses Auto fährt schon seit 2003 über brasilianische Straßen. Und zwar sehr erfolgreich; über 700000 Verkäufe bislang. Nun endlich darf der EcoSport auch, von höchster Ford-Stelle genehmigt, in der zweiten Generation nach Europa und zu uns kommen. EcoSport? Eco und Sport schließen sich ja eigentlich aus. Wer Sport macht, muss Leistung abrufen. Und Eco steht für sparsam, also das Gegenteil von Kraftausbruch. So merkwürdig wie der (brasilianische) Name ist auch einiges an diesem Auto, das in Brasilien entwickelt, in Indien gebaut und nun in 140 Ländern der Welt verkauft werden soll.

Doch der EcoSport wird nicht eins zu eins zu uns gelangen. Über 300 Teile, so der leitende Programmingenieur Nick Fitzgerald, sind für die Europa-Version verändert worden. Dennoch reicht es nicht für fünf Sterne im Euro-NCAP-Crashtest; es fehlen die Gurtwarner für die Fondbank, und der Fußgängerschutz sollte besser sein. Dennoch sind alle üblichen Sicherheitssysteme an Bord, so dass sich keiner Sorgen machen muss. Die technische Basis für die zweite EcoSport-Generation liefert der Fiesta: Im Grunde genommen ist der EcoSport also ein Fiesta im Abenteuerdress.

12 Zentimeter höher als ein BMW X1

Und diese Verwandlung ist, wenn auch mit Abstrichen, gelungen: Das Mini-SUV sieht, mehr als seine Konkurrenten wirklich nach dem kleinen Abenteurer nach Feierabend aus. Mit seinem hohen Frontgrill und dem hinten außen angebrachten Ersatzrad sieht der Kleine aus, als könne kein Gelände zu schwierig für ihn sein. Er macht optisch was her: überdurchschnittliche 20 Zentimeter Bodenfreiheit, beachtliche 55 Zentimeter Wattiefe und stolze 1,67 Meter Höhe. Damit ist der kleine Ford 12 Zentimeter höher als ein BMW X1! Er passt zudem in volle Städte. Mit Ersatzrad ist er 4,27 Meter lang, misst also nur einen Zentimeter mehr als der VW Golf.

Der Abenteuer-Fiesta ist allerdings ein Aufschneider, denn er kommt, im Gegensatz zu seinem Heimatland Brasilien, ohne Allradantrieb zu uns. Warum? Darauf geben die Ford-Leute nur eine ausweichende Antwort: Die Kunden würden so etwas nicht wünschen. Merkwürdig, denn bei den anderen Mini-SUV liegt der Allradanteil zwischen 30 und 50 Prozent. Apropos Zahlen. Auch bei anderen Leistungsdaten ist der EcoSport eher ein Blender. Das robust wirkende Auto darf nur kümmerliche 348 bis 365 Kilogramm zuladen und auch nur 400 bis 750 Kilogramm an den Haken nehmen. Das können viele in diesem neuen Segment besser.

Die Basis für den Ford EcoSport liefert der Fiesta.
Die Basis für den Ford EcoSport liefert der Fiesta.Foto: promo

Weder Eco noch Sport

Besser gelungen ist den Ford-Leuten hingegen die für europäische Geschmäcker speziell verfeinerte straffere Abstimmung des Fronttrieblers. Und dabei hatten sie es ja nicht einfach, denn hoher Aufbau, große Bodenfreiheit und ordentliche Handlichkeit schließen sich normalerweise auch aus. Klarerweise lässt sich der hoch bauende Fiesta-Ableger nicht so sportlich bewegen wie sein Genspender. Aber eine Schaukel ist er zum Glück auch nicht. Hinzu kommt die elektro-mechanische Lenkung mit ihrer guten Rückmeldung. Die Ford-Leute können noch immer gute Fahrwerke, auch wenn hier an ihre (physikalischen) Grenzen gestoßen sind.

Wir sind das laut Ford von den Kunden möglicherweise meistgewünschte Modell gefahren – den ein Liter großen und 125 PS starken Dreizylinder-Benziner, der bereits viele Auszeichnungen erhalten hat. Was sofort auffällt: Im EcoSport ist der Dreizylinder schlechter gedämmt als im Focus – und damit lauter. Dennoch macht er auch hier im 1,35 Tonnen schweren Auto seine Sache ordentlich, obwohl er gegenüber dem Focus im EcoSport nur mit fünf statt sechs Gängen auskommen muss. Vor allem im bergigen Gelände verlangt der kleine Motor nach Drehzahlen.

Hoher Verbrauch, keine Start-Stopp-Automatik

Und das fordert einen Spritzuschlag. Statt der vom Werk versprochenen 5,3 Liter waren es auf unserer Tour mit Stop-and-Go in der Stadt, 140 km/h auf der Autobahn und Normaltempo in den Bergen immerhin 7,4 Liter auf 100 Kilometer. Kein Grund zum Beifall. Und eine bei anderen Herstellern mittlerweile serienmäßige Start-Stopp-Automatik gibt es weder beim Dreizylinder noch bei den anderen beiden Triebwerken. Der EcoSport ist weder Eco noch Sport.

Und das Raumangebot? Die Passagiere haben genügend Freiraum in diesem Auto, aber das Kofferraumvolumen fällt nur durchschnittlich groß aus: 333 bis 1238 Liter. Der ebene Kofferraum lässt sich dank erfreulich niedriger Ladekante zwar bequem füllen, doch die wegen des außen liegenden Ersatzrades seitlich angeschlagene Tür ist unpraktisch. Wenn jemand in der Stadt zu nahe hinter dem EcoSport parkt, kann man wegen des schmalen Öffnungswinkels der breiten Hecktür nur noch Briefe einwerfen!

Multimediasystem mit App-Link

Bei der Ausstattung lässt Ford den Kunden keine Wahl: Der EcoSport wird nur in der Top-Version Titanium ausgeliefert, was das fast komplett ausgestattete Auto vergleichsweise teuer macht. Pfiffig ist das 400 Euro teure Multimediasystem Ford Sync mit App-Link. Damit kann mittels Smartphone per Sprachsteuerung auf Datenbanken zugegriffen werden, um beispielsweise 20 Millionen Musiktitel oder Hörbücher zu genießen oder sich Emails vorlesen zu lassen. Damit ist der Kleine weit vorn.


Im Juni nächsten Jahres soll der neue Fiesta-Ableger bei den Ford-Händlern stehen. Bestellt werden kann der EcoSport schon jetzt. Das Einsteigermodell mit einem 112 PS starken 1,5-Liter-Vierzylinder-Benziner und Fünfgang-Schaltgetriebe kostet 19200 Euro. Das ist ein stolzer Preis. Der 13 PS stärkere Dreizylinder-Turbobenziner ist noch 1000 Euro teurer als das Einsteigermodell. Und abermals 1000 Euro mehr kostet der 90 PS starke Diesel, der nur eine Nebenrolle spielen dürfte. Und nur für den Basisbenziner ist für 1300 Euro ein Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe lieferbar. Zum Vergleich: Ford selbst bietet derzeit den größeren, bequemeren und sportlicheren Focus Turnier mit dem Dreizylinder für nur 14990 Euro an, inklusive Klima- und Audioanlage. Da relativiert sich selbst der Aktionspreis von 17990 Euro für das Einsteigermodell des EcoSport, inklusive hinterer Parkpiepser und Ford Sync.

Ausbaufähig: Die Qualität und Verarbeitung im Innenraum genügt an vielen Stellen (noch) nicht europäischen Standards - der Ford EcoSport wird in Indien gebaut.
Ausbaufähig: Die Qualität und Verarbeitung im Innenraum genügt an vielen Stellen (noch) nicht europäischen Standards - der Ford...Foto: promo

Hartplastik und unsaubere Verarbeitung

Gut sechs Monate vor Markteinführung seien wir noch Vorserienfahrzeuge gefahren, wurde immer wieder betont. Das spürt man vor allem im Innenraum mit seinen vielen Hartplastikteilen, die mit ihrer unsauberen Verarbeitung und vielen Graten noch nicht europäischen Qualitätsstandards entsprechen. Das solle sich aber bis Juni 2014 ändern, hieß es. Da gibt es allerdings noch einiges zu tun.


Fazit: Wer mit den Einschränkungen und Merkwürdigkeiten des neuen Ford leben kann, fährt ein Auto, das nach Mehr aussieht und mit dem man auffällt. Überdies sitzt man höher als in anderen dieser Bonsai-SUV – und von weitem sieht das kleine SUV aus wie ein großer Geländewagen. Das ist doch schon was. Kein Wunder, dass derzeit keine andere Autogattung so schnell wächst wie die der Mini-SUV. Die Gründe sind vielfältig: Man sitzt höher, schaut zudem in einem Wägelchen der Kleinwagenklasse auf das Einerlei der automobilen Masse herab.

SUV-Marktanteil steigt

Generell boomt das Segment der "kleinen" SUV und findet ein Publikum. Viele der hochgebockten Kleinwagen haben Allradantrieb an Bord, der in bergigen Gegenden oder im Winter hilfreich ist. Und viele Menschen fahren nur noch zu zweit; die Kinder sind raus. Warum also viel teures Blech durch die Gegend fahren und in der Stadt nach raren Parklätzen suchen? Da sind Mini-SUV genau das Richtige, zumal sie in aller Regel eine noch überschaubare Ausgabe darstellen.

So gehen Marktbeobachter auch davon aus, dass dieses Segment bis 2020 noch einmal um 50 Prozent wachsen und dann jeder dritte neu zugelassene Pkw ein SUV sein wird. Egal welcher Größe, jedoch mit Tendenz zu den Kleinen. Das sind derzeit Erfolgstypen wie der Opel Mocca (ab 18990 Euro), der Peugeot 2008 (ab 14700 Euro), der Nissan Juke (ab 15450 Euro), der Renault Captur (ab 15290 Euro) oder der teurere Mini Countryman (ab 20350 Euro). Ab 2015/16 folgt der nächste große Schub unter den Möchte-Gern-SUV: Dann starten unter anderem der kleine Audi Q1, der VW Taigun und der Mazda CX 3. Es wird bunt in dieser Boom-Klasse.

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