Vorstellung Hyundai Tucson : Western ist nur der Name

Beim Hyundai Tucson ist der Name eher weniger Programm. Der Nachfolger der ix35 ist mehr City-Cowboy, denn Western-Held. Genau damit dürfte er aber wieder den Nerv vieler Kunden treffen.

von
Der Hyundai Tucson als Nachfolger des ix35 wird sich sicher wieder die Krone in der internen Zulassungsstatistik der Koreaner aufsetzen können. Selbst wenn die Preise spürbar angezogen haben.
Der Hyundai Tucson als Nachfolger des ix35 wird sich sicher wieder die Krone in der internen Zulassungsstatistik der Koreaner...Foto: Hersteller

Tucson? Das ist doch die Westernstadt im heutigen US-Bundesstaat Arizona. Das ist doch auch der Ort, wo am 20. März 1882 am Bahnhof Wyatt Earp und Doc Holliday den Postkutschenräuber Frank Stilwell erschossen, weil sie ihn des Mordes an Earps Bruder Morgan verdächtigten.

Tucson? Das ist doch auch die Bezeichnung für ein SUV der koreanischen Marke Hyundai. Tucson klingt nach Abenteuer, Sonnenuntergängen in der Wüste und Lagerfeuern. Das sollte man auch in einem koreanischen SUV „erfühlen“ können, deshalb benannte Hyundai alles Grobstollige nach Wildwestorten. Bis 2006/2007. Dann wurden Hyundai Tucson und Santa Fe „eingemeindet“ in das anonyme Zahlenwerk der Koreaner und mutierten zu ix35 und ix55. Bis zu diesem Jahr. Da startet nach dem bereits 2012 auf den Markt gekommenen Santa Fe der neue Tucson in seiner dritten Generation. Und der ist etwas ganz Neues. Für Hyundai geradezu ein Sprung nach vorn.

Hyundai Tucson wird länger, breiter, aber flacher

Gegenüber dem ix35 ist der Tucson größer geworden. So ist er mit 4,48 Metern 6,5 Zentimeter länger, drei Zentimeter breiter auf nun 1,85 Meter, dafür aber zwei Zentimeter flacher auf 1,65 Meter Höhe. Die geänderten Maße sorgen für einen dynamischeren Auftritt. Neues Selbstbewusstsein verkörpert der XXL-Grill im sogenannten Hexagonalstil. Irgendwann werden wohl Autohistoriker darüber streiten, wer diese Art des eckigen Monstergrills erfunden hat: Aston Martin, Audi, Ford, Maserati? Egal. Diese neue Hyundai-Version wirkt ähnlich dominant-protzig wie jene der Pickup-Studie Santa Cruz, welche die Koreaner auf der Detroit Motor Show in diesem Jahr zeigten. Ansonsten gibt sich das vom Italiener Nicolas Danzer gestylte SUV elegant, wenn auch mit gewissen Anleihen von bekannten Modellen anderer Hersteller.

Hyundai rühmt sich, beim neuen Tucson den größten Innenraum in diesem Segment anzubieten. Und in der Tat: Platz hat er ohne Ende. Und mit seinem Kofferraumvolumen von 513 bis 1503 Litern steht der Tucson im Konkurrenzumfeld (Skoda Yeti 405 bis 1580 Liter, VW Tiguan 470 bis 1510 Liter) gut da.

Hyundai Tucson bringt selbst entwickelte Siebengangautomatik mit

Und er steht nicht nur gut da, er fährt sich auch überraschend gut. Denn die Koreaner haben in Zusammenarbeit mit deutschen Entwicklern und Technikern im Design- und Entwicklungszentrum in Rüsselsheim dem Tucson der dritten Generation, welche in Slowenien und Tschechien produziert wird, konsequent die Schwachstellen seines Vorgängers ix35 ausgetrieben: Fahrwerk, Lenkung, Antrieb, Anfassqualität wurden verbessert. Das Ergebnis überzeugt uns auf (fast) ganzer Linie. Wir sind den Hyundai Tucson mit dem neuen Turbo-Benzindirekteinspritzer gefahren, welcher mit der neuen, selbst entwickelten Siebengang-Doppelkupplungsautomatik gekoppelt ist. Eine feine Kombination. Der Turbo agiert druckvoll und sehr leise. Viel leiser jedenfalls als die im Grundton etwas raueren VW-Aggregate. Der Automat wechselt die Gänge unmerkbar, zeigt auch nicht jenes nervige Anfahrrucken wie die Doppelkupplungsautomatik in bestimmten VW-Modellen.

Auch innen frisch: Der Hyundai Tucson ist das neue Aushängeschild der Marke. Das macht sich auch am Interieur fest.
Auch innen frisch: Der Hyundai Tucson ist das neue Aushängeschild der Marke. Das macht sich auch am Interieur fest.Foto: Hersteller

Das Auto ist erfreulich übersichtlich, das Cockpit fein verarbeitetet, die Materialien machen einen guten Eindruck. Die Vordersitze könnten allerdings etwas mehr Seitenhalt bieten. Das Navi tut genau das, was es soll: Es verbindet einfache Bedienung mit klarer Routenführung. Doch allein am Lenkrad befinden sich acht Knöpfe und vier Kippschalter, dennoch kommt man schnell zurecht. In der Mittelkonsole sitzt die „Sporttaste“. Eher eine Spielerei, denn die Elektronik spitzt nur die Kennlinien von Motor, Getriebe und Lenkung an. Das war’s, braucht man aber so nicht. In ein nicht vorhandenes adaptives Dämpferwerk kann sie logischerweise nicht eingreifen. Doch das ist beim Hyundai Tucson eigentlich auch gar nicht nötig, denn trotz straffer Grundabstimmung federt dieses SUV harmonisch und komfortabel. Auch die Lenkung ist gegenüber dem Vorgänger um eine Klasse besser geworden. Die agiert nun präzise und vermittelt eine ausreichende Rückmeldung. Und zum Glück sind die Koreaner nicht diesem Sportwahn im SUV-Revier gefolgt. Der Hyundai Tucson strengt nicht an und regt nicht auf.

Start-Stopp gibt es beim Hyundai Tucson nur für den Schalter

Den Koreanern ist mit dem neuen Hyundai Tucson zweifelsohne ein großer Sprung gelungen. Dennoch ist nicht alles super. Der neue Turbobenziner ist leider ein Trinker, und die übrige Motorenpalette entspricht weitgehend der des ix35, nur auf die Euro-6-Abgasnorm umgestellt. Der von Hyundai angegebene Normverbrauch von 7,5 Litern pro 100 Kilometer für einen 1,6 Liter-Vierzylinder-Turbo mit 177 PS, Doppelkupplungsautomatik und Allradantrieb ist auch bei einem 1,6-Tonner nicht zeitgemäß. Auf unserer keineswegs flott gefahrenen Testrunde mit einem kleinen Stadtverkehranteil kamen wir auf einen realen Verbrauch von 9,7 Litern. Eine Start-Stopp-Automatik gibt es für den Benziner mit Automatik nicht, nur für den Benziner mit Schaltgetriebe!

Mehr als 500 Liter passen schon im Normalfall ins Heck des Hyundai Tucson. Damit schlägt er sogar den Platzhirsch VW Tiguan.
Mehr als 500 Liter passen schon im Normalfall ins Heck des Hyundai Tucson. Damit schlägt er sogar den Platzhirsch VW Tiguan.Foto: Hersteller

Und der Diesel? Wir sind die überarbeitete 185-PS-Version mit der Sechsstufen-Wandlerautomatik gefahren und waren überrascht, um wie viel kultivierter der Selbstzünder im Tucson gegenüber dem Vorgänger ix35 agiert. Man wird gelassen mit dieser Kombination, 402 Newtonmeter Drehmoment ab 1750 Touren reichen allemal. Doch auch hier überraschte der vergleichsweise hohe Verbrauch des Selbstzünders auf der zweiten Testrunde: 8,3 Liter statt der vom Werk versprochenen (auch recht hohen) 6,5 Liter. Schade, denn sowohl Benziner als auch Diesel gefallen als durchzugsstarke und vor allem leise Triebwerke. Eigentlich ideal für lange Reisetouren. Hier gibt es noch Verbesserungsbedarf.

Knifflige Ausstattungspolitik beim Hyundai Tucson

Auch im leichten Gelände behauptet sich der Tucson trotz seiner vergleichsweise geringen Bodenfreiheit von 17,2 Zentimetern. Bis zu 50 Prozent der Antriebskraft können auf die Hinterachse übertragen werden. Leichte Verschränkungen, steile Anstiege und Schrägfahrten bis rund 30 Prozent schafft der Tucson auf einem Geländeparcours erstaunlich souverän.

Von den Rädern bis zum Namen. Hyundai geht mit dem Tucson nicht nur namentlich neue Wege. Das Design des SUV soll stilbildend für andere Modelle der Marke werden. Auch bei Qualität und Ausstattung im Interieur haben die Koreaner erneut einen Schritt nach vorne gemacht.
Von den Rädern bis zum Namen. Hyundai geht mit dem Tucson nicht nur namentlich neue Wege. Das Design des SUV soll stilbildend für...Foto: Hersteller

Mit ihrer Modellpolitik machen es die Koreaner deutschen Kunden nicht gerade leicht. Die Siebengang-Doppelkupplungsautomatik gibt es nur für den neuen Turbo-Benzindirekteinspritzer in Verbindung mit Allradantrieb. Doch in dieser Konfiguration darf das stattliche SUV nur 1,4 Tonnen an den Haken nehmen. Wer eine halbe Tonne mehr ziehen möchte, muss zur handgeschalteten Version greifen! Und viele der schönen neuen Technikgimmicks wie LED-Hauptscheinwerfer, automatischer Einparkassistent, Spurhalteassistent, Verkehrszeichenerkennung, elektrische öffnende Heckklappe oder belüftbare Vordersitze bietet Hyundai nur in den teureren Versionen oder gar nur im Topmodell an. Mit der bis Tempo 70 aktiven City-Notbremsfunktion hat es zumindest ein wichtiges Assistenzsystem in die Serienausstattung geschafft.

Einen großen Sprung hat Hyundai auch bei den Preisen gemacht: Happige 1430 Euro kostet das Basismodell des Tucson mehr als das des Vorgängers ix35. Mit einem Einstiegspreis von 22.400 Euro für den Basisbenziner mit 135 PS ist der Hyundai Tucson stramme 2500 Euro teurer als ein vergleichbarer Nissan Qashqai oder Renault Kadjar. In diesem Segment viel Geld. Und das von uns gefahrene Topmodell mit 185 PS starkem Zweiliterdiesel, Allradantrieb und Sechsstufen-Wandlerautomatik steht gar mit 39.850 Euro in der Preisliste. Damit ist ein vergleichbarer VW Tiguan mit 185 PS und Siebengang-Doppelkupplungsautomatik keine 2000 Euro teurer. Das muss man erst mal verdauen. Hyundais Versprechen könnte dagegen für etwas Entspannung sorgen: fünf Jahre Garantie mit Sicherheitschecks und ohne Kilometerbegrenzung. Ab Mitte Juli steht der Tucson bei den Händlern.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben