Vorstellung Jaguar XE : Ganz und gar Brite

Neuer Anlauf für die Raubkatze in der Mittelklasse: Der Jaguar XE ist so ganz anders als die, vornehmlich deutsche, Konkurrenz in diesem hart umkämpften Segment. Gerade das dürfte aber sein Vorteil sein, denn der sportliche Brite hebt sich wohltuend aus dem Mainstream heraus.

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Designobjekt: Der Jaguar XE wird das Mittelklasse-Segment um einen interessanten Farbtupfer bereichern. Genau da könnte auch sein Vorteil liegen. Jaguar rechnet mit einer Neukunden-Quote von mindestens 90 Prozent.
Designobjekt: Der Jaguar XE wird das Mittelklasse-Segment um einen interessanten Farbtupfer bereichern. Genau da könnte auch sein...Foto: Jaguar

„Dieses Jahr wird für die Marke Jaguar ein ganz entscheidendes“, sagt Peter Modelhart, Geschäftsführer Jaguar Deutschland. „Bis Jahresende kommen drei neue Modelle, die bei den Händlern in den kommenden Jahren wahrscheinlich bis zu 80 Prozent des Absatzes ausmachen werden.“ Sowas nennt man wohl Schicksalsjahr. Noch nie gab es von der Insel in so kurzer Zeit so viele Neuheiten und noch nie war die Modellpalette so breit aufgestellt. Vor allem vom Jaguar XE, dem neuen Anlauf in der hart umkämpften Mittelklasse, verspricht man sich viel.

Jaguar galt lange als Alfa Romeo auf britisch. Glorreiche Tradition, aufregendes Design und emotional in der Fahrweise – alles, was Autofans lieben. Aber eine gewisse Leidensfähigkeit gehörte für Liebhaber der Marke eben auch dazu. Bei Jaguar betraf das weniger die Qualität, auch wenn man sich auch in diesem Feld früher nicht unbedingt mit Ruhm bekleckerte. Da ging es eher um technische Finesse, die es nicht für Geld und gute Worte gab, um die paar Prozent an Fahrspaß, die ein Jaguar dann eben im Vergleich zur Konkurrenz eben nicht mehr hatte und um Motoren, die unter Volllast gerne mal aufgaben. Jaguar-Fahrer waren Enthusiasten, die ihrer Marke zuliebe bereit waren Abstriche zu machen.

Glückloser Vorgänger des Jaguar XE

Diese Zeiten sind spätestens mit der Einführung der Oberklasse-Limousine XJ vor sechs Jahren Geschichte. Seit die Briten die Regentschaft von Ford verlassen haben und unter Tata wieder ihren eigenen Charakter und eigene Technik entwickeln dürfen, hat sich eine Menge getan in Sachen Technologie, Qualität und Design. Ja, gerade im Design manifestiert sich dieses neue Leben, dass die Marke unter Vorstand Ralf Speth eingehaucht bekam. Das erste und bisher einzige Mittelklasse-Auto der Briten, war der X-Type. Unter Ford machte man die ersten Schritte im Volumensegment Mittelklasse. Aber der X-Type war zu sehr Ford Mondeo, mit dem er sich die Plattform teilte, als er Jaguar-Fans begeistern könnte. Unter der Haube, sowie im Innenraum gab es ein Allerlei aus den Ford-Regalen.  Sogar der Vorwurf des Badge-Engineering, also der kompletten Übernahme des Mondeo, bei dem dann nur noch die Markenembleme ausgetauscht würden, stand im Raum. Das entsprach nicht den Tatsachen, aber zuträglich war es dem Absatz des Modells sicher nicht. 2007 wurde die Produktion des X-Type schließlich eingestellt.

Der XE spricht da eine andere Sprache, schon optisch. „Früher sahen alle Jaguar-Modelle verschieden aus, eine Linie war nicht zu erkennen“, sagt Designer Wayne Burgess. Gerade aber für eine so kleine Marke sei es entscheidend, dass ein Jaguar schon aus weiter Ferne als ein Jaguar zu erkennen sei. „Der Jaguar XE wird ein Aushängeschild, wird diese Designlinie bekannt machen“, erklärt Burgess die Bedeutung des Autos für das künftige Design der Marke.

Jaguar XE sticht neben der Konkurrenz heraus

Das verwundert wenig, greift man bei Jaguar doch in einem Segment an, das hohe Absatzzahlen verspricht. „Der XE ist eines der wichtigsten Modelle für uns überhaupt“, sagt Peter Modelhart. „Wir greifen in einem wettbewerbsintensiven Segment an. Und wir sind dabei gut aufgestellt.“ Gut aufgestellt ist der Jaguar XE tatsächlich. Langer Radstand, kurze Überhänge, breite Schultern und eine leicht verbreiterte Spur hinten lassen den britischen Mittelklässler satt auf der Straße stehen. Hinzu kommen markante LED-Signaturen vorne und in den Heckleuchten. Keine Frage, neben einer Mercedes C-Klasse, einem BMW 3er oder Audi A4 sticht dieses Modell heraus. Das gilt auch für das Interieur, wo Jaguar deutlich zugelegt hat. Feines Leder und Chromapplikationen prägen den Innenraum, vor allem aber die abgesetzte Oberkante, welche Armaturenbrett und Passagiere fast schulterhoch umschließt. „Riva spange“ nennen die Designer diese Kante, abgeleitet von den klassischen Holzbooten von Riva. Beim Jaguar XE wird dieses formschöne Designelement auf Wunsch auch beleuchtet.

Langer Radstand, kurze Überhänge - ein gängiges Konzept für mehr Platz in diesem Segment. Der Jaguar XE macht daraus ein formschönes Auto mit Coupé-Charakter.
Langer Radstand, kurze Überhänge - ein gängiges Konzept für mehr Platz in diesem Segment. Der Jaguar XE macht daraus ein...Foto: Jaguar

Nachholbedarf gab es bis vor kurzem vor allem bei Navigation und Infotainment. Das Angebot von Jaguar entsprach hier nicht mehr dem Stand der Technik. Diesen soll das neue Infotainmentsystem namens „InControl“ nun erreichen. Zumindest auf der obersten Ebene ist das auch gelungen. Über Kacheln – Apple und Adroid lassen grüßen – werden die Untermenüs angesteuert. Der Jaguar XE bietet darunter alles, was Autos heute leisten müssen. Er ist Wlan-Hotspot, spielt Apps vom Smartphone aus und Musik über Bluetooth ab. Das Ganze kommt dann optional über eine Soundanlage von Meridian auf die Ohren der Passagiere. Das kann sich schon sehen, respektive hören lassen.

Neues Infotainmentsystem feiert Premiere im Jaguar XE

Besonders findig ist das System InControl-Remote, mit dem sich Nutzer von iPhone oder Android-Smartphones mit ihrem Jaguar verbinden und verschiedene Fahrzeugfunktionen ansteuern können. So kann etwa der Standort des Autos oder der Füllstand des Tanks abgefragt werden. Oder es darf bis zu sieben Tage Heizung oder Klimaanlage vorprogrammiert werden. Schöne Welt, die Jaguar da bietet, alles hochauflösend und farbenfroh. Nur die Navigation zeigt sich von Auflösung und Darstellung her etwas bescheiden, was an der Funktionalität jedoch wenig verändert. Apropos Auflösung: Hochauflösend ist auch ein Headup-Display mit Lasertechnik, bei dem tatsächlich ein Unterschied zu den konventionellen LED-Technik zu erkennen ist.

Design und Infotainment – schön und gut, aber ein Jaguar definiert sich vor allem über das Fahren. Wo eine Raubkatze drauf ist muss Dynamik drin sein. Die Briten versprechen denn auch gleich das Beste aus zwei Welten. Komfort und Sport in einem Fahrzeug, das gleich mal Maßstäbe in seiner Klasse setzen soll. Nicht einfach in einem Segment, wo nahezu alle Bereiche bereits ganz gut abgedeckt sind. Grundlage für das Fahrerlebnis ist das Fahrwerk, in das beim Jaguar XE besonders viel Mühe investiert wurde. Vorne trägt eine Doppelquerlenkerachse aus Aluminium die Reifen, hinten sind es Integral-Einzelradaufhängungen. Aluminium ist generell ein das entscheidende Merkmal für den Jaguar XE. Rund 75 Prozent beträgt der Anteil des leichten Metalls an der Rohkarosse. So bringt es das Chassis auf gerade mal 342 Kilogramm. Das Leergewicht des gesamten Fahrzeugs kommt so auf Werte zwischen 1475 bis 1665 Kilogramm (Sechszylinder), je nach Motorisierung. Kein Meilenstein, das Leergewicht, aber im Vergleich sortiert sich der Brite in der vorderen Reihe seiner Klasse ein.

Ausgewogene Fahrwerksabstimmung

Auf der Straße macht sich dieses Paket sehr gut. Der Jaguar XE liegt tief und breit auf dem Asphalt und federt schon mit dem normalen Sportfahrwerk stramm, aber nicht unkomfortabel. Noch besser macht es das adaptive Fahrwerk, das für 1100 Euro wirklich eine Empfehlung ist. Nicht so bretthart, wie mancher Konkurrent, aber immer mit Kontakt zur Straße, wenn es richtig schnell ums Eck geht. Die Fahrwerks-Qualitäten sind selbst in diesem Segment, wo sonst BMW die Maßstäbe setzt, beachtenswert und mindestens auf Augenhöhe, wenn nicht mehr.

Besonders stolz sind die Briten auf ihr neues Infotainmentsystem, das im Jaguar XE Premiere feiert.
Besonders stolz sind die Briten auf ihr neues Infotainmentsystem, das im Jaguar XE Premiere feiert.Foto: Jaguar

Los geht es erst mal mit dem neuen Ingenium-Diesel mit 180 PS. Die beiden Varianten des neuen Antriebs mit Commonrail-Einspritzung werden erstmals im XE verbaut. Ein Meilenstein für Jaguar (siehe Seite 2). Aus dem Drehzahlkeller fährt der 20d mit seinem Drehmoment von beachtlichen 430 Newtonmetern flott heraus, während er im oberen Bereich bei 4000 Umdrehungen die Leistungsband abrundet. So hungert der XE nach flotten Kurven, lenkt dank der neuen, elektromechanischen Lenkung präzise ein und drückt mit reichlich Puffer im Grenzbereich auch nach dem Kurvenscheitel kraftvoll wieder heraus. Dafür, dass die Selbstzünder im Programm eigentlich für Flotten und ökonomisch orientierte Kunden im Angebot ist lässt sich der XE damit schon sehr gut bewegen.

Sechszylinder kann auf der Rennstrecke glänzen

Das andere Ende des Leistungsspektrums repräsentiert der mit Kompressor beatmete Sechszylinder mit drei Litern Hubraum. Der durfte sich bei der Vorstellung auf der Rennstrecke Circuito de Navarra bei Vitoria-Gasteiz in Nordspanien beweisen. Und das tat er ganz eindrucksvoll auf dem abwechslungsreichen Kurs mit schnellen Kurven und einigen engen Ecken. In dieser Version harmoniert die Achtgangautomatik von ZF Friedrichshafen noch besser mit dem Antrieb als beim Diesel. Hier kann das Getriebe im Sportmodus seine Stärken in Form von schnellen Gangwechseln ohne Zugkraftunterbrechung richtig ausspielen. Beim Anbremsen und Einlenken hilft das serienmäßige Torque Vectoring dem Jaguar XE in der Spur zu bleiben. Durch gezielte Bremseingriffe am kurveninneren Rad stabilisiert das mit dem ABS und ESP verbundene System die Fuhre bei schneller Kurvenfahrt. So zieht der 340 PS starke Kompressor mit beachtlicher Präzision seine Runden auf der knapp vier Kilometer langen Strecke im Baskenland. Eine Motorisierung, die sicherlich dem Anspruch Jaguars ein fahraktives Mittelklasseauto auf die Straße zu stellen, eindrucksvoll unterstreicht.

Dr. Jekill und Mr. Hyde: Der Jaguar XE ist grundsätzlich sehr sportlich ausgelegt. Mit dem Sechszylinder und seinen 340 PS zeigt er auch auf der Rennstrecke eine gute Leistung.
Dr. Jekill und Mr. Hyde: Der Jaguar XE ist grundsätzlich sehr sportlich ausgelegt. Mit dem Sechszylinder und seinen 340 PS zeigt...Foto: Jaguar

Sportliche Aushängeschilder sind wichtig in dieser Klasse, aber die Kosten sind in diesem Segment dann am Ende oft entscheidender. Mit einem Einstiegspreis von 36 500 Euro für den 163 PS starken Diesel, der mit einem Verbrauch von 3,8 Liter und 99 Gramm CO2 lockt, ist der Jaguar XE preislich recht attraktiv. Zum Vergleich: Ein BMW 320d mit der gleichen Leistung starte zum exakt selben Preis, eine entsprechende Mercedes C-Klasse ist deutlich teurer und ein Audi A4 2.0 TDI ultra liegt rund etwas mehr als 1000 Euro günstiger. Der Spar-Diesel kommt aber erst später und dürfte auf dem deutschen Markt ohnehin kaum eine Rolle spielen, da die 180-PS-Variante zum gleichen Preis angeboten wird. In der Normrunde liegt der bei 4,2 Liter und fährt sich dank 50 Newtonmeter mehr auch agiler. Über die Ausstattungslinien lässt Jaguar seine Kunden den Jaguar XE feinjustieren. So ist die Linie „Prestige“ an Kunden gerichtet, die mehr Komfort suchen und aufs Budget achten.

Inspektionen für drei Jahre inklusive beim Jaguar XE

Richtig komfortabel wird es mit „Portfolio“, wo unter anderem Leder auf den Sitzen, 18-Zoll-Leichtmetallfelgen und Ambientebeleuchtung dabei sind. Ab hier sind allerdings auch erst die LED-Tagfahrleuchten verbaut, den erheblich zum optischen Charme des XE beitragen. Ab 41 300 Euro ist das Modell so zu haben. Fahraktiver wird der XE mit der Linie „R-Sport“ (ab 39 700 Euro), die unter anderem das Sportfahrwerk, Sportsitze und diverse optische Feinheiten mitbringt. Der Sechszylinder, der unter dem Namen „S“ zu bestellen ist, räumt dann die Liste der Sonderausstattungen schon recht leer. Vor allem bringt der S das adaptive Fahrwerk serienmäßig mit. Damit der XE auch im so wichtigen Flottengeschäft seinen Marktanteil erobern kann, hat sich Jaguar auch beim Service gut aufgestellt. Die Garantie läuft auf drei Jahre ohne Kilometerbegrenzung und beinhaltet dabei alle notwendigen Inspektionen.

„Der XE ist das erste Modell einer neuen Produktgeneration“, hebt Jaguar-Geschäftsführer Peter Modelhart seinen neuen Mittelklässler hervor. Er ist vor allem das erste Auto, das auf rein britischer Technik und Produktion aufbaut. Das alleine unterstreicht schon das neue Selbstbewusstsein einer Marke, die bislang ein Nischendasein führte. Ab 13. Juni gilt es für den XE, dann können sich die Kunden den Neuen im Autohaus direkt betrachten. Und das Interesse dürfte da sein, denn Jaguar verzeichnete bereits 600 000 Konfigurationen im Internet vorab. Wenn auch nur ein Bruchteil dieser Interessenten am Ende mit einem Jaguar vom Hof, dann könnte alleine dieses Modell die bescheidenen Absatzzahlen der Marke von etwas mehr als 4000 Autos pro Jahr locker verdoppeln. Das Zeug dazu hat er jedenfalls um sich in der hart umkämpften Mittelklasse zu behaupten. So oder so ist der Jaguar XE auf jeden Fall ein erfreulicher, neuer Farbtupfer im Angebot. Die deutschen Hegemonen auf dem Markt sollten diesen tollkühnen Briten jedenfalls ernst nehmen. Bei Jaguar rechnet man mit einen Eroberungsquote von fast 100 Prozent. Kunden, die bislang in Ingolstadt, München oder Stuttgart gekauft haben. Nur die Kombifreunde werden Verzicht über müssen, den eine solche Karosserievariante ist nicht geplant. Auch nicht auf längere Sicht.

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