Vorstellung Jaguar XF : Stilbruch, reloaded

Bei den Stückzahlen sind die Briten eher Zwerge, technisch schaffen sie es mittlerweile auf Augenhöhe mit der deutschen Konkurrenz: Der neue Jaguar XF zeigt alles, was die Briten können. Und das ist nicht wenig. Der Stilbruch wird erwachsen.

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Flacher, breiter - Beim Jaguar XF hat man die sportliche Note besonders rausgekehrt. Chefdesigner Ian Callum spricht von "Ruhe und Kraft".
Flacher, breiter - Beim Jaguar XF hat man die sportliche Note besonders rausgekehrt. Chefdesigner Ian Callum spricht von "Ruhe und...Foto: Hersteller

Tradition lässt sich für viel Geld nicht kaufen. Tradition kann aber auch eine schwere Bürde sein. Fragen Sie mal bei einem der zahlreichen Fußball-Traditionsvereine nach, die in früheren Tagen Erfolge errungen haben und heute im Tabellenkeller der Bundesliga, in der Zweitklassigkeit oder noch weiter unten ihr Dasein fristen. Gefangen zwischen überhöhten Ansprüchen und begrenzten Möglichkeiten gestaltet sich eine nachhaltige Entwicklung ausgesprochen schwierig. In einer ähnlichen Lage befand sich Jaguar, bis sich die Briten mit dem XF zu einem Befreiungsschlag entschlossen.

Als der erste Jaguar XF 2007 seine Weltpremiere feierte ging es der Marke eher mäßig. Zwar hielten zahlreiche Fans der Marke die Treue, aber der britische Autobauer lebte vor allem von seiner glorreichen Vergangenheit. Der Vorgänger S-Type lief mäßig, das Design steckte in eine Sackgasse, technisch hinkte man bis auf die Kompetenz im Aluminium-Bau eher hinterher und der Ruf war schlecht. Wer einen Jaguar fahren möge, der solle sich besser gleich zwei kaufen, so wurde gewitzelt. Denn einer stünde immer in der Werkstatt. Bösartig, sicherlich und ein schweres Erbe, das eher aus den neunziger Jahren stammt. Nichts ist langlebiger Vorurteile.

Der erste Jaguar XF war ein Stilbruch

Der Jaguar XF sollte schnell das wichtigste Modell der Marke werden. Auch wenn viele Fans eher verschnupft auf das neue Design reagierten. War der S-Type stilistisch noch eine Reminiszenz an die großen Jaguar-Modelle der sechziger Jahre, so stand der XF für eine Marke, die in der Moderne angekommen war. Nicht nur der Name war Stilbruch, sondern die Gestalt des Autos an sich. Aber die erste Generation füllte die Kassen. Noch im vergangenen Jahr, als sich bereits das neue Modell am Horizont abzeichnete, wurden 48 000 Einheiten verkauft. Insgesamt waren es über die Jahre 280 000 XF, die an Kunden weltweit ausgeliefert wurden. In Deutschland lag der Anteil am gesamten Absatz zeitweise bei mehr als 50 Prozent. Nicht nur deshalb sagt Chefdesigner Ian Callum: „Der XF ist das Herz der Marke Jaguar.“

Mit 4,95 Meter ist der Jaguar XF ein sehr stattliches Auto. Der Radstand wurde zugunsten der Platzverhältnisse innen auf 2,96 Meter verlängert und die Überhänge gekürzt. Resultat ist aber auch ein Wendekreis von 11,6 Meter.
Mit 4,95 Meter ist der Jaguar XF ein sehr stattliches Auto. Der Radstand wurde zugunsten der Platzverhältnisse innen auf 2,96...Foto: Hersteller

Was der Golf für Volkswagen ist, das ist also der XF für Jaguar: Der Umsatzbringer schlechthin, das Modell, das funktionieren muss. Entsprechend viel Mühe haben sich die Briten nun mit der Neuauflage gegeben, die ab dem 26. September auf den deutschen Markt kommt. Das verwundert auch deshalb kaum, da man doch gegen die, vor allem deutsche, Konkurrenz im Segment der oberen Mittelklasse nicht nur bestehen, sondern auch weiter Marktanteile gewinnen möchte. Und hier siegt, wer sich optisch, technisch und fahrdynamisch gegen die hoch gerüstete Konkurrenz namens Audi A6, BMW 5er und Mercedes E-Klasse behaupten kann. Nicht umsonst trommelt Daimler schon heute für die kommende E-Klasse und kündigt ein technologisches Feuerwerk an, inklusive weitreichender Funktionen automatisierten Fahrens.

Jaguar XF bietet mehr Platz bei beachtlicher Größe

Der Auftritt des Jaguar XF wurde in weiten Teilen optisch verfeinert. Besonders stolz sind die Designer auf die muskulös gestaltete Motorhaube inklusive ausgestellter Radhäuser und einer neuen Schulterlinie, die den Jaguar XF breiter dastehen lässt. Während das Modell in der Länge um sieben Millimeter geschrumpft ist wurde der Radstand um 5,1 Zentimeter auf 2,96 Meter verlängert. Dieser Raumgewinn, der vor allem dem Innenraum zugute kommt, geht auf Kosten der vorderen Überhangs. Dieser ist deutlich kürzer geworden, die Raubkatze dehnt sich, wirkt gestreckter. Innen hat vor allem der Fond profitiert, wo Beinfreiheit, Raum für die Knie und den Kopf jeweils um den ein oder anderen Zentimeter zugelegt haben. Tatsächlich kann sich der Raum im Fond nun wirklich sehen lassen und hält den Vergleich mit der Konkurrenz mindestens stand. Auch das Kofferraumvolumen von 540 Liter (505 Liter mit Reserverad) ist beachtlich. Allerdings ist der Jaguar XF immer noch ein stattliches Auto von knapp fünf Metern und überragt eine Mercedes E-Klasse etwa um sechs und einen BMW 5er immer noch vier Zentimeter. Aerodynamisch kann das Modell einen cw-Wert von 0,26 vorweisen, der ihn in seiner Klasse an die Spitze fahren lässt.

Unter dem breiten Mitteltunnel findet das Achtganggetriebe Platz. Der aus dem Mitteltunnel herausfahrende Wählhebel für die Automatik und die sich selbstständig drehenden Lüftungsdüsen blieben erhalten.
Unter dem breiten Mitteltunnel findet das Achtganggetriebe Platz. Der aus dem Mitteltunnel herausfahrende Wählhebel für die...Foto: Hersteller

In der neuen Generation besteht die Karosse der Jaguar XF zu 75 Prozent aus Aluminium. Was die Marke mit dem XJ im Jahr 2003 an Alu-Kompetenz aufgebaut hat, wird mit dem Neuen für die obere Mittelklasse konsequent fortgeführt. Das Werk in Castle Bromwich wurde für den XF in jahrelanger Arbeit um- und ausgebaut. „Wir haben die Werkzeuge für den XF vollständig ersetzt und nutzen dort mit den Neubauten jetzt wirklich jeden Zentimeter an Platz, der uns zur Verfügung steht“, verrät Ralf Speth, der Vorstandsvorsitzende von Jaguar Land Rover. Vor allem aber sei das Gewicht des Autos um 190 Kilogramm im Vergleich zum Vorgänger gesunken. Tatsächlich unterbietet er die Konkurrenz um 70 bis zu 150 Kilogramm und mehr, je nach Motorisierung.

Land-Rover-Kompetenz für den Jaguar XF

Wie schon beim XE arbeitet Jaguar mit aufwendiger Fahrwerkstechnik um die sportliche Optik auch auf der Straße umzusetzen. Im Normalfall wird das Auto mit einer Integrallenker-Achse aus Aluminium hinten, die aus Gewichtsgründen noch hohlgebohrt ist, und einer aufwendigen Doppel-Querlenkerachse, ebenfalls aus Alu, vorne auf der Straße gehalten. Das mit dem XE eingeführte adaptive Fahrwerk mit elektronisch abgestimmter Dämpfung wird für den Jaguar XF ebenfalls angeboten. Besonders stolz ist man bei Jaguar auf die Kombination von variabler Drehmomentverteilung (Torque Vectoring) und einem neuen System namens ASPC (All-Surface-Progress-Control). Damit lässt sich das Auto über ein Zusammenspiel von Drosselklappensteuerung und Bremsen bis 30 km/h auch auf schwierigem Terrain wie Schnee, Eis oder regennasser Fahrbahn voranbringen. Darüber hält die Elektronik das Auto eigenständig recht stabil in der Spur, wie Jaguar bei der Präsentation auf einem bewässerten Handlingkurs eindrucksvoll demonstrierte. Dazu kommt die feine elektromechanische Lenkung, die Jaguar ebenfalls mit dem XE einführte.

Besonders stolz ist man bei Jaguar auf das neu entwickelte Infotainmentsystem "InControl Touch Pro" mit zahlreichen neuen Funktionen. Das wird aber erst Anfang nächsten Jahres lieferbar sein.
Besonders stolz ist man bei Jaguar auf das neu entwickelte Infotainmentsystem "InControl Touch Pro" mit zahlreichen neuen...Foto: Hersteller

Immer wichtiger werden, nicht nur in diesem prestigeträchtigen Segment, Assistenzsysteme und digitalen Services, die für Premiumhersteller heute nahezu obligatorisch sind. Hier kann Jaguar ein ordentliches Repertoire bereitstellen, dass unter anderem Totwinkelwarner, Spurhalteassistent, Headup-Display oder auch einem adaptiven Tempomat inklusive Stauassistent umfasst. Das insofern beachtlich, da die Integration solcher Technik für eine kleineren Hersteller, wie es die Briten sind, eine erhebliche Anstrengung darstellt.

Neues Infotainment kommt später

Das zeigt sich daran, dass die Perle des Sortiments, ein gänzlich neues Infotainment-System namens „InControl Touch Pro“ erst drei Monate nach der Markteinführung zur Verfügung stehen wird. Das über eine interne Ethernet-Verbindung mit 1 Gigabit Transferrate – die einzelnen Komponenten sind aus Gründen der Gewichtsverteilung an verschiedenen Stellen im Auto untergebracht – arbeitende System hat eine 60 Gigabyte große SSD-Festplatte. Darüber laufen Navigation, die interne Jukebox mit einem Volumen von 10 Gigabyte und zahlreiche Anwendungen mit Internetverbindung. Die Darstellung findet auf einem 10,3 Zoll großen HD-Display über der Mittelkonsole statt und bedient wird über Touchscreen. Jaguar hat damit die Basis geschaffen, auf der sich künftige Anwendungen und Services zukunftssicher integrieren lassen. Das System bietet eine umfangreiche und grafisch ansprechende Darstellung der Audio-Inhalte, hochauflösende Navgationsinhalte und vielfältige Informationen über Fahrzeug und Umgebung. Und es läuft richtig schnell.

Die Briten schließen auf zu den etablierten Herstellern im Segment, das zeigt der Jaguar XF. Im Konzert mit BMW, Audi, Mercedes und Co. kann sich der XF sehen lassen.
Die Briten schließen auf zu den etablierten Herstellern im Segment, das zeigt der Jaguar XF. Im Konzert mit BMW, Audi, Mercedes...Foto: Hersteller

Dazu gibt es Apps für das Smartphone, die zum Beispiel als Diebstahlsicherung eine Ortung des Fahrzeugs zulassen, Tankfüllstand und Verriegelung überprüft werden können oder bei einer Standheizung das Fahrzeug auch per Smartphone vorgewärmt werden kann. Angesichts der jüngsten Hackerattacken auf Automobile verspricht Jaguar hohe Sicherheitsstandards. Man arbeite mit abgesicherten https-Verbindungen und mehreren Firewalls. Die Fahrfunktionen des Autos seien physisch durch separate Steuergeräte vom Infotainment mit Internetverbindung getrennt. Später soll das System noch eine DualView-Funktion erhalten, die es erlaubt Fahrer und Beifahrer jeweils eine eigene Sicht auf das Display zu bieten. Zudem hat Jaguar dem XF noch das volldigitale und konfigurierbare digitale Cockpit im Format von 12,3 Zoll aus dem XJ spendiert. Mit dieser Kombination wirkt das Interieur, das ohnehin durch qualitativ hochwertige Materialien und gute Verarbeitung überzeugt, edel und technisch progressiv. Auch wenn es an der ein oder anderen Stelle etwa Chrom und Aluminium zeigen möchte, wo Kunststoff dahinter steckt.

Drei Diesel und zwei starke Benziner für den Jaguar XF

Auf der Motorenseite setzen die Briten im unteren Teil der Preisskala auf die neuen Ingenium-Diesel, die ebenso im XE Premiere feierten. Zwei Abstufungen mit 163 und 180 PS werden für den Jaguar XF angeboten. Der schwächere steht gar mit einem Normverbrauch von glatten vier Litern in den Prospekten, der stärkere kommt auf 4,2 Liter. Bei den ersten Fahrten mit der 180-PS-Variante ließen sich diese Werte natürlich nicht nachvollziehen. Die Realität dürfte aber bei vernünftiger Fahrweise immerhin zwischen sechs und sieben Litern liegen, was immer noch beachtlich wäre für ein Auto mit fast 1,6 Tonnen Gesamtgewicht. Bei den Probefahrten zeigte sich das Sportfahrwerk als ein strammer Geselle, der sicher die sportliche Note unterstreicht, aber für manche Kunden vielleicht etwas zu viel sein dürfte. Dafür liegt das Auto dann aber auch souverän auf der Straße.

Die beiden Sechszylinder im Angebot, ein Diesel mit 300 PS und beachtlichen 700 Newtonmeter Drehmoment, sowie der V6 Kompressor mit 340 oder 380 PS, kommen immer mit dem adaptiven Fahrwerk und einer Achtgang-Automatik von ZF daher. Dies Kombination macht sowohl als Selbstzünder als auch als Benziner reichlich Freude. Dank der Kompressortechnik ist das Ansprechverhalten so spontan, dass sogar der Schaltautomat zeitweise fast Probleme hat mitzuhalten. Der Sechszylinder-Diesel ist mit seinem gewaltigen Drehmoment gar fast noch besser als Kurvenräuber geeignet als die potenten Otto-Motoren. Erstaunlich, dass es die Achtgangautomatik aus Friedrichshafen schafft, mit den gewaltigen 700 Newtonmetern Drehmoment fertig zu werden. Das adaptive Fahrwerk hingegen zeigt sich etwas sanfter als die Sportvariante, selbst im Sportmodus und entpuppt sich so als geeignete Variante für etwas komfortorientiertere Fahrer. Wer es richtig sportlich mag, der spart sich Geld und bleibt beim Sportfahrwerk in der Ausstattungsvariante R-Sport.

Kleinliche Aufpreispolitik für den Jaguar XF

Der Jaguar XF wird in fünf Ausstattungslinien angeboten. Das Sechsgangschaltgetriebe ist nur für die beiden Ingenium-Diesel erhältlich und stand für Fahrten bislang noch nicht zur Verfügung. Die beiden Benziner und der V6-Diesel gehen immer mit der Achtgangautomatik einher. Das lässt sich Jaguar aber auch bezahlen. Einen Jaguar XF als Benziner zu fahren kostet mindestens 62 270 Euro. Mit dem kleinen Diesel gelingt der Einstieg bei 41 350 Euro. Wer das volle Paket möchte, der bestellt den Jaguar XF S mit Allradantrieb und 380 PS für dann aber 70 390 Euro. Dann ist zwar schon ziemlich viel Ausstattung serienmäßig dabei. Aber es lässt sich auch noch gut Geld ausgeben. Lohnend sind auf jeden Fall die LED-Scheinwerfer (ab 1550 Euro) und die Rückfahrkamera (420 Euro). Feinheiten, wie das neue Infotainmentsystem oder die Assistenzsysteme lassen sich über Pakete dazubuchen.Ansonsten ist die Sonderausstattungsliste allerdings etwas kleinlich gestaltet. Selbst die dreigeteilt umklappbare Rückbank kostet 490 Euro extra.

Der neue Jaguar XF ist sicher kein billiges Vergnügen, auch wenn sich die Unterhaltskosten sehen lassen können. Die Briten geben drei Jahre Garantie inklusive Inspektionen und bei unbegrenzter Kilometerleistung. Aber das Modell hat das Potenzial die ohnehin schon guten Verkaufszahlen seines Vorgängers zu übertreffen. In Sachen Sportlichkeit zeigt er den meisten Mitbewerbern seine LED-Heckleuchten, sein Auftritt ist gelungen und die technische Ausstattung auf der Höhe der Zeit. Jaguar zeigt einmal mehr, zu was die Marke mittlerweile in der Lage ist. Und das ist beachtlich. Auch der XF wird eher ein Exot auf unseren Straßen bleiben. Aber kein Jaguar-Fahrer wird sich mehr darauf beschränken müssen „nur“ ein schönes Auto zu fahren. Lange wird die Marke nicht mehr von deutschen Premiumgiganten Audi, BMW und Mercedes belächelt werden können. Die Briten sind auf Augenhöhe. Respekt! Wer hätte das vor zehn Jahren noch für möglich gehalten?

Autor

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

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