Vorstellung Jeep Cherokee : Der Großstadt-Indianer

Es geht bergauf mit Jeep, denn seit 2010 steigen stetig die Verkaufszahlen. Allein in Europa betrug der Zuwachs im vergangenen Jahr 13 Prozent. Der neue Jeep Cherokee soll für weitere Absatzrekorde sorgen. Dabei ist der Großstadt-Indianer ganz schön soft geworden

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Kein wirklicher "Offroader" mehr - der Jeep Cherokee ist soft geworden.
Kein wirklicher "Offroader" mehr - der Jeep Cherokee ist soft geworden.Foto: Promo

Der erste Eindruck: "Mann, sieht der modern aus." Vor allem die Front des neuen Cherokee mit den superschmalen Scheinwerfern wirkt wie aus einer Marvel-Comic-Verfilmung. Es handelt sich hier um einen optischen Trick, denn hinter dem schlitzäugigen Blick verbirgt sich nur das LED-Tagfahrlicht. Das konventionelle Fern- und Abblendlicht liegt darunter in unauffälligen Mulden. So spart man sich bei Jeep die teure LED-Licht-Technologie bei den Hauptscheinwerfern und fährt optisch dennoch voraus.

Auch beim traditionellen Wrangler-Grill bewiesen die Designer Mut, indem sie ihn praktisch um die Motorhaube verlaufen lassen, so dass er sich in der Mitte wölbt. Laut dem verantwortlichen Designer von Jeep, Bill Zheng, soll die Designsprache in eine neue Ära weisen. Das ist durchaus gelungen, nur am Heck war man weniger weniger kreativ. Die schmalen Rückleuchten wurden sehr hoch, das Nummernschild wiederum niedrig im Stoßfänger platziert, wodurch dazwischen eine optische Leere entstand. Aber über Design lässt sich streiten.

Ungewöhnlich leise und komfortabel

Der Innenraum sieht zeitgemäß aus und ist frei von Designexperimenten. Es dominieren organische Formen und Farben, die, wie Bill Zheng beschreibt, »von Landschaften in Marokko und dem Grand Canyon inspiriert sind«. Das klingt etwas weit hergeholt, ist aber optisch ansprechend. Wie so oft sind die verarbeiteten Materialen von ihrer Qualität sehr unterschiedlich. Alles, was sich nicht im direkten Sichtfeld  des Fahrers befindet, ist eher bescheiden in der Anmutung. Obwohl der Cherokee mittlerweile großstadttauglich geworden ist, bleibt er im Herzen eben doch ein uriger Typ.

Nüchtern: Der Innenraum sieht zeitgemäß aus und ist frei von Designexperimenten.
Nüchtern: Der Innenraum sieht zeitgemäß aus und ist frei von Designexperimenten.Foto: Promo

Eine Überraschung gibt es bei der ersten Ausfahrt. Ungewöhnlich leise und komfortabel fährt sich der Geländemeister. Im Vergleich zum deutschen Trend der sportlichen Fahrwerksabstimmung wähnt man sich im Cherokee fast schon in Watte gehüllt. Da scheinen die Verantwortlichen auch ihren größten Wachstumsmarkt Russland berücksichtigt zu haben. Dort stieg im letzten Jahr der Absatz von Jeep um eindrucksvolle 31 Prozent. Mit dem Schlechte-Wege-Fahrwerk ist der Cherokee also bestens vorbereitet auf die berühmt-berüchtigten Schlaglochpisten und unbefestigten Wege Russlands.

Das Komforterlebnis wird durch zwei weitere Faktoren bestimmt: Die gute Lärmdämmung im Bereich der Scheiben minimiert Windgeräusche vor allem im Geschwindigkeitsbereich bis 130 km/h. Und als erstes Fahrzeug aus dem Fiat(Chrysler)-Konzern verfügt der Cherokee über eine Neungang-Automatik, die in Zusammenarbeit mit ZF entwickelt wurde. Diese senkt effektiv das Drehzahlniveau der Motoren, so dass man meistens unterhalb von 2.000 Umdrehungen unterwegs ist. Bei den Motoren stehen zunächst nur drei Varianten zur Auswahl: ein Zweiliter-Diesel mit 140 oder 170 PS und jeweils 350 Nm Drehmoment sowie ein Dreiliter-V6-Benziner mit 272 PS.

Mustergültig - und etwas soft

Der schwächere Diesel ist nur mit manueller Sechsgangschaltung und Front- oder Allradantrieb erhältlich. Die beiden stärkeren Varianten werden serienmäßig mit Neungang-Automatik sowie Allradantrieb geliefert. Wir fuhren den kultivierten 170-PS-Diesel durch Norditalien und konnten uns über Leistungsmangel nicht beschweren. Sportliche Ansprüche sind aber beim Cherokee fehl am Platz. Laut Datenblatt soll der Diesel im Durchschnitt 5,8 Liter auf 100 Kilometer konsumieren. Bei unserer Ausfahrt waren es glatt acht Liter. Bei einem Zwei-Tonnen-Offroader ist das noch akzeptabel.

Insgesamt ist der Cherokee ein schickes Auto mit viel Platz im Innenraum, komfortabler Federung, guter Geräuschisolierung, kultivierten Motoren und umfangreichen Assistenzsystemen: Von einem Parkassistenten fürs Längs- und Querparken über einen Abstandsradar mit Stop-and-Go-Funktion bis hin zum Spurhalte- und Spurwechsel-Assistenten sind die wichtigsten modernen Helferlein optional zu haben.

Doch gerade wegen der mustergültigen Eigenschaften fühlt sich der Cherokee irgendwie soft an. Selbst bei seiner Präsentation wurde die Bezeichnung "Offroader" scheinbar bewusst gemieden, und man sprach stattdessen vom "Mittelklasse-SUV". Also stellt man sich eher coole Großstädter in einem Cherokee vor anstatt rustikaler Förster mit Gummistiefeln.

Beim Allradantrieb zieht Jeep alle Register

Doch zum Glück hat man bei Jeep auch an die Förster, die Abenteurer und all die Menschen gedacht, die unter widrigen Bedingungen leben und arbeiten. Deswegen gesellt sich zu den eher urban ausgerichteten Ausstattungsvarianten "Longitude" und "Limited" der Geländespezialist "Trailhawk". Dieser verfügt tatsächlich über ein Offroad-Fahrwerk, das mit 22,4 cm etwa 2,5 cm mehr Bodenfreiheit sowie einen Unterfahrschutz bietet. Zudem vergrößern spezielle Stoßfänger den Böschungswinkel und erhöhen somit die Steigfähigkeit des Cherokee. Doch vor allem werden beim Allradantrieb alle Register gezogen: Beim sogenannten "Jeep Active Drive Lock" handelt es sich um Vorderradantrieb mit automatisch zuschaltbaren Hinterrädern sowie einem Hinterachs-Sperrdifferenzial und einer Geländeuntersetzung.

Am Rad drehen: Steht doch mal ein ausgedehnter Ausflug ins unwegsame Gelände an, gibt es umfangreiche Einstellungsoptionen für das Fahrwerk — dabei können verschiedenste Boden- und Straßenverhältnisse berücksichtigt werden.
Am Rad drehen: Steht doch mal ein ausgedehnter Ausflug ins unwegsame Gelände an, gibt es umfangreiche Einstellungsoptionen für das...Foto: Promo

So gewappnet beeindruckt der Cherokee Trailhawk mit scheinbar grenzenlosen Reserven im anspruchsvollen Gelände. Dabei überwindet er die größten Hindernisse sogar vollautomatisch. Mit "Selec-Speed Control" lässt sich eine Kriechfunktion aktivieren mit einer Geschwindigkeit zwischen 1–9 km/h. Damit erklimmt der Trailhawk selbstständig wandähnliche Steigungen mit einem Steigwinkel von 70 Prozent. Ein faszinierendes Stück Technologie.

Als Mensch überwindet man derartige Steigungen und Gefälle nur auf allen Vieren. Ein Wermutstropfen bleibt: Den Trailhawk gibt es nur mit dem durstigen V6-Benziner, der schon im EU-Mix zehn Liter auf 100 Kilometer verbraucht. Aber so ist eben ein echter Offroader: hart im Nehmen, trinkfest und selten ein günstiges Vergnügen.

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