Vorstellung Kia Ceed : Der Golf-Jäger

Der neue Kia Ceed macht spontan Eindruck. Die Koreaner rücken Jahr für Jahr ein Stück näher an die Klassenbesten heran. Aber wie sieht es nach gründlicher Prüfung aus?

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Will den Golf jagen: Mit dem Ceed schickt Kia einen ernsthaften Rivalen in der Kompaktklasse ins Rennen.
Will den Golf jagen: Mit dem Ceed schickt Kia einen ernsthaften Rivalen in der Kompaktklasse ins Rennen.Foto: Hersteller

Dem Öffnen der Tür folgt der Kulturschock. Dabei hätte man ja angesichts des äußeren Erscheinungsbildes schon vorgewarnt sein müssen: Das soll ein Koreaner sein?! So gekonnt auffällig, ohne negativ aufzufallen? Ja, der 2012er Ceed von Kia lässt den vergleichsweise blassen Vorgänger schnell aus der Erinnerung verschwinden. Der deutsche Chefdesigner Peter Schreyer, der bei Audi den A2 und den TT gestaltete, hat es in bislang sechs Jahren geschafft, den Koreanern eine völlig neue Identität zu verleihen.

Und das sieht man: innen fein hinterschäumte Kunststoffe, die auch einen Audi zieren könnten; Aluverblendungen und Klavierlack, Einstiegsleisten und Pedale aus Alu: elektronische Parkbremse, Doppelkupplungsgetriebe, beheizbares Lenkrad, brillante LCD-Anzeigen, großes Navi-Display; Rückfahrkamera, riesiges Glasdach. Da ist ein Glanz in der Hütte, den man in einem Kompaktauto nicht erwartet hätte. Doch das alles findet sich nicht in einem Discount-Koreaner. So ausgestattet kostet dieser schicke Edel-Kia immerhin 28.850 Euro! Dafür gibt es auch einen anständig ausgerüsteten VW Golf. Genau dorthin wollen die Koreaner: Nie mehr zweite Liga, stattdessen nun Wettstreit mit den Weltbesten in dieser Klasse. Über Design und Technik, nicht mehr über den Preis allein.

Feine Unterschiede zwischen Hyundai und Kia

Hinter dem mit Knöpfen überfrachteten und mit Klavierlack verzierten Lederlenkrad findet jeder schnell seine optimale Position. Die einladenden Sitze erweisen sich tatsächlich als sehr bequem – sie sind besser als die des Schwestermodells Hyundai i30. Die Koreaner haben nämlich aus einer technischen Basis zwei recht unterschiedliche Autos gezaubert. Und augenscheinlich haben die Kia-Leute das bessere Händchen gehabt.

Ihr insgesamt sehr leises Auto sieht dynamischer aus, ist übersichtlicher, und es liegt dank anderer Feder-Dämpfer-Abstimmung und breiterer Spur ruhiger auf der Straße als der unausgewogen federnde i30. Da kommt selbst dann Freude auf, wenn man es nicht flott angehen lässt. Trotz nur wenig veränderter Maße wuchs das Kofferraumvolumen auf 380 Liter; mehr als beim VW Golf. Im Fond reisen Erwachsene sehr bequem.

Mankos auf Motorenseite

Die kleine Schwester Kia darf vor der Mutter Hyundai das erste selbst produzierte Doppelkupplungsgetriebe einsetzen. Es ist jedoch nur für den 1,6-Liter-Direkteinspritzer mit 135 PS lieferbar. Der Automat passt zum eher verhalten agierenden Motor, schaltet sehr weich, so wie eine konventionelle Wandlerautomatik. Aber nicht so zackig wie bei VW. Die Kia-Lenkung lässt sich, anders bei Hyundai, nur bei den beiden höherwertigen Ausstattungen, in drei Modi verstellen: Normal, Komfort und Sport. Sie agiert besser als bei Hyundai, erreicht aber nicht das hohe Niveau der präzisen Golf-Lenkung mit ihrer exakten Rückmeldung.

Die Ausstattungspolitik macht den Ceed zu einem nicht ganz so günstigen Angebot. Schade, denn er hat viel zu bieten, kostet dann aber auch.
Die Ausstattungspolitik macht den Ceed zu einem nicht ganz so günstigen Angebot. Schade, denn er hat viel zu bieten, kostet dann...Foto: Hersteller

Start-Stopp-System? Nur beim Topmodell. Vorteil Golf. Sparsame Turbo-Benziner wie bei VW? Fehlanzeige. Spardiesel? Der 128-PS-Vierzylinder (ab 19.090 Euro) soll nur 3,7 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen. Vorteil Kia. Direktschaltgetriebe für viele Motorversionen wie beim Golf? Nur für den mindestens 19.790 Euro teuren 135-PS-Benziner (1500 Euro Aufpreis bei Vision; 1200 Euro bei Spirit). Vorteil Golf.

Feines nur im Top-Modell

Leider trübt Kias Modellpolitik die Euphorie über das gelungene Auto. All die schönen Ausstattungen sind nur für das Topmodell Spirit lieferbar, das schon mit dem etwas durchzugsschwachen 100-PS- Benziner an der 20.000-Euro-Schwelle kratzt. Für die durchaus empfehlenswerte mittlere Version Edition 7 sind viele Extras nicht lieferbar. Wer im Kia Edition 7 beispielsweise die bildschönen LCD-Instrumente haben möchte, die besser aussehen als die LCD-Anzeigen im viermal so teuren Jaguar XJ, erlebt eine böse Überraschung. Er muss die viel teurere Topversion wählen und dann noch mal 1280 Euro drauflegen. Denn diese Instrumente gibt’s nur im teuren Paket mit anderen Dingen. Macht zusammen horrende 4880 Euro!!

Und das auf den ersten Blick verführerische Modell 1.4 Attract für schlanke 13.990 Euro zum Einführungspreis (ab 1.September 500 Euro teurer) erweist sich bei genauer Prüfung als Flop. Es kommt ohne die in dieser Klasse unverzichtbare Klimaanlage; und sie ist hier nicht mal als Extra lieferbar. Wer eine haben möchte, muss gleich die 1800 Euro teurere Edition 7 wählen. Auch das tolle große Panoramadach, das den schönen Innenraum so luftig macht, kann nur für das Topmodell geordert werden.

Dennoch: Der neue Kia Ceed ist nicht nur besser als der nahezu baugleiche Hyundai i30, sondern sogar nah dran am VW Golf. Aber ganz erreicht oder gar überholt hat er ihn im aktuellen Wettstreit noch nicht. Ginge es nur nach der B-Note für den künstlerischen Wert, würde der Kia Ceed den aktuellen VW Golf schlagen. Denn der Koreaner ist moderner, in Details besser, einfach sexy! Doch der Sieger wird aus dem Durchschnitt von A- und B-Note gekürt. Und in der technischen A-Note hat der Golf seine Nase noch vorn, denn der Niedersachse fährt sich dank besserer Lenkung souveräner, federt ausgewogener, hat mehr Technikfeatures sowie eine größere Motoren- und Getriebeauswahl zu bieten. Zudem kann jeder sein persönliches Auto viel einfacher zusammenstellen, also dies beim neuen Kia Ceed möglich ist. Und im Herbst startet der neue Golf VII. Dann beginnt ein neuer Wettstreit. Kia kontert mit dem Sporty Wagon, der mit dem größten Laderaum dieser Klasse (528 bis 1642 Liter) aufwarten kann. Und im Frühjahr kommt der dreitürige pro Ceed mit 200-PS-Turbo, der verschärfter aussehen und fahren soll. Es bleibt spannend.

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