Vorstellung Lexus IS 300h : Der Himmel – oder die Hölle

Der neue Mittelklasse-Hybrid IS 300h von Lexus ist schwer zu bewerten. Er kann sparsam sein, ist aber nur bedingt sportlich. Alles hängt davon ab, wie der Fahrer sich anstellt.

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Endlich mal gewagt: Mit dem Lexus IS 300h zeigt die Marke etwas mehr Charakter als bisher.
Endlich mal gewagt: Mit dem Lexus IS 300h zeigt die Marke etwas mehr Charakter als bisher.Foto: Hersteller

Die Toyota-Tochter Lexus sonnt sich im Erfolg. Aber nur in den USA. In Europa und hierzulande sieht sich der Edelableger des weltgrößten Autokonzerns in die ungeliebte Rolle des Mauerblümchens gedrängt. Herzklopfen? Ein Fremdwort für Lexusfahrer. Das muss anders werden, fordert der neue Toyota-Boss Akio Toyoda. Er ist mit dem neuen Toyota-Slogan angetreten: "Wenn es keinen Spaß macht, ist es kein Toyota!" Das gilt natürlich auch für Lexus, dessen Modelle sich bislang zwar problemlos, aber auch spaßfrei im Alltag präsentierten. Doch nun hat der japanische Großkonzern aufgerüstet, um zu zeigen, dass man auch anders kann. Künftig soll auch in die Hybridautos der neue Geist einziehen.

So hat Lexus jetzt endlich den Mut für einen passenden optischen Auftritt seiner Hightechautos gefunden. Vorn mit dem gierigen Diabologrill, seitlich mit keck geschwungener Linie und hinten mit einem hohen Heck im BMW-Stil. Fertig zur x-ten Attacke gegen Audi A4, BMW 3er und Mercedes C-Klasse. Und die wagen die Japaner in der vierten IS-Generation mit einer mutigen Andersartigkeit: Sie bieten weder Diesel noch Kombi an. Dafür den ersten Hybrid in dieser Businessklasse. Der schließt die Lücke zwischen kleinem Lexus CT 200h und größerem RX 450h.

Fahrfreude will nicht so richtig aufkommen

Der neue Lexus IS 300h soll das Unmögliche möglich machen: sparen und Spaß machen. Wir haben ausprobiert, ob die Japaner diese Quadratur des Kreises gefunden haben. Auf einen Nenner gebracht: Je nach Erwartungshaltung des Fahrers ist der IS 300h entweder Hölle oder Himmel. Sportliche Naturen, die von einem BMW-Dreier umsteigen, dürften mit dem Hybrid-Lexus unglücklich werden. Dabei sind die technischen Voraussetzungen bei Aufbau, Fahrwerk sowie Lenkung eigentlich bestens: Die Karosserie ist dank neuartiger Laserschweißtechnik extrem steif, die Rollneigung des Fahrwerks um 20 Prozent geringer geworden, die Achslastverteilung mit 50 zu 50 ideal, die Traktion in Kurven dank der Mehrlenkerachse aus dem großen GS um 15 Prozent höher.

Im Innenraum ist das Cockpit vom Hybrid-Antrieb gekennzeichnet. Mit dem Joystick in der Mittelkonsole wird das Infotainmentsystem bedient.
Im Innenraum ist das Cockpit vom Hybrid-Antrieb gekennzeichnet. Mit dem Joystick in der Mittelkonsole wird das Infotainmentsystem...Foto: Hersteller

Dennoch will der richtige Fahrspaß nicht aufkommen. Schuld ist der auf extreme Sparsamkeit getrimmte Hybridantrieb mit dem stufenlosen Automatikgetriebe. Selbst wenn der Fahrmodischalter (bei BMW nennt man ihn Fahrerlebnisschalter!) im Lexus auf Sport+ steht, ändert das stufenlose Getriebe seine Eigenart nur bedingt: Motordrehzahl und Fahrgeschwindigkeit passen nicht recht zusammen. Soll zum Überholen angesetzt werden, heult beim Kickdown der Motor auf, während der Wagen mit Zeitverzug wie entkoppelt beschleunigt. Zwar lassen sich über die Schaltpaddel am Lenkrad virtuelle Gänge wählen, doch richtig harmonisch arbeitet das System nur bei sanfter Beschleunigung und entspannter Fahrt.

Auf die Eigenheiten einlassen

Am besten den Fahrmodischalter auf Eco stellen – und es trotz der theoretischen 223 PS geruhsam angehen lassen. Dann zeigt der Bordcomputer reale 5,8 Liter Verbrauch an – und sorgt für Freude der anderen Art. Langsam ist man deswegen nicht, nur nicht ganz so sportlich unterwegs wie in einem konventionellen Dreier-BMW. Das muss man wissen. Nur wer sich auf diese Eigenheit des Hybridstranges einlässt, wird im Lexus den Himmel auf Rädern finden. So sollte man besser auf die ganz scharfe F-Sport-Version (mit 45 900 Euro immerhin 9200 Euro teurer als die Grundversion für 36 700 Euro) besser verzichten. Bei der lassen sich zwar noch Kennlinien von Motor und adaptivem Fahrwerk anspitzen, aber die Federung überschreitet dann die Grenze von angenehm straff zu unangenehm hart. Und der Hybridantrieb ist der gleiche.

Gelingt diesmal der Angriff auf Mercedes, BMW und Co.? In Europa wird sich Lexus wohl weiterhin schwer tun.
Gelingt diesmal der Angriff auf Mercedes, BMW und Co.? In Europa wird sich Lexus wohl weiterhin schwer tun.Foto: Hersteller

Im Innenraum geht es edel zu; der Fahrer sitzt nah an der Straße, hat dennoch ordentliche Übersicht. Im Fond gibt es ausreichend Kopf- und überraschend viel Beinfreiheit selbst für größere Staturen. Denn der Radstand des um acht Zentimeter auf 4,66 Meter gewachsenen Lexus IS 300h ist mit 2,8 Metern nun um sieben Zentimeter gewachsen. Der Kofferraum fasst ausreichende 450 Liter, weil die Batterie mit ihren 192 Akkuzellen jetzt platzsparend unterm Kofferraum verbaut ist.

Gewöhnungsbedürftiger Joystick

Anders als gewohnt gestaltet sich die Bedienung des Infotainmentsystems mit einem sehr leichtgängigen Joystick, der es nicht einfach macht, auf Anhieb den richtigen Punkt zu treffen. Doch nach einiger Zeit klappt es leidlich gut.

Wegen seines Andersseins wird der IS 300h trotz seines großen optischen Reizes und seiner technologischen Alleinstellung wohl doch der Exot in der Businessklasse bleiben. Doch diejenigen, die sich auf seine Eigenheiten bewusst eingelassen haben, dürften zufrieden sein, weil sie etwas entdecken werden, was in der heutigen Zeit auch mit viel Geld nicht aufzuwiegen ist: die souveräne Geruhsamkeit, die aus der Freude am Sparen erwächst.

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