Vorstellung Porsche 911 Carrera : Neuerfindung einer Ikone

Den Porsche 911 wird es künftig nur noch mit Zwangsbeatmung geben. Selbst beim Porsche 911 Carrera trägt der Sechszylinder-Boxer nun Turbo. Erste Ausfahrt mit dem Sportwagen einer neuen Zeitrechnung.

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Evolution statt Revolution: Äußerlich hat sich beim Porsche 911 Carrera relativ wenig getan. Neu sind die Frontscheinwerfer mit den Vier-Punkt-LED-Tagfahrleuchten und die schmaleren Heckleuchten.
Evolution statt Revolution: Äußerlich hat sich beim Porsche 911 Carrera relativ wenig getan. Neu sind die Frontscheinwerfer mit...Foto: Hersteller

Die meisten Automarken, zumindest die mit langer Tradition, haben ein Kernmodell. Ein Auto, über das die Marke groß geworden ist, sich definiert. Bei kaum einem Hersteller allerdings ist ebenjene Ikone so stark wie bei Porsche der 911. Er ist Gründungsmythos, definierte über Jahrzehnte die Modellpalette und ist bis heute Kern der Marke. Ungeachtet der Tatsache, dass Zuffenhausen heute weitaus mehr SUVs denn Sportwagen verkauft, der Porsche 911 ist das Herz des Unternehmens.

Ein solches Modell zu überarbeiten ist schon diffizil genug. Eine Ikone wie der 911er hat eine weltweite und breit gefächerte Fangemeinde. Und die hat auch eine bestimmte Meinung. Schwierig wird es dann, wenn eine technische Revolution ansteht, die ein solches Aushängeschild in ihrem Wesen verändert: Der Schritt vom reinen Sauger zum Turbomotor. Das versetzt die Fangemeinde schnell in Aufruhr, wie schon im Vorfeld der diesjährigen IAA zu erkennen war. Damals sickerte nämlich bereits durch, dass die neue Generation des Sportwagen-Klassikers aus Zuffenhausen einen zwangsbeatmeten Motor haben wird. In den Foren kam das erst mal gar nicht gut an. Der klassische 911er sei nun mal ein Sauger, der Charakter ginge verloren, gar das Ende der Ikone wurde prophezeit.

Neue Grenzwerte zwingen den Porsche 911 zum Turbo

Dass es so schlimm sicher nicht kommen wird zeigt das Beispiel Ferrari. Dort ist der klassische Achtzylinder im Programm, ebenso der Kern der Marke, seit dem 488 GTB ebenfalls mit Turbo versehen. Der Grund für den Paradigmenwechsel bei den Sportwagenbauern ist ein recht einfacher: Auch die PS-Boliden müssen grüner werden. Oder klarer ausgedrückt, sie müssen (auf dem Papier) weniger verbrauchen. Der Euro-Zyklus, derzeit durch den VW-Abgasskandal ohnehin in der Schusslinie, bevorzugt mit seinem Testprogramm nun mal kleinere, turbogeladene Motoren. Und an den dort ermittelten Werten machen sich nun mal die CO2-Emissionen fest. Und die können spätestens 2020 richtig teuer werden, wenn die Hersteller einen Grenzwert für ihre Flotten von 95 Gramm CO2 pro Kilometer einhalten sollten. Sonst drohen Strafzahlungen in Milliardenhöhe.

Im Interieur dominiert nun ein neues Infotainmentsystem die Mittelkonsole. Ansonsten ist der Armaturenträger sehr fahrerorientiert. Hinter der Zierblende über dem Handschuhfach verstecken sich etwas wackelige Becherhalter. Ansonsten sind die Ablagen, sportwagentypisch eher gering in der Anzahl und bescheiden im Umfang.
Im Interieur dominiert nun ein neues Infotainmentsystem die Mittelkonsole. Ansonsten ist der Armaturenträger sehr...Foto: Hersteller

Auf der IAA war der neue 911er mit seinem Turbo-Herz nur im Stand zu bewundern, nun gab Porsche erstmals Gelegenheit das traditionsreiche Modell auch auf der Straße zu fahren. Und natürlich war zunächst die interessanteste Frage: Wie hört er sich an? Der Porsche 911 Carrera hatte mit seinem Sechszylinder-Boxer immer diesen ganz speziellen Sound, die dieses sonore Blubbern, dieses kehlige Geräusch, das sich bei Volllast bis zum Kreischen steigerte. Eine Orchestrierung von Kraft, aber auch Eleganz und Ingenieurskunst.

Akustisch ist der Porsche 911 mit Turbo dem Sauger unterlegen

Um es kurz zu sagen: Der neue Carrera kommt an den alten Sauger nicht ran. Zart, fast schon zaghaft tritt der nur noch drei Liter große Motor seinen Dienst an, brabbelt dann leise vor sich hin und erwacht erst zum akustischen Tiger, wenn er gefordert wird (so ab 3000 Umdrehungen/Minute). Und selbst dann kommt das Motorgeräusch nicht an die Charakteristik des alten Saugers heran. Es ist eben ein Turbo, was natürlich auch Vorteile hat. Die Kraftentfaltung ist stringenter, der Motor dreht nicht mehr so hoch, was der Zusammenarbeit mit dem Doppelkupplungsgetriebe entgegen kommt, und das maximale Drehmoment (Jetzt 450 Newtonmeter) steht nun auf einen Plateau von 1750 bis 5000 Umdrehungen zur Verfügung. Aber der Sound!

Der Knopf ist etwas fantasielos gestaltet, hat es aber in sich. Damit werden nicht nur die Fahrmodi "Normal", "Sport" und "Sport Plus" geschaltet. Die Taste in der Mitte löst eine Art Boost-Funktion aus, bei der der Porsche 911 für 30 Sekunden in SportPlus-Modus wechselt und die volle Leistung zur Verfügung stellt.
Der Knopf ist etwas fantasielos gestaltet, hat es aber in sich. Damit werden nicht nur die Fahrmodi "Normal", "Sport" und "Sport...Foto: Hersteller

Wir steigen um in den Porsche 911 Carrera S. Der hat die optionale Sportabgasanlage an Bord (2606 Euro). Und die versöhnt dann doch mit dem neuen Turbo. Nicht nur, weil der Carrera S aus dem gleichen Hubraum 70 PS mehr (420 PS zu 370 im Carrera) rausholt und gleich 500 Newtonmeter auf das besagte Plateau hievt. Nein, auch der Sound ist der eines Porsche, eines echten Sportwagens. Nervöses Brabbeln im Stand, sonores und kraftvolles Kreischen im Drehzahlkeller und das volle Orchester an der Leistungsspitze – das ist Porsche, das ist ein 911er.

Der Porsche 911 bleibt in jeder Sekunde berechenbar

Ganz 911er ist er auch in Sachen Fahrdynamik. In dieser Disziplin bleibt er sich treu. Mit Superlativen protzen, mit gigantischen Spoilern angeben – das war noch nie die Sache des 911er. Es gibt nur wenige echte Sportwagen, die sich vergleichbar souverän über die Landstraße zirkeln lassen. Schon nach wenigen Kilometern fühlt man sich zu Hause, das Auto bleibt selbst im Grenzbereich berechenbar und liegt so souverän auf der Straße wie ein Estrich über dem Asphalt. Er klebt quasi fest und man muss es schon wild treiben ihn aus der Ruhe zu bringen.

Zeitgleich mit dem Carrera-Coupé kommt auch das Porsche 911 Carrera Cabrio auf den Markt. Der Aufpreis beträgt rund 13 000 Euro beim Carrera, etwa 20 000 Euro beim Carrera S. Für Allradantrieb liegt der Aufpreis je nach Modell zwischen 7000 und 13 000 Euro.
Zeitgleich mit dem Carrera-Coupé kommt auch das Porsche 911 Carrera Cabrio auf den Markt. Der Aufpreis beträgt rund 13 000 Euro...Foto: Hersteller

Schnell wird klar, warum der 911er selbst deutlich kräftiger motorisierte Sportwagen am Ende hinter sich lässt. Er ist nicht der stärkste, aber mit Sicherheit immer einer der Schnellsten auf dem Rundkurs. Mag man ihm auf der Gerade durch schiere Kraft entkommen, in der Kurven ist der 911er immer noch König. Und natürlich spielt auch hier der Turbo seine Stärken aus. Hilfreich diese Kernkompetenz noch auszubauen sind im neuen Porsche 911 Carrera die Fakten, dass er nochmals zehn Millimeter tiefer liegt und vor allem die optionale Hinterachslenkung. Besonders in ganz engen Ecken lässt sich damit der Kurvenradius weiter verkleinern, ohne dass die Fliehkräfte den Zuffenhausener aus der Balance bringen.

Verbrauch sinkt in der Praxis eher nicht

Eine dieser Stärken konnten wir nicht nachvollziehen. Der Normverbrauch ist gegenüber dem Vorgänger um 0,7 auf 8,3 Liter für 100 Kilometer gesunken. Natürlich sind solche Werte bei Sportwagen immer ein vages Versprechen. Aber bei den, zugegeben recht schnellen, Probefahrten lagen wir doch sehr deutlich über den Verbrauchsangaben. An der Stelle war der Sauger wohl mit seinem Normverbrauch etwas näher an der Realität. Dafür schafft jetzt schon der Carrera S eine für Sportwagen magische Marke: Mit Doppelkupplungsgetriebe schafft er es in 3,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h und bleibt damit unter vier Sekunden. Der normale Carrera fährt mit 4,2 Sekunden dicht hinterher.

Die Sportabgasanalage ist schnell an den mittig platzierten doppelten Endrohren zu erkennen. Außerdem hat sich beim Porsche 911 Carrera die Struktur des hinteren Wabengrills verändert. Über diesen bekommt der im Heck platzierte Sechszylinder-Boxer seine Luft.
Die Sportabgasanalage ist schnell an den mittig platzierten doppelten Endrohren zu erkennen. Außerdem hat sich beim Porsche 911...Foto: Hersteller

Neu ist neben dem Turbo natürlich noch so manches andere, was wir nicht vergessen wollen. Da wäre das neue Infotainmentsystem. Neben einer zeitgemäßen Auflösung des sieben Zoll großen Displays hat es nun auch einen annäherungsempfindlichen Bildschirm. VW lässt schön grüßen, möchte man sagen, aber zumindest das Design der Inhalte wirkt dezenter und etwas hochwertiger. Auch einen Spurwechselassistenten und einen adaptiven Tempomaten gibt es nun, wenn man will. Ebenso wie Start-Stopp bei den Motoren, auch wenn man nicht will (Lässt sich aber ausschalten). Und über einen etwas fantasielos gestalteten Drehknopf direkt am Lenkrad lassen sich nun auch die Fahr-Modi direkt auswählen. Wer draufdrückt, der bekommt eine Art Boost-Funktion, die den 911er für 30 Sekunden in den Sport-Plus-Modus versetzt. Praktisch ist das hydraulische Liftsystem (2261 Euro), das den Vorderwagen für Tiefgaragen oder andere Hindernisse auf der Straße leicht anhebt und jenseits der 30 km/h wieder absenkt.

Nichts wird so sein wie früher und dennoch war früher auch nicht alles besser. Wir werden das Fauchen des alten Saugers nie vergessen und in freudiger Erinnerung behalten. Enthusiasten dürften wohl auch schon die letzten Modelle fix aufkaufen. Aber Turbo hin oder her, der Porsche 911 hat seine Stärken ausgebaut, ist noch fahraktiver als sein Vorgänger, noch kraftvoller und gleichzeitig noch harmonischer geworden. Deshalb wird auch der Neue seinen Platz unter den besten Sportwagen überhaupt behaupten können. Es ist wie mit der Luftkühlung damals in den Neunzigern. Beim Wechsel vom 993 zum 996 wurde der Motor fortan mit Wasser gekühlt. Die Fans heulten, aber nach ein paar Jahren kräht kein Hahn mehr danach, weil der 911er einfach besser wurde. Bei den Youngtimern und deren Langzeitwert mag das anders aussehen. Wer aber einen neuen Sportwagen sucht, der ist mit einem Porsche 911 Carrera noch besser bedient als früher schon.

GrunddatenPorsche 911 2015
Abmessungen Carrera
Länge/Breite/Höhe
4,49 / 1,97 / 1,30 Meter
Abmessungen Carrera Cabrio
Länge/Breite/Höhe
4,49 / 1,97 / 1,29 Meter
Abmessungen Targa
Länge/Breite/Höhe
4,49 / 1,97 / 1,29 Meter
MotorBoxermotor in Aluminium-Bauweise mit Biturbo-Aufladung, 6 Zylinder, 2981 Kubikzentimeter Hubraum
Technische DatenPorsche Carrera
Leistung kW/PS272 /370
Drehmoment450 Newtonmeter zwischen 1700 und 5000 Umdrehungen/Minute
Fahrleistungen0-100 km/h: 4,2 Sekunden, 0-200 km/h: 14,5 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit: 295 km/h
Technische DatenPorsche Carrera S
Leistung kW/PS309 / 420
Drehmoment500 Newtonmeter zwischen 1700 und 5000 Umdrehungen/Minute
Fahrleistungen0-100 km/h: 3,9 Sekunden, 0-200 km/h: 13,3 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit: 308 km/h
Technische DatenPorsche Carrera 4S
Leistung kW/PS309 / 420
Drehmoment500 Newtonmeter zwischen 1700 und 5000 Umdrehungen/Minute
Fahrleistungen0-100 km/h: 3,8 Sekunden, 0-200 km/h: 13,9 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit: 305 km/h

Autor

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

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