Vorstellung Renault Scénic : Ein alter, neuer Freund

Mit dem Scénic hat Renault die Klasse der Multivans geprägt. Die 1000 Kilometer lange Testfahrt mit der ganzen Familie zeigt warum.

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Familientauglich: Das Platzangebot ist selbst in der 4,37 Meter langen Kurzversion enorm und das ganze Auto sehr praktisch.
Familientauglich: Das Platzangebot ist selbst in der 4,37 Meter langen Kurzversion enorm und das ganze Auto sehr praktisch.Foto: Stefan Jacobs

Alte Freunde wiederzutreffen, ist oft interessant. Mein erstes Rendezvous mit dem Renault Scénic war 1999 – ich war Azubi und nahm als Leser einer Zeitung an einer Vergleichstour durchs Berliner Umland teil. Der seit 1996 gebaute Scénic war damals die Referenz im noch neuen Segment der Minivans – und gewann meine subjektive Wertung gegen die drei marktfrischen Konkurrenten: Mitsubishi Space Star (schnöder Kombi), Fiat Multipla (sechsäugiger Zombie mit Armaturen im Ritterburg-Design) und Opel Zafira (Opel). Ansonsten weiß ich nur noch, dass das Lenkrad im Scénic flach stand wie in einem Bus und alles andere einen guten Eindruck machte.

16 Jahre später sind der Fiat und der Mitsubishi längst eingestellt, während sich der Opel und der Renault in dritter Generation gegen den spätgeborenen VW Touran und diese hochbauenden Gölfe im Rentnerhandy-Stil behaupten. Und alle zusammen verteidigen die Nische gegen die Plage der SUVs, die das Weltklima erwärmen (das auf der Straße leider nicht) und Gehwege nun auch bei hohem Bordstein zuparken können.

Ein Hauch von Mäusekino bleibt

Verreisen wir also ein paar Tage im Scénic – mit Familie. Es geht gut los: Der Kindersitz passt auch auf den mittleren der drei hinteren Sitze. So hat das Kind freie Sicht nach vorn und nicht Mamas Kopfstütze vor der Nase. Der Kofferraum ist eben, groß und über die niedrige, kratzfeste Kante gut zu beladen. Die verschiebbaren Rücksitze machen die Sache noch leichter, zumal selbst in vorderster Position viel Beinfreiheit bleibt. Außerdem kann man sie einzeln umlegen und herausnehmen, sodass statt des Kindes auch zwei Fahrräder mitreisen könnten. Die vielen Geheimfächer – unter den Fußmatten, unter den Rücksitzen, oben in den Rücklehnen – zeige ich meiner Tochter lieber nicht, um Versteckspiele zu vermeiden. Allerdings fehlt uns ein großes Fach für ihre rollende Bibliothek: Ein A4-Buch passt nur ins Handschuhfach. Und die Mulden zum Zuziehen der Heckklappe sind zu klein zum Greifen. Eine Winzigkeit, die aber nervt.

Der Kofferraum ist eben, groß und über die niedrige, kratzfeste Kante gut zu beladen. Die verschiebbaren Rücksitze machen die Sache noch leichter, zumal selbst in vorderster Position viel Beinfreiheit bleibt. Außerdem kann man die Sitze einzeln umlegen und herausnehmen.
Der Kofferraum ist eben, groß und über die niedrige, kratzfeste Kante gut zu beladen. Die verschiebbaren Rücksitze machen die...Foto: Stefan Jacobs

Als die erste Reihe einsteigt, kommt in der zweiten Freude auf: Über einen zusätzlichen Innenspiegel können Beifahrer(in) und Kind Blickkontakt halten. Vor dem Fahrer erglimmen derweil die digitalen Armaturen. Das Tempo wird in Ziffern angezeigt („Papa, kannst Du bitte mal genau eins fahren?!“), die Drehzahl auf einem Pseudorundinstrument mit Schweif am Zeiger, während Tankinhalt und Kühlmittel in Pipettenform dargestellt werden. Die Farbe ist wählbar; ein Hauch von Mäusekino bleibt immer, und großen Leuten bleibt der obere Displayrand verborgen.

Der Renault Scénic schnurrt selbst im sechsten Gang bergauf ganz locker

Der Rest ist Gewöhnungssache: Während in anderen Autos das Lenkrad von Tasten wimmelt, sitzt hier nur der Tempomat. Dafür sammeln sich die Knöpfe auf der Mittelkonsole und um die Klimatisierung mit ihrem sehr tief sitzenden Display. Die Schlüsselkarte wird vor dem Schalthebel versenkt, die elektronische Handbremse (komisch- gefühlloses Gefühl) sitzt daneben. Jetzt aber: Starttaste drücken, Ohren auf.

Es brummt ganz sachte und sehr angenehm: Der Testwagen hat einen 132-PS- Turbobenziner an Bord – und ist damit fast ein Exot in Zeiten des Dieselbooms. Für ihn sprechen Geräuschkulisse, Steuern, Kaufpreis und die saubereren Abgase. Und dagegen? 1,2 Liter Hubraum in einem 1400 Kilo schweren Auto klingen jedenfalls nicht nach Freude am Fahren. Umso größer ist die Überraschung unterwegs: Das mit Turbolader aufgeblasene Motörchen zieht den Scénic mühelos und summt auf der Autobahn im sechsten Gang selbst bergauf ganz locker. So könnte man ewig weiterfahren, wenn die Sitze etwas stärker konturiert und die Lenkung besser wären: Beim Abbiegen im Stadtverkehr geht sie eher schwer und über Land so unpräzise, dass man nur schwer auf Ideallinie bleibt. Das merken auch die Mitreisenden, wenn der Spurhalteassistent aktiviert ist: Das kamerabasierte System macht immer mal Bing-Bing. „Ja, bitte?“, ruft das Kind dann vom Rücksitz. Und die Beifahrerin bemerkt trocken, ich sei schon mal besser gefahren.

Der seit 1996 gebaute Scénic war damals prägend für die neue Klasse der Mini- bzw. Multivans.
Der seit 1996 gebaute Scénic war damals prägend für die neue Klasse der Mini- bzw. Multivans.Foto: Stefan Jacobs

Wenn ich gelobt werden will, muss ich das Auto fragen: 88 von erreichbaren 100 Punkten gibt mir der Bordcomputer im detaillierten und mit brauchbaren Tipps versehenen „Öko-Report“. Konkret bedeutet das: 6,2 Liter Super soll der Scénic im realitätsfernen Normzyklus verbrauchen. Tatsächlich sind es bei mehr als 1000 Testkilometern sechs auf der Landstraße, sieben in der Stadt (mit Start-Stopp-Automatik) und knapp acht bei Tempo 140 auf der Autobahn. Vorausgesetzt, dass der Bordcomputer Recht hat und die Tankanzeige irrt. Die macht schon Alarm, als noch mindestens 15 Liter im Tank sein sollten, und bald darauf verpufft auch die errechnete Reichweite: Wo eben noch 80 Kilometer standen, sind jetzt nur noch Striche im Display. Leider sind deutsche Autobahnen kein guter Ort, um die Wahrheit herauszufinden.

Motorisierung und Platzangebot überzeugen, Assistenzsysteme nicht

Also fädeln wir den neuen, alten Freund unter wildem Gepiepe (das erst sehr spät beginnt, aber dann schon bei mehr als 30 Zentimeter Abstand zum Stopp auffordert) in die Parklücke zwecks Rückgabe und resümieren: Der Benzinmotor ist klasse, aber leider nur mit Schaltgetriebe zu bekommen; Diesel-Automatik wäre für 2100 Euro mehr im Angebot. Das Platzangebot ist selbst in der 4,37 Meter langen Kurzversion enorm und das ganze Auto sehr praktisch. Im Fahrverhalten ist es das Gegenteil eines Sportwagens. Die Rückfahrkamera ist wichtig, das „Visio-System“ aus Fernlichtautomatik und Spurhalteassistent für 400 Euro verzichtbar, das Xenon-Licht für 1000 Euro ebenfalls. Das Radio der rund 25.000 Euro teuren Topausstattung klingt auch mit Bose-Lautsprechern wie ein Radio, das TomTom-Navi kennt noch die kleinste Umleitung und den neuesten Stau, aber ein paar Dinge sind auch für Geld nicht zu bekommen: Einparkautomatik, Toter-Winkel-Warner, Abstandsradar. Daran merkt man, dass Autos noch schneller altern als Menschen. Nächstes Jahr soll ein neuer Scénic kommen.

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