Vorstellung Toyota Avensis : Weißwurst trifft Sushi

Moderner, komfortabler, sparsamer: Nach sieben Jahren hat Toyota sein Flaggschiff Avensis überarbeitet. Frisches Design und neue BMW-Motoren sollen den Mittelklässler wieder in Fahrt bringen...

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Weißwurst-Bergtour statt Sushi-Talfahrt? Im neuen Avensis Touring Sports verbinden sich selbstbewusstes Design und neue BMW-Motoren.
Weißwurst-Bergtour statt Sushi-Talfahrt? Im neuen Avensis Touring Sports verbinden sich selbstbewusstes Design und neue...Foto: promo

Als Toyotas Flaggschiff hat es der Avensis hierzulande nicht leicht. Im ganzen Jahr 2014 wurden in Deutschlande gerade mal 3713 dieser Modelle zugelassen. So viele werden vom VW Passat alle zwei Wochen bei uns verkauft. Und auch die sonstigen Konkurrenten des Japaners wie Ford Mondeo, Mazda 6 und Opel Insignia verkaufen sich viel besser. Also war eine Überarbeitung nach sieben Jahren (!) überfällig. Zwar wird aus dem angejährten Avensis kein ganz neues Auto, aber die Japaner haben so viel optisch und technisch verändert, dass es sich um mehr als ein gewöhnliches Facelift handelt.

Optisch überzeugt er mehr von innen

Allein die optischen Auffrischungen machen aus dem zuvor etwas betulich wirkenden Mittelklässler ein (fast) anderes Auto, aber eben keine neue vierte Generation. Von vorn wurden beim aktuellen Auris und beim Brennstoffzellen-Auto Mirai gewisse Anleihen übernommen, allerdings wirkt die neue Avensis-Front eine Spur zu zerklüftet – irgendwie überladen. Doch das ist Geschmackssache. Das Heck ist etwas ruhiger, erinnert aber vor allem beim Touring Sports, wie Toyota seinen Kombi nennt, an den aktuellen Mazda 6 Kombi.

Innen geht es ruhiger zu. Da siegt die pragmatische Vernunft gegen aufgesetzte Schminke, wie außen. Der Toyota Avensis soll vor allem mit einer besseren Material- und Verarbeitungsqualität aufwarten. Und es sollte beim Cockpit aufgeräumt und modernisiert werden. Dies ist ohne Abstriche gelungen – und das Ergebnis erfreut das Auge. So gibt es jetzt ebenso schnörkellose wie tadellos ablesbare Rundinstrumente, gut zur Hand liegende Tasten für die Klimatisierung und gerade so viel Infotainment wie unbedingt nötig, um in der Neuzeit anzukommen. Das sehr große Handschuhfach ist innen nun so fein ausgekleidet wie bei einem VW Passat.

Ansichtssache: Die Frontpartie des neuen Avensis wirkt etwas überladen, aber auch selbstbewusst.
Ansichtssache: Die Frontpartie des neuen Avensis wirkt etwas überladen, aber auch selbstbewusst.Foto: promo

Im Innenraum wurde erstmals eine Designstrategie eingeführt, welche Toyota als „Dual Ambiente“ bezeichnet. Die mittlere und gehobene Ausstattungsstufe sind jeweils in Kombination mit den optionalen Alcantara-Ledersitzen in zwei verschiedenen Farbvarianten erhältlich. Einmal als „Terracotta“ und zum anderen als traditionelles „Grau“. Passend dazu abgestimmt gibt es verschieden farbige Dekoreinlagen; für die konservativen Japaner fast eine Palastrevolution. Der untere Bereich der Armaturentafel wird nun von einem acht Zoll großen Touchscreen beherrscht. Ein neu gestaltetes Lenkrad und ein neuer Schalthebel komplettieren das stark aufgewertete Cockpit.

Deutlich spürbar verbessert wurde ebenfalls der Geräusch- und Fahrkomfort. Einen großen Teil dazu tragen die neuen gut konturierten Sitze bei, welche Fahrer und Beifahrer mit einer dicken Polsterung verwöhnen und die auch noch nach Stunden sehr bequem sind. Ein großer Fortschritt. Leider ist ihr Verstellbereich für die Sitzhöhe zu gering, denn sie sind recht hoch eingebaut. Nach den ersten Testkilometern fällt sofort auf, dass der Toyota Avensis nun viel besser gedämmt ist und viel verbindlicher federt.

Sicherheitssysteme noch unter Durchschnitt

Das Fahrwerk wurde überarbeitet. So profitiert die vordere Radaufhängung von einem geänderten Stützlager sowie einem Stahl-Kugellager statt der bisherigen Kunststoff-Buchse an der unteren Stoßdämpfer-Aufnahme. Das Kugellager senkt die Reibung im System beim Lenken und optimiert so das Lenkgefühl für eine klarere Rückmeldung. Bei den Diesel-Modellen werden für einen höheren Fahrkomfort zudem vorn neue Tragfedern mit geänderter Form und reduzierter Federrate eingesetzt. Das wirkt: Die alte Betulichkeit des Toyota Avensis beim Fahren und Einlenken ist weg. Klar, eine sportlich ausgelegte Limousine wie ein Mazda 6 ist nicht aus ihm geworden, aber die verbesserte Handlichkeit überrascht schon in ihrer Auslegung.

Klar und übersichtlich: Das Cockpit wurde einer Rundum-Kur unterzogen - mit erfreulichem Resultat. Auch Materialien und Verarbeitung können sich sehen lassen.
Klar und übersichtlich: Das Cockpit wurde einer Rundum-Kur unterzogen - mit erfreulichem Resultat. Auch Materialien und...Foto: promo

Nachholbedarf hatte Toyota auch bei den Sicherheitssystemen – und deshalb aufgerüstet. Neben dem Notbrems-Assistenten, der jetzt serienmäßig an Bord ist, bieten die Japaner nun zumindest einen Fernlicht-Assistenten, einen Spurwechsel-Warner und eine Verkehrszeichenerkennung an. Müdigkeitserkennung? Adaptiver Tempomat? Oder eine elektrische Heckklappe für den Kombi? Alles Fehlanzeige. Dafür gibt es, entweder gegen Aufpreis oder an eine bestimmte Ausstattungslinie gekoppelt, nun Voll-LED-Scheinwerfer, elektrisch verstellbare Ledersitze mit Memory-Funktion und ein großes Panorama-Glasdach.

Sushi und Weißwurst vereint

Wir haben uns bei der ersten Testfahrt für den Kombi entschieden, der geschätzte 90 Prozent bei den Verkäufen ausmachen dürfte. In der zweiten Reihe überzeugt das Platzangebot dank üppiger Beinfreiheit, und mit einem Fassungsvermögen von 543 bis 1630 Litern liegt das Kofferraumvolumen des Touring Sports im oberen Drittel dieser Klasse. Im Untergeschoss des Kofferraums gibt es Staufächer für Kleinkram, außerdem kann die Gepäckraumabdeckung hier bequem verstaut werden, wenn sie mal nicht gebraucht wird.
Die einzig wirklichen Neuerungen fanden unter der Motorhaube statt. Da trifft nun Weißwurst auf Sushi! Toyota profitiert bei der Avensis-Überarbeitung nämlich von der Kooperation mit BMW. Die Bayern liefern Dieselmotoren an die Japaner. Diese wiederum Hybrid-Komponenten. Allerdings muss man wissen, dass BMW nicht die allerneueste Motorengeneration an Toyota für den Toyota Avensis liefert, sondern die quasi vorhergehende, die teils noch im Mini arbeitet.

Das Heck des Avensis Touring Sports ist weniger unruhig als die Frontpartie, aber trotzdem noch markant. Es weckt Assoziationen mit dem aktuellen Mazda 6 Kombi.
Das Heck des Avensis Touring Sports ist weniger unruhig als die Frontpartie, aber trotzdem noch markant. Es weckt Assoziationen...Foto: promo

Bei den Dieselmotoren findet bei Toyota sozusagen ein spezielles Downsizing statt: Der alte eigene Zweiliter wird im Toyota Avensis durch einen 1,6er von BMW mit 112 PS ersetzt, der bereits im Verso sein Debüt gefeiert hat. Er soll im Avensis 0,4 Liter sparsamer sein als das ältere Aggregat. Eine Weltpremiere bei Toyota stellt der neue Zweiliter-Diesel von BMW dar, der 143 PS leistet und den alten 2,2-Liter-Diesel von Toyota ablöst. Mit 320 Newtonmeter Drehmoment schon ab 1750 Touren arbeitet er wesentlich durchzugsstärker als der kleinere Selbstzünder.

Bei der Anpassung beider Triebwerke für den Einsatz im Avensis hat BMW übrigens mitgewirkt. Wir sind beide Triebswerke nacheinander im Kombi gefahren – und würden wegen des moderaten Aufpreises von 1150 Euro  den stärkeren vorziehen. Denn der kleine Diesel lässt wenig von dem Gefühl spüren, das die Münchener als Freude am Fahren bezeichnen. 11,7 Sekunden für den Sprint von Null auf Tempo 100 lassen eher mildes Temperament erkennen. Drehzahlen unter 1500 Touren lassen sogar jeden Druck vermissen. Und außerdem ist der oberste Gang des butterweich schaltbaren Sechsganggetriebes zugunsten eines geringen Verbrauchs sehr lang ausgelegt ist, womit er selbst auf Landstraßen recht selten genutzt werden kann. Beide arbeiten über das gesamte Drehzahlband sehr leise und vibrationsarm. Sie sind kaum als Selbstzünder zu erkennen – der stärke empfiehlt sich dank seiner besseren Durchzugsstärke als idealer Partner für den komfortablen Avensis, der damit einen optimalen Reisewagen abgibt.

Mit 543 bis 1630 Liter liegt das Kofferraumvolumen des Touring Sports im oberen Drittel seiner Klasse. Zusätzlich gibt Stauraum für Kleinkram oder die Gepäckraumabdeckung unter der Bodenplatte.
Mit 543 bis 1630 Liter liegt das Kofferraumvolumen des Touring Sports im oberen Drittel seiner Klasse. Zusätzlich gibt Stauraum...Foto: promo

Auf unsere Nachfrage bei Toyota ergibt sich, dass für beide Diesel kein Automatikgetriebe vorgesehen ist. Ebenso wenig wird es einen stärkeren Dieselmotor oder einen Hybridantrieb in Toyotas Flaggschiff geben. Eine Automatik liefert Toyota nur für die beiden Benzinmotoren mit 132 und 147 PS. Doch bei der Automatik handelt es sich um ein gewöhnungsbedürftiges stufenloses CVT-Getriebe und bei den Benzinern nicht um moderne Turbo-Benzindirekteinspritzer, die demnächst der kleinere Auris bekommt, sondern um konventionelle „alte“ Sauger. Moderne Benziner wird erst der Nachfolger des Avensis erhalten. In ein paar Jahren.

Zurück auf Kurs

Stärkstes Argument für den aufgefrischten Toyota Avensis ist das gute Preis-Leistungs-Verhältnis. Zum unveränderten Basispreis von 23.640 Euro startet der neue Avensis mit dem 132 PS starken Basisbenziner uns etwas besserer Ausstattung. Stets sind Klimaanlage, CD-Audiosystem, Lederlenkrad und –schaltknauf sowie elektrische Fensterheber an Bord. Ebenfalls Serie ist das neue Toyota Safety Sense, das einen Kollisionswarner mit automatischer Notbremse umfasst, welches den Wagen bis Tempo 80 automatisch zum Stehen bringt, bevor es knallt.

Toyota hat sein Flaggschiff wieder auf den richtig Kurs gebracht. Vor allem mit dem großen BMW-Diesel (ab 30.090 Euro, Kombi 1000 Euro teurer) dürfte es künftig stärker Fahrt aufnehmen, um den Rückstand zu den anderen zu verringern. Die Chancen dafür stehen eigentlich ganz gut.

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