Vorstellung VW Passat : Kürzer, breiter und stärker

Der VW Passat stand einst exemplarisch für die Mittelklasse. Mit der achten Generation nähert er sich weiter dem Premiumsegment an. Er wird immer besser, ist aber immer weniger Volkswagen.

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Edle achte Generation: Von der Mittelklasse, für die der Passat einst stand, hat sich der Wolfsburger nun ziemlich weit entfernt. Heute schielt man weniger auf Opel oder Ford, denn auf BMW, Mercedes und Audi.
Edle achte Generation: Von der Mittelklasse, für die der Passat einst stand, hat sich der Wolfsburger nun ziemlich weit entfernt....Foto: Markus Mechnich

Werden wir zu Beginn gleich mal etwas nostalgisch. Wahrscheinlich werden sich nur die Älteren unter uns an die Zeit erinnern, als der erste VW Passat im Jahr 1972 das Licht der Welt erblickte. Damals stand Volkswagen mit dem Rücken zur Wand. Technisch waren die Wolfsburger mit Heckmotoren und Luftkühlung ins Abseits gefahren. Sie lebten vom Käfer, dessen Ruhm aufgrund eben der technisch rückständigen Konstruktionsweise zusehends verblasste. Einzig der K70, den VW allerdings von den gerade gekauften NSU Motorenwerken übernommen hatte, fuhr mit Wasserkühlung und Frontantrieb auf der Höhe der Zeit. Der Mittelklassebeitrag von Volkswagen, der VW 411 basierte ebenfalls auf der veralteten Konstruktionsweise mit Heckmotor und war langfristig chancenlos auf dem Markt.

Da keimte in Wolfsburg die Idee sich doch mit einer Schrägheckversion auf Basis des Audi 80 zurück in das Segment zu schleichen. Die Ingolstädter waren auch erst seit 1966 Teil von Volkswagen. Sich quasi en passant ein zeitgemäßes Mittelklassemodell ins Programm zu holen, das war der verwegene Plan. Der Audi 80 lieferte das Design und vor allem die Motoren, die man auf die Schnelle nicht entwickeln konnte. Der Boden der Audi-Konstruktion von damals bildet noch heute als "Ur-Guss" die Basis der Vierzylinder-Motoren von VW. Warum wir aber nostalgisch werden? Der erste VW Passat kostete 9060 D-Mark in der Basisvariante. Das war zwar auch damals nicht wenig Geld, bewegte sich aber in der finanziellen Reichweite etwa eines Vorarbeiters, eines normalen Abteilungsleiters oder eines Bankangestellten. Echte Mittelklasse eben.

Wertigkeit: Schon die Größe des Displays signalisiert die schiere Opulenz an Technik, die Volkswagen hier anbietet.
Wertigkeit: Schon die Größe des Displays signalisiert die schiere Opulenz an Technik, die Volkswagen hier anbietet.Foto: Markus Mechnich

VW Passat wurde mit jeder Generation größer und beliebter

Seit dieser Zeit hat sich einiges getan. Der Passat wurde ein millionenfacher Erfolg, genauer gesagt wurde er bis zum letzten Jahr 22 Millionen mal gebaut. Damit sticht er sogar den Bestseller VW Golf aus, dessen allererste Version zwei Jahre später auf den Markt kam, aus. Der Passat wurde mit jeder Modellgeneration größer, stärker und auch beliebter. Selbst im letzten Jahr, als schon der Nachfolger am Horizont dämmerte konnte Volkswagen noch 1,1 Millionen Exemplare des Modells absetzen. Der Preis stieg allerdings proportional zur technischen Entwicklung ebenfalls mit und so gab es schon bei der letzten Generation nur noch eine Basisvariante, die unter 30000 Euro zu haben war.

Diese Schwelle wird der neue Passat, der sich nun in seiner achten Ausgabe den Kunden vorstellt, erst mal nicht unterschreiten. Von der Mittelklasse, für die der Passat einst stand, hat sich der Wolfsburger nun ziemlich weit entfernt. Heute schielt man weniger auf Opel oder Ford, denn auf BMW, Mercedes und Audi. Grundsätzlich ist das kein Frevel, denn noch nie zuvor hatte ein Passat derart viel Technik, derart potente Motoren und einen derart hochwertigen Material-Mix an Bord, wie es der Neue zu bieten hat. Schon der optische Auftritt mit breiter Spur, tief sitzendem und sehr breitem Kühlergrill zeichnet die Angriffslust der neuen oberen Mittelklasse aus Wolfsburg. Der Passat Numero acht liegt deutlich tiefer als sein Vorgänger und macht mehr auf Sport denn je.

VW Passat Nummer acht ist leicht geschrumpft

Basis für das Fahrzeug ist der neu eingeführte Modulare Querbaukasten, dessen erster VW-Ableger der Passat ist.  Beim Gewicht konnte man 85 Kilogramm einsparen, was an der Karosserie vor allem mit warm umgeformtem Stahl und Aluminium-Bauteilen gelungen ist. So bringt der Passat mit dem Benziner an Bord durch respektable 1387 Kilogramm auf die Waage, was für ein Auto mit 4,77 Meter Länge durchaus respektabel ist. Mit dem derzeitigen Spitzenmotor, dem Zwei-Liter-Turbodiesel, an Bord und seinen 1735 Kilogramm kämpft der Passat dann aber wieder in einer anderen Gewichtsklasse. Apropos Länge: Der achte Passat ist tatsächlich um zwei Millimeter geschrumpft. Alleine schon weil das in der Autoindustrie eine Seltenheit ist, dass ein neues Modell kleiner wird, wenn auch nur minimalst. Wichtiger ist da schon der Radstand, der um 79 Millimeter gewachsen ist. Optisch macht sich das an kürzere Überhängen fest, vom Nutzwert her an etwas mehr Platz im Fond und technisch an einem beachtlichen Wendekreis – der übliche Preis, der für einen großen Radstand zu zahlen ist.

Größere Ausmaße, höherer Preis: Der VW Passat Variant kostet 1175 Euro mehr.
Größere Ausmaße, höherer Preis: Der VW Passat Variant kostet 1175 Euro mehr.Foto: Markus Mechnich

"Wir haben mit dem Fahrzeug einen Sprung gemacht",  sagt Volkswagen-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer. Das ist durchaus glaubhaft. Ganz besonders für diejenigen, die sich hinter das Steuer setzen. Denn hinter dem Lenkrad und in der Mittelkonsole sammelt sich die Armada an Assistenten, Helferlein und Unterhaltungsoptionen, die den Passat endgültig in die obere Mittelklasse heben. Schon die Größe des Displays signalisiert die schiere Opulenz an Technik, die Volkswagen hier anbietet. Neben alten Bekannten, wie dem automatischen Abstandshalter, Fernlicht-Assistenten oder dem selbsttätigen Parkassistenten findet sich hier nun auch eine City-Notbremsfunktion mit Fußgängererkennung und neuerdings eine Rückfahrkamera mit Sicht aus der Vogelperspektive. Interessant ist auch der neue Anhängerrangierassistent (620 Euro), der zwar durchaus gut funktioniert, aber doch etwas mehr helfende Eingriffe von außen benötigt, als man erwarten würde. Dennoch ein nützliches Feature, das es erlaubt einen Hänger alleine vernünftig in einer Parklücke zu positionieren.

Drehmomentstarker Top-Diesel und ruppiges DSG

Bei all der Technik zählen am Ende natürlich vor allem die Motoren und die Frage, wie sich das Auto auf der Straße bewegen lässt. Die erste Runde sind wir mit dem neu entwickelten Zwei-Liter-TDI gefahren, der bis dato die Spitzenmotorisierung stellt. Ob wieder ein V6-Benziner in die Angebotspalette rollt, ließ sich VW bisher nicht entlocken. Der Motor stemmt beachtliche 500 Newtonmeter zwischen 1750 und 2500 Umdrehungen auf die Kurbelwelle. Der Passat lässt sich damit sehr schön untertourig fahren, kommt aber mit seinen 240 PS auch flott nach vorne. Das Drehmoment hinterlässt zwar nicht so einen nachhaltigen Eindruck, wie es das Datenblatt vermuten ließe. Aber durch die kultivierte Kraftentfaltung und das permanente Allradsystem, das serienmäßig mit dem Motor verkauft wird ist in Kombination eine sehr ansprechende Ausstattung für das Fahrzeug. Ebenfalls Serie ist das Doppelkupplungsgetriebe, das allerdings im Sport-Modus durchaus auch mal seine ruppige Seite zeigt und schnelle Gangwechsel mit einem heftigen Ruck im Fahrzeug kenntlich macht. Dennoch: Alles in allem passt das gut zusammen, hat aber einen Haken. Mit dem Basispreis 43625 Euro, schon mit der mittleren Ausstattungslinie Comfortline wohlgemerkt, ist der Passat dann final in der automobilen Oberschicht angekommen.

Die warm umgeformtem Stahl und Aluminium-Bauteile helfen dem Passat Variant beim Gewichtsverlust.
Die warm umgeformtem Stahl und Aluminium-Bauteile helfen dem Passat Variant beim Gewichtsverlust.Foto: Markus Mechnich

Nun ist der VW Passat der Geschäftswagen schlechthin. Mehr als 80 Prozent der in Deutschland zugelassenen Autos der Baureihe laufen auf Firmen. Der Chef, es sei denn er fährt selbst den Wagen, wird nur selten seine Haken an dieses Modell dran machen. Der Normalfall wird dann eher der 150-PS-TDI genehmigt, der sich schon in der letzten Baureihe als der alles überstrahlende Bestseller erwies. Wir haben aber noch eine Runde mit dem 1,4 Liter großen TSI-Motor als Limousine gedreht, der vor allem im Ausland beliebt ist. In der Türkei etwa, wo rund 25 Prozent aller europäischen Passat-Limousinen überhaupt hingehen oder nach Großbritannien und Frankreich, die auf den Plätzen folgen.

Stattlicher Preis: 33 500 Euro ruft VW schon für den 150-PS-Benziner beim "normalen" Passat auf.
Stattlicher Preis: 33 500 Euro ruft VW schon für den 150-PS-Benziner beim "normalen" Passat auf.Foto: Promo

VW Passat als Limousine mit Benziner im Ausland beliebt

Der aus dem Golf bekannte Motor, der sich hier in neuer Evolutionsstufe vorstellt, lässt sich im Passat gut an. Mit 150 PS ist der leichteste aller Passat ausreichend motorisiert, das Sechsgang-Handschaltgetriebe schlägt sich mindestens ebenso gut wie der Doppelkupplungsautomat (gibt es nur für Diesel-Motoren). Insgesamt ist der Schwund an Agilität gegenüber dem starken Diesel sehr überschaubar. Da machen sich die 348 Kilo weniger Gewicht schon bemerkbar. Ebenfalls nicht an Bord ist das feine, aber ebenso kostspielige Vollgrafik-Display für das Cockpit (500 Euro in Verbindung mit der höchsten Navi-Variante Discover Pro für 2180 Euro und nur in der Highline-Ausstattung erhältlich). Das ist in der Summe wohl am Ende näher an dem, was die meisten Chefs absegnen würden. Grämen muss sich da allerdings kein Angestellter, denn mit dem serienmäßigen Bordcomputer und dem kleineren Navi (555 Euro mit TFT-Display mit 16,5 Zentimeter Diagonale) lässt es sich sehr gut leben. Und mit einem Normverbrauch von glatten fünf Litern ist er für einen Benziner relativ sparsam. Die ersten Testkilometer ergaben laut Bordcomputer einen Konsum von 6,4 Liter.            

Der 150-PS Benziner ist gleichzeitig auch die derzeit günstigste Variante VW Passat zu fahren. Für ihn ruft Volkswagen 33 500 Euro auf. Als Variant kostet er 1175 Euro mehr. Für den 150-Diesel berechnet VW 35 700 Euro (Variant: 36 875 Euro) und der Kombi mit dem starken Diesel kommt auf 46 300 Euro.

Denken wir zurück an die typischen Mittelklasse-Kunden von einst. Da rutschen dann schon ganze Jahresgehälter für das Auto drauf. Immerhin bekommen sie dann ein Fahrzeug, das sich im Grunde keine wirklichen Fehler leistet. Das ruppige DSG-Getriebe oder der tiefe Sitz, das ist schon Jammern auf hohem Niveau. Und in Sachen Material-Mix, sowie bei der Verarbeitung setzt der Passat einmal mehr Maßstäbe in seiner Klasse. Damit dürfte VW der Premiumkonkurrenz so einige Kunden abjagen. Für die Mittelschicht ist es mit der Neuauflage des Bestsellers hingegen nicht leichter geworden den Klassenprimus zu erwerben.

Autor

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

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