VW : Alter Ego

Der Ur-Scirocco startete 1974 – die Neuauflage heute. VW ist ein Coupé mit inneren Werten geglückt – und ein Gesicht in der Menge.

Kai Kolwitz
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Der neue Scirocco. -Foto: promo

Na endlich. Seit Monaten tobt ja schon der Hype um VWs wiederbelebtes Familienmitglied. Nein – nicht der neue Golf, der kommt erst demnächst. Aber schon ab diesem Wochenende steht der Scirocco bei den Händlern, des Golfes schickerer Bruder.

Und weil die Emotionen schon so hochgekocht waren, gilt es erst einmal, die Erwartungshaltung zu korrigieren: Dieser Wagen soll sich nicht mit Porsches und Ferraris balgen, da ist man im Audi R8 besser aufgehoben. Dieser hier soll das tun, was aus der Großserie abgeleitete Coupés auch schon in Zeiten der Mantas, Capris und des alten Scirocco getan haben: ein bisschen sportlicher sein, ein bisschen mehr auffallen und das zu Preisen und Unterhaltskosten, die auch derjenige stemmen kann, der sonst zum Golf gegriffen hätte. Und er soll, das darf man nicht vergessen, bitte, bitte gut aussehen.

Aus der Frage, ob den VW-Designern das gelungen ist, könnte man gut einen Cliffhanger machen. Denn der Scirocco schafft, wenn man ihn dann in natura vor sich hat, etwas, was nur wenigen aktuellen Autos gelingt: Man braucht ein bisschen Zeit, um sich zu entscheiden, wie man das Design findet: Spannend? Keine Frage. Gesicht in der Menge? Auf jeden Fall. Besser als der momentane Golf? War keine große Aufgabe. Aber das Heck, diese Birnentaille? Und von schräg hinten? Vertagen wir das also auf später.

Nur bei der Front ist alles klar: Dieser finstere Blick aus den schwarz hinterlegten Scheinwerfern, der schmale Grill, der große Lufteinlass: Klasse, böser Scirocco. Dass der Look auch bei anderen kommenden VW-Modellen den verchromten Überbiss der Gegenwart ablösen soll, man hört es mit Freude. Wie schön, dass sich das auch im Innenraum fortsetzt. Denn hier guckt man zwar auf eine Menge Eos, aber zusammen mit den leicht retro-mäßig aufgepolsterten Sportsitzen ergibt das einen soliden, aber dennoch nicht altbackenen Look.

Aber jetzt endlich: starten. Kernig, aber leise grollt es aus dem Motorraum ins Innere – nicht zuletzt deshalb, weil ein Akustikrohr ein wenig Ansauggeräusch ins Innere leitet. Soundfreaks werden wohl trotzdem das Bedürfnis haben, dem Coupé per Sportauspuff zu etwas mehr Lebensäußerung zu verhelfen. Aber dafür verschreckt der Scirocco so auch keinen Normalfahrer. Einmal auf der Autobahn, schiebt der Zweiliter mit seinen 200 PS, aktuelle Topmotorisierung des Wagens, mächtig an. 233 Stundenkilometer wären möglich, in gut sieben Sekunden geht es von null auf hundert. Prima Unterstützung liefert dabei das im Testwagen verbaute DSG, das die Gänge fast unmerklich wechselt, im Normalmodus den Wagen sparsam niedertourig hält und im Sportmodus ein wenig mehr Drehzahl zugibt.

Einzig vor Kurven ist man flotter unterwegs, wenn man per Paddel von Hand herunterschaltet. Dafür spielt der Scirocco hier Vorteile aus: Er liegt noch ein wenig satter auf der Straße als der Golf GTI, unter anderem deshalb, weil das Coupé die deutlich breitere Spur hat. Er lässt sich gut zirkeln, erlaubt eine Menge Querbeschleunigung und kündigt – typisch Frontantrieb – gut merkbar durch Schieben über die Vorderräder an, wann die Traktionsgrenze erreicht ist. Nicht unwesentlich dafür ist das im Testwagen verbaute aktive Fahrwerk: Im Sportmodus wird der Wagen noch einmal spürbar straffer – allerdings will VW 950 Euro für das Extra. Dafür zeigt sich in den Serpentinen Verblüffendes: Der kleinere 1,4-Liter-TSI macht hier trotz 40 PS weniger sogar noch mehr Spaß als der stärkere Bruder. Er reagiert spontaner aufs Gaspedal, wirkt irgendwie leichtfüßiger und agiler. Wahrscheinlich würde man mit der Stoppuhr in der Hand merken, dass der Große trotzdem schneller ist – aber Zahlen und Spaß sind ja nicht immer das Gleiche. Auf der Autobahn geht dem 1,4er dann zwar bei 160 ein bisschen die Puste aus, während der Zweiliter hier noch mächtig nachlegt, aber wer so schnell nur selten fährt, der kann beim Motor ohne Reue Geld sparen.

Und wo das Wort schon mal gefallen ist: Auch in puncto Alltagstauglichkeit geht man mit der Neuauflage des Scirocco keine Kompromisse ein: Zwar ist er naturgemäß etwas knapper geschnitten als der Golf, aber auf den Einzelsitzen der Rückbank kann man auch zwei Erwachsene unterbringen, ohne dass die nachher zum Orthopäden müssten. Der Einstieg gestaltet sich zweitürer-typisch zwar etwas mühsam, aber in der Summe geht alles problemlos. Auch der Kofferraum verdient sich mit knapp 300 Litern im Normalbetrieb und gut 750 bei umgeklappter Bank ein „ausreichend“. Allerdings sind wegen des Heckdesigns die Klappe sehr schmal und die Ladekante ziemlich hoch ausgefallen – Waschmaschinentransporte gestalten sich schwieriger als im Golf. Nur zwei echte Kritikpunkte gibt’s: Die Sicht nach hinten ist, mit Verlaub, lausig. Und dass sich die Heckklappe nicht mechanisch, sondern nur noch per Fernbedienung oder per Knopf aus dem Innenraum öffnen lässt, hat uns viele schöne Rundläufe um den Wagen beschert. Vielleicht kann VW hier ja noch nachbessern.

Aber unter dem Strich muss man sagen, dass VW mit dem neuen Scirocco in der Blaupause des alten geblieben ist. Das ist positiv gemeint: Er taugt gut für den Alltag, zumindest für alle die, die einen Golf auch nicht bis auf den letzten Liter Zuladung ausreizen, macht Spaß beim Fahren und verschreckt trotzdem niemanden durch übergroße Brachialität. Und, ja, das ist die Entscheidung am Ende: Er sieht gut aus. Richtig gut, von allen Seiten. Das finden wir zumindest.

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