VW Golf : Die Sechs im Sinn

VW hat die ersten Basisdaten des neuen Golfs veröffentlicht. Sie zeigen: Der Neue profitiert vor allem von Technik-Transfers.

Kai Kolwitz

Er ist ja schließlich nicht irgendein Auto. Insoweit ist es kein großes Wunder, dass allgemein mit einem bisschen mehr als der normalen Gespanntheit auf die ersten offiziellen Bilder der neuen Golf-Generation gewartet wurde. Zwar geisterte immer mal wieder etwas durch das Internet, auch Zeichnungen hatte man schon gesehen, in denen das neue Golf-Gesicht mehr spekulativ als wirklich fundiert skizziert war. Aber all dem fehlte die Gewissheit des „Das ist es jetzt“.

Schon im Oktober soll die sechste Generation des Bestsellers zu den Händlern kommen und den Vorgänger nach nur fünf Jahren zum Gebrauchtwagen stempeln. Dass VW-Chef Martin Winterkorn mit dem von ihm bereits vorgefundenen Golf Fünf nicht glücklich war, ist bekannt: Zu unemotional das Design und, wohl noch wichtiger, zu gering die Marge, die sich mit dem aktuellen Golf machen ließ.

In der Zulassungsstatistik blieb der Fünfer trotzdem Bestseller – kein Wunder, ist doch VW schon seit Käfers Zeiten noch fester mit dem Spitzenplatz verwachsen als Bayern München mit dem im Fußball. Trotzdem soll der Neue beides besser können: Geld verdienen und gut aussehen. Und, nachdem jetzt die ersten offiziellen Bilder öffentlich sind, steht fest: Der Scirocco hat, wie schon bei der Premiere des ersten Golfs anno 1974, den Vorreiter gemacht: Unverkennbar tragen das Coupé und der kommende Kompakte das gleiche Familiengesicht, auch die dezente Birnenform des Gesäßes hat der Golf mit dem Zweitürer gemein – nun, da man beide kennt, möchte man fast sagen, dass der Scirocco eigentlich ein Golf Sechs ist, auf den sich irgendetwas Schweres draufgesetzt hat.

Rein optisch, da dürfte Einigkeit bestehen, tut der neue Look dem Volkswagen-Bestseller ausgesprochen gut. War der Fünfer noch dafür kritisiert worden, dass er von den Proportionen zu sehr in die Höhe und zu wenig in die Breite gestrebt hatte, so macht der Neue Schluss mit dieser Kritik. Da die Bodengruppe die gleiche ist wie beim Vorgänger, sind dafür vor allem eine ganze Reihe von Design-Kniffen verantwortlich. Die Form der Rückleuchten, die sich nun organischer in die Karosserie fügen als vorher, der schmale Grill, der den Wagen optisch auseinanderzieht, die markante Kante über die Seite des Wagens.

Technische Revolutionen sind dagegen, zumindest nach dem, was man jetzt schon weiß, eher nicht zu erwarten. Vor allem wurden Komponenten in den Golf Sechs implantiert, die bereits in anderen, gern größeren, Konzernmodellen werkeln, und bei denen man schon ahnte, dass sie irgendwann auch im Golf auftauchen würden – wohl auch dann, wenn statt der neuen Formen nur ein Fünfer-Facelift angestanden hätte.

Aber das soll man ja trotzdem nicht gering schätzen. Am wichtigsten: Der Sechser sagt „Ade“ zur Pumpe-Düse-Technik beim Diesel, wie schon anderswo bei VW werkeln nun Common-Rail-Einspritzungen. Irgendwann soll das Spektrum der so verfügbaren Leistungen zwischen 90 und 170 PS liegen, zum Marktstart bietet man 110 und 140, beide angekündigt mit einem Normverbrauch von unter fünf Litern je 100 Kilometer. An Benzinern hat der Käufer zum Start die Wahl zwischen vier Varianten von 80 bis 160 PS, die beiden größten davon mit VWs TSI-Direkteinspritzung und mit Kompressor- und/oder Turbo-Aufladung. Ein bisschen Zukunft ist auch schon angekündigt: ein Hybrid zum Beispiel und ein Spardiesel, der den Golf unter die Vier-Liter-Marke drücken soll.

Weitere Technik-Transfers in den kommenden Golf sind das schon aus Scirocco und Passat CC bekannte adaptive Fahrwerk und ein Einpark-Assistent, wie ihn schon Tiguan und Touran an Bord haben. Auch die konventionelle Automatik schickt VW zum Modellwechsel aufs Altenteil, dafür halten flächendeckend die schon aus einem Teil der bisherigen Golf-Palette bekannten Direktschaltgetriebe (DSG) Einzug, je nach Motorisierung mit sechs oder sieben Schaltstufen. Noch nicht bekanntgegeben hat VW allerdings, ob und was davon sich beim Golf in der Serienausstattung wiederfinden wird. Dafür aber den Einstandspreis: Der billigste Golf wird laut Liste für 16 500 Euro beim Händler stehen – das sind 200 mehr, als zurzeit noch offiziell der Einstieg in den Golf Fünf kostet.

„Wertiger denn je, definiert die nun sechste Golf-Generation das Qualitäts- und Komfortniveau seiner Klasse in weiten Teilen völlig neu“, lässt sich VW-Chef Martin Winterkorn zum Marktstart des Neuen zitieren. Das sind große Worte, deren Wahrheitsgehalt sich abschließend erst klären lassen wird, wenn der Sechser eine Weile im Alltag unterwegs ist. Was den Innenraum angeht, lassen die Fotos jedenfalls erkennen: auch hier eher Evolution als Revolution. Die Instrumente vom Passat CC, die Bedienung von CC und Tiguan, die Kanten verblendet mit mattem Chrom: Wertig sieht das auf jeden Fall aus. Nicht wirklich avantgardistisch, aber die Neuerfindung des Blinkerhebels dürfte auch nicht das Ziel der Designer gewesen sein. Dafür weiß man auch im neuen Golf sofort: „Aha, VW“ – Mission erfüllt.

Sind wir also gespannt, wie sich der Golf Sechs im Straßenbild machen wird. Wenn sich VW bei der Qualität keine Patzer erlaubt, wird aber auch der neue Golf wohl problemlos die Verkaufszahlen des alten erreichen – gerade weil die Käufer wissen, was sie erwartet.

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