VW Golf Sportsvan : Rentnerauto war einmal

Ausgerechnet mit nur drei Zylindern will VW dem als Rentnerauto verspotteten Golf Plus ein sportlicheres Image verpassen – aber es funktioniert. Der Golf Sportsvan erfüllt seine Mission.

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Der Sportsvan hat sich vom pummligen Vorgänger Golf Plus zum schnittigen Touran Minus gemausert.
Der Sportsvan hat sich vom pummligen Vorgänger Golf Plus zum schnittigen Touran Minus gemausert.Foto: Rainer Ruthe

VW hat das geschickt gemacht. Aus dem Golf Plus wurde der Golf Sportsvan. Das klingt gleich viel dynamischer. So haben Fahrer eines Golf Sportsvan nicht mehr gegen das Vorurteil zu kämpfen, ein Rentenerauto zu fahren, wie das noch beim pummelige Vorgänger der Fall war. Dabei hat sich nichts an der Positionierung des Sportsvan geändert – und das ist gut so. Diese Art von Autos braucht das alternde Land! Auch wenn das kein Hersteller öffentlich zugeben würde, weil alle dynamische Autos für dynamische Menschen bauen wollen. Und dann bieten die Wolfsburger für den Hochsitz-Golf auch noch ein Dreizylinder-Motörchen an. Geht das überhaupt zusammen? Wir haben das ausprobiert im „sportlich“ wirkenden Sportsvan mit dem 115 PS starken Drilling – und waren überrascht.

 AUSSSEN UND INNEN

Der Sportsvan hat sich vom pummligen Vorgänger Golf Plus nun zum schnittigen Touran Minus gemausert! Der Sportsvan misst von Stoßstange zu Stoßstange 4,34 Meter, ist damit also 13,4 Zentimeter länger als der Vorgänger. An der Höhe von 1,58 Metern ändert sich nichts, dennoch wirkt der Neue durch die gestrecktere Form und die fünf Zentimeter breitere Karosserie nun flacher, stämmiger und sportlicher. Ein gewollter optischer Trick. Mit 2,68 Metern Radstand stehen die Achsen des Golf Sportsvan immerhin fünf weiter auseinander als die des normalen Golf. Wie alle BlueMotion-Modelle verfügt auch dieser spezielle Hochsitz-Golf über einen teilverkleideten Unterboden, einen Heckspoiler und einen nahezu geschlossenen Kühlergrill, um den Luftwiderstand zu optimieren Der „abgedichtete“ Grill mit dem Klavierlackteil und der blauen Umrandung sieht bei diesem Golf-Ableger so spacig aus, dass man sich fragt, warum das nicht generell ein neues Gestaltungselement bei VW sein könnte?

Es ist frappierend, was im Innenraum wenige Zentimeter mehr gegenüber dem normalen Golf ausmachen können: nur acht Zentimeter mehr Länge, einen in der Breite und 13 in der Höhe sorgen für ein viel luftigeres Raumgefühl als im normalen Golf, obwohl die Grundfläche des Sportsvan nur minimal größer ist.

SITZEN UND LADEN

Die Sitzposition des Sportsvan liegt exakt 5,9 Zentimeter über der eines normalen Golf. Beste Voraussetzungen für bequemes Ein- und vor allem Aussteigen ohne rückenfeindliche Anstrengungen. Und anders als der pummelige Vorgänger sieht man dem jetzigen Sportsvan nicht an, dass er eigentlich das ideale Rentner-Auto ist. Er ist zugleich auch ein rückenfreundlcher Lademeister mit einer erfreulich niedrigen Ladekante von 66 Zentimetern. Jedes Teil der im Verhältnis 60 zu 40 geteilten Rückbank kann einzeln um 18 Zentimeter (zwei mehr als im Vorgänger) verschoben werden. Außerdem sind auch die Lehnen in der Neigung verstellbar. Sie lassen sich zudem bequem umklappen, und es entsteht eine nahezu ebene Ladefläche, wenn sich der serienmäßige doppelte Ladeboden in oberster Position befindet. So passen locker zwei Klappräder in das Ladeabteil, das zwischen 590 und 1520 Liter Volumen misst. Und klappt man die Beifahrerlehne um (96 Euro Aufpreis), dann können sogar bis zu 2,48 Meter lange Surfbretter transportiert werden.

FAHREN UND TANKEN

Das Wichtigste gleich zu Anfang: Auf den 2100 Testkilometern kam nie der Wunsch nach einem Zylinder mehr und zusätzlichen Pferdestärken auf. Und an den etwas schnarrenden Unterton gewöhnt man sich nach einiger Zeit. Bei 2000 Touren fühlt sich der Drilling am wohlsten,   da klingt er auch nach mehr als drei kleinen Brennräumen. Das ordentliche Drehmoment von 200 Newtonmetern liegt zwischen 2000 und 3500 Touren an. Der Dreizylinder dreht ein wenig freier hoch als ein Vierzylinder. Doch mehr als 5000 Umdrehungen gehen ihm aber auch nicht mehr wirklich freudig von der Kurbelwelle. Danach tut er sich irgendwie schwer. Allerdings verirrt man sich in diesen Drehzahlbereich zum Glück nur selten. Man braucht ihn nicht wirklich, um bei Bedarf auch mal flott voran zu kommen. Bei Tempo 140 auf der Autobahn dreht sich die Kurbelwelle im sechsten Gang ganze 3000 Mal in der Minute. Erst bei 198 km/h ist nach einigem Anlauf Schluß, und für den Sprint von Null auf Tempo 100 braucht der Sportsvan 10,4 Sekunden. Das geht in Ordnung. Das exakte Sechsgang-Handschaltgetriebe lässt sich ganz leicht aus dem Handgelenk bedienen. Dabei liegt der Unterarm entspannt auf der Mittelarmlehne, die sich punktgenau einstellen lässt. Das sind eben die Feinheiten, die einen VW auszeichnen, aber letztlich auch teuer machen.

Das in Verbindung mit der BlueMotion-Spartechnologie serienmäßige Sportfahrwerk bringt einen großen Nachteil mit sich. Die Karosserie ist 1,5 Zentimeter tiefer gelegt, der geringere Federweg äußert sich in einer stößigen Federung. Auf schlechten Straßen kommt so Unruhe in den Aufbau. Der Vorteil? Eine erfrischende Handlichkeit, die man diesem verkappten Rentnerauto nicht zugetraut hätte, und die richtig Spaß macht. Freude kommt auch an der Tanke auf. Zwar sind die werksseitig angegeben 4,5 Liter eine Illusion, aber glatt sechs Liter Super auf 100 Kilometer bei teils flotten Autobahnetappen können sich sehen lassen. Vorausschauendes Fahren auf der Landstraße quittierte der Drilling mit einem Verbrauch von nur 5,4 Litern. Da kann man nicht meckern.

HÖREN UND SEHEN

Ein Dreizylinder klingt nun mal anders als ein Vierzylinder. Das bauarttypische Schnarren tritt jedoch nur im und kurz über dem Leelauf auf,  verflüchtigt sich dann schnell. Übrigens schafft der Drilling seine überraschend gute Laufkultur sogar ohne den Verbrauch in die Höhe treibende Ausgleichswellen. Ab Tempo 100 auf der Autbahn wandelt sich der Ton, und der Drilling klingt nicht mehr nach kastriertem Benziner. Damit kann man sehr gut leben. Auffällig sind dagegen in Verbindung mit dem harten Sportfahrwerk die recht lauten Abrollgeräusche der 17-Zoll-Winterräder.

Nur acht Zentimeter mehr Länge, einen in der Breite und 13 in der Höhe sorgen für ein viel luftigeres Raumgefühl als im normalen Golf.
Nur acht Zentimeter mehr Länge, einen in der Breite und 13 in der Höhe sorgen für ein viel luftigeres Raumgefühl als im normalen...Foto: Rainer Ruthe

Und die Sicht? Die ist beispielhaft gut. Dank flach bauendem Armaturenbrett hat man nach vorn sehr gute Sicht. Das Auto überzeugt blicktechnisch mit geraden Seitenteilen, großen Fensterflächen und einem Heckfenster, das seinen Namen verdient. Damit lässt sich der Hochdach-Golf sogar besser einparken als der normale. Und mit dem automatischen Parklenkassistent (895 Euro Aufpreis) ist ein zuverlässiger Butler an Bord für alle, die gerne lenken lasse. Nur die recht tief sitzenden Außenspiegel könnten ruhig etwas größer sein.

WÄHLEN UND ZAHLEN

Viel zu wählen gibt bei der Dreizylinder-Version nicht. VW bietet sie nur in der BlueMotion-Sparvariante an, und dann auch nur in zwei Ausstattungslinien: Trendline ab 22875 Euro und Comfortline ab 24550 Euro. Die Topversion Highline ist für den Dreizylinder nicht zu haben. Gegen einen Aufpreis von 1900 Euro liefert VW eine Siebengang-Dopelkupplungsautomatik. Den Verbrauchsvorteil von gut einem halben Liter gegenüber dem 110 PS starken Vierzylinder im 1.2 TSI gibt’s nicht geschenkt. In der Comfortline-Ausstattung beträgt der Aufpreis 925 Euro. Da muss jeder für sich selbst die Wahl treffen. Auf jeden Fall ist der Drilling keine schlechte!

GUTES UND SCHLECHTES

Für alle, die – aus welchen Gründen auch immer – bequem ins Auto einsteigen und auch wieder lässig aus dem Polstern rauskommen wollen,  ist der Sportsvan das ideale Gefährt. Und er ist sogar für alle, die keinen SUV fahren wollen, das bessere SUV! Denn im Sportsvan sitzt man ähnlich hoch,  hat ein ähnlich luftiges Raum- und auch Sicherheitsgefühl wie in einem SUV und das alles ohne die teilweise aufdringliche Abenteuer-Rundumbeplankung. Und der Dreizylinder im Bug? Es weiß ja keiner, dass dort so ein Winzling sitzt, weil der seine Sache so gut macht, dass ihn demnächst auch der noble Audi A3 bekommen wird. Und mittlerweile sparen ja auch Ford, Peugeot, Opel, Toyota, Kia, und BMW mit kleineren Motoren Gewicht und Sprit. Laufruhe und Leistung der Motörchen haben die Ingenieure ohnehin längst im Griff. Viele fahren so komfortabel wie ihre Vorgänger mit vier Töpfen. Ford ist sogar so mutig und bringt seinen kleinen Einliter-Dreizylinder sogar im großen Mondeo – und selbst das funktioniert überraschend gut. Schade nur, dass der Golf Sportsvan 1.0 TSI nur in der BlueMotion-Sparversion angeboten wird. Denn diese ist stets mit dem Sportfahrwerk gekoppelt, das nicht so recht zu dieser Familienkutsche passen will: zu hart, zu stößig. Da sollte VW seine Modellpolitik noch mal überdenken, um aus einem sehr guten ein noch besseres Auto zu machen.

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