VW : Mach die Welle

Seit Jahrzehnten schwören Surfer auf den VW Bus. Also haben wir das California-Modell dem Neopren-Test unterzogen

Annette Kögel

Beim Surfen nennt man so was Spin-Out: Wenn man mit dem Brett so schnell ist, dass das Heck einfach wegrutscht und man den Halt verliert. So was ähnliches ist uns schon beim Start passiert. Allerdings im Auto: Die Fahrerin tritt wie gewohnt aufs Gaspedal – und die Reifen drehen durch. Das ist nicht schlecht für einen VW-Bus. Gut, dass das Auto in der nächsten Parklücke weit genug weg stand, sonst hätte es zum Auftakt wohl einen Auffahrunfall gegeben, mit dem 2,5-Liter TDI-Diesel und seinen 170 PS.

VW-Busse sind Kultkutschen seit Jahrzehnten – nicht zuletzt bei Surfern. Generationen sind damit über die Autobahn geschlichen, mit dem Luftwiderstandswert eines Kleiderschrankes. Die Besitzer lieben ihre Reisemobile trotzdem, bauen sie selber aus, beziehen die Sitze mit Hibuskusblütenstoff aus Hawaii und erhitzen Ravioli aus der Dose blubbernd überm Campingkocher, bis die Scheiben beschlagen. Manch einer zieht damit in den Süden direkt an den Strand.

Dagegen ist dieser California Comfortline inklusive Schlafhochdach ein Einfamilienhaus auf Rädern. Das hat Vor- und Nachteile: Der Luxusliner passt mit seinen 2,60 Metern Höhe nicht in die meisten Tiefgaragen. Und auch nicht unter die Wohnmobil-Stopper-Latten an den Einfahrten, mit denen Grundstücksbesitzer an der Ostsee ihre Parkplätze für Dauer-Wohnmobilisten sperren. Aber man kann ja auch woanders nächtigen.

Also cruist unsereins auf der Reise zum Surf-Festival auf Fehmarn durch Hamburg: Elbe, Binnenalster, Außenalster, mal sehen, wo es schön ist. Ein Parkplatz findet sich ohne Probleme, denn viel länger als der Berlingo-Kastenwagen, der normalerweise mein Surf-Equipment trägt, ist der Bus mit seinen knapp fünf Metern Länge nicht, und mit seinem Wendekreis von knapp 12 Metern gibt er sich wirklich wendig. Und wenn es Nacht wird, einfach über die Armlehne nach oben klettern, Ausstellfenster samt Mückenschutz verdunkeln und den Schlafsack ausbreiten. Gute Nacht.

Leider gibt’s morgens feuchte Füße, denn bei Regen tröpfelt es bei offenem Fenster leider rein wie in einem Dachgeschoss. Da müssen die Konstrukteure nochmal ran. Praktisch ist aber, dass sich das Lattenrostbett nach dem Aufstehen bequem hochklappen lässt, dann können selbst 2-Meter-Männer stehen. Es empfiehlt sich aber dringend, für den Nachtparkplatz ein schattiges Fleckchen zu suchen, denn unterm Dach, juchhee, wird’s sommers ziemlich heiß. Bevor man losfährt, sollte man auch Bettwäsche und Buch abräumen oder mit dem Gepäcknetz sichern, sonst fällt beim Bremsen eine Überraschung herab.

Wieder on the road, genießt man ein neues Fahrgefühl: Rund 170 km/h schafft der Bus, wenn es sein muss. Und es ist ziemlich cool, in erhabener Sitzposition mitzuerleben, wie Daimler und BMWs vor dem Bulli nach rechts ziehen und Platz machen. Aber Achtung: Manche Verkehrsteilnehmer unterschätzen die Geschwindigkeit des Busses auch, sie ziehen noch knapp vor einem links auf die Überholspur. Sie ahnen nicht, dass man drinnen fast ohne störende Windgeräusche dahinzieht und noch im sechsten Gang beschleunigt. Allerdings schwankt das Fahrzeug dann manchmal, da fühlt man sich wie an Bord eines Segelschiffes auf hoher See. Der Außenspiegel fängt kurz unter Höchstgeschwindigkeit leicht an zu flattern. Und mit dem kurzen Joystick-Hebel kann man sich anfangs schon verschalten. Aber: Der Bus mag im Rückspiegel von Ferne aussehen wie ein Möbeltransporter. Ist er aber nicht.

Trotzdem hat die Windsurferin einiges an Sportgerät aus dem Keller gehievt: Masten, Gabelbäume, Segel, Bretter, Zubehör und sonstiges Gepäck. Normalerweise muss sie das auf dem Dach stapeln und zentimetergenau auf dem nach hinten geklappten Beifahrersitz – da leidet schon mal die Sicht. Anders im California. Ladeklappe hoch, Sitze zur Not ausgebaut, und alles lässt sich prima reinschieben. Rieselnder Sand, Salzwassertropfen, auch das macht dem Bus nichts aus, zumindest dann nicht, wenn man auf Teppichboden verzichtet hat. Und nach dem Surfen: einfach Tisch und Stühle aus dem Auto und hinsetzen – die sind in der Heckklappe versteckt und gehören serienmäßig dazu. Weil unsereins prinzipiell schnell friert, erwärmt die Sitzheizung bei jeder Fahrt Körper und Seele.

Viele Windsurfer sind Meister im Posen und viele können prima erzählen, was sie so alles an Boards, Segeln und sonstiger Ausrüstung dabei haben. Also: Den Bus gibt es mit „4Motion“-Allradantrieb, mit ihm packt der California Steigungen bis 36 Grad und 30 Zentimeter tiefe Seen. Wenns warm wird, hilft das kühlbare Handschuhfach. Dazu Kleiderschrank, Safe, Markise, 30-Liter-Frischwassertank, Schlafsitzbank für Gäste oder Familienmitglieder an Bord, Gasherd und Abwaschbecken, Wärmeschutzverglasung, Standheizung, Motorunterfahrschutz, DVB-T-Tuner, ipod-Schnittstelle, Rückfahrkamera, schwenkbare Sitze – kann der California alles haben, kann man alles bestellen. Radio und Navi laufen aber recht heiß, und leider lassen sich für den Durst nach dem Surferausflug die Flaschen nicht kippsicher in den Seitenfächern verstauen. Dafür gibt es den Luxusbulli auch als Bike-Version mit Fahrradaufhängung. Nur Surfen ist umweltfreundlicher.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


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