VW Passat : Passabler Ervolkswagen

Heute bringt VW einen glänzenden Widerspruch zu den Händlern: Einen Passat, der sich aufpoliert neuer anfühlt, als er in Wirklichkeit ist.

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Foto: Abdruck fuer Pressezwecke honora

Zählen Sie bitte bis 78. Fertig? In diesen 1,3 Minuten ist weltweit ein VW Passat verkauft worden. 33 632 Mal im Monat, mehr als 400 000 Stück pro Jahr. Und das schon seit 37 Jahren (siehe Kasten)! Macht insgesamt über 15 Millionen Passat. Eine Riesenbürde für VW. Ja, denn auch die nunmehr siebte Generation muss den schwierigen Spagat schaffen – ein neues Auto zu sein, das zugleich als der gute alte Bekannte erscheint.

Halt. Neues Auto? Plattform und Motoren sind die alten, wenn auch stark überarbeitet. Neu sind nur die vielen Blechfalze und die Chromapplikationen. VW spielt hier das gleiche clevere Spiel wie schon vor zwei Jahren beim Golf VI. Das ist auch nicht die sechste Generation, sondern ein Golf 5,5, ein großes Facelift.

Nun also auch beim Passat. Dem Interessenten werden solche akademischen Haarspaltereien wahrscheinlich schnurz sein. Er will hautnah fühlen, greifen und er-fahren, wo der Fortschritt wirklich zu finden ist. Und er wird nach einer ausgedehnten Testfahrt – wie der Autor – feststellen: 6,5 oder sieben? Egal. Dieser Passat ist sein Geld wert. Der Neue lässt den Alten nicht alt aussehen und wirkt dennoch wie ein kleiner Phaeton. Und genau das ist gewollt, wie uns Designer Klaus Bischoff erklärt. Denn die Oberklasse soll nach unten abstrahlen. Deshalb der radikale Feinschliff überall dort, wo es (vor allem finanziell) machbar ist. So kann VW – heutzutage ist das ein Verkaufsargument – diesen Passat, der nicht mehr bei 102, sondern bei 122 PS startet, 675 Euro günstiger verkaufen als das Vorgängermodell.

Dabei bietet das 2010er-Modell, das ab diesem Sonnabend beim Händler steht, viel mehr Technik als das alte. Und sogar Witziges, mit dem man beim Nachbarn Eindruck schinden kann. Easy Open (warum geht es nicht auf Deutsch?!) zum Beispiel. Gemeint ist der Bierkasten-Trick. Haben Sie wegen einer Getränkekiste keine Hand frei, treten Sie einfach von unten gegen ihren Passat ... und wie von Geisterhand öffnet sich die Klappe – jedenfalls wenn Sie den Keyless-Access-Schlüssel in der Tasche haben. Nun wird keiner ernsthaft gegen sein teures Auto Gewalt anwenden: Unterm Auto steckt ein Sensor, der schon einen angedeuteten Tritt registriert. Und der ist so schlau, dass er einen „Fußtritt“ von einem vorbeihuschenden Hund oder Hasen unterscheiden kann. Leider ist dieser Showeffekt zunächst der Limousine vorbehalten; lieferbar ist das Feature erst ab 2011. Im wichtigeren Kombi soll dieser Trick wegen des größeren technischen Aufwandes erst später funktionieren. Immerhin ordern neun von zehn Passat-Kunden den Variant. Er ist Deutschlands Topmodell unter den Kombis – deshalb haben wir ihn gefahren.

VW bietet für den Variant etwas an, das es bei japanischen Herstellern schon länger gibt: Über bequem vom Heck aus zu erreichende Zuggriffe lässt sich die linke oder rechte Rücksitzlehne entriegeln und umklappen. Um jedoch eine ebene Fläche zu erhalten, muss umständlich das Sitzkissen nach vorn gelegt und die Kopfstütze entfernt werden. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Da sind der verschiebbare Ladeboden (355 Euro) sowie die 1,96 Meter lange Ladefläche ein schwacher Trost.

Besser bestellt ist es um den Innenraum, auch wenn eigentlich nur Lenkrad, Sitze und Mittelkonsole völlig neu sind. Dennoch besticht das Auto mit einer nochmals verbesserten Material- und Verarbeitungsqualität, die der von Audi ebenbürtig ist. Die Sitze, bisher schon gut, gehören nun zum Besten in dieser Klasse. Die versprochene Massagefunktion folgt allerdings erst 2011. Und bei der neu gestalteten Mittelkonsole sieht der Fachmann, dass es sich nur um ein Facelift handelt: Das Navi (ab 660 Euro) sitzt nach wie vor zu tief.

Dafür zieht VW beim Geräuschkomfort das Trumpf-Ass aus dem Blech: mehr Dämmstoffe an den richtigen Stellen, neue Gummilager an den Radaufhängungen, eine serienmäßige (und in dieser Klasse sehr seltene) Akustikfrontscheibe sowie geräuschdämmende vordere Seitenscheiben (285 Euro Aufpreis) machen diesen Passat um eine ganze Klasse besser als den Vorgänger und jetzt zu einem der leisesten Autos der Mittelklasse. Ein idealer Langstreckenwagen. Zumal die Entwickler auch aus dem (im Prinzip unveränderten) Fahrwerk viel herausgekitzelt haben. Es würde zu weit führen, alle Modifikationen im Detail zu erläutern. Nur so viel: Das Ganze harmoniert bestens. Der Passat ist kein Kurvenwetzer wie der Ford Mondeo, aber dafür der Gleiter vor dem Herrn.

Dazu passen die „alten“ Triebwerke, die jedoch durch einen Jungbrunnen gegangen sein müssen: Sie sind um bis zu 18 Prozent sparsamer geworden (Diesel-Verbrauch laut Liste ab 4,2 Liter, Benziner ab 5,9 Liter/100 km). Leider haben nur die Selbstzünder eine Start-Stopp-Automatik. Wir sind bewusst die schwächste Motorisierung gefahren: den 105-PS-TDI. Fazit? Na ja. In der Ebene, wenn die Fuhre erst einmal in Bewegung ist, klappt es gut. Für Leute hingegen, die in bergigen Gegenden leben, ist dieser Motor nicht die beste Wahl. Bei ihm muss man den Drehzahlmesser stets im Auge behalten. Fällt die Drehzahl in den Keller, kommt der Vierzylinder nur schwer wieder heraus. Da hilft nur rechtzeitiges Schalten. Oder die Wahl des 35 PS stärkeren und 1800 Euro teureren TDI (siehe Kasten). Die richtige Entscheidung will also im Familienrat gut überlegt sein.

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