VW Tiguan : Der könnte auch ganz anders

Breiter, länger, geräumiger und wuchtiger: Der neue Tiguan protzt mit Geländegängigkeit, für die meisten Käufer aber entscheiden andere Qualitäten.

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Im Dschungel der Großstadt. Der neue Tiguan hat zwar beeindruckende Offroad-Qualitäten, bewähren aber muss er sich vornehmlich im städtischen Alltagsverkehr.
Im Dschungel der Großstadt. Der neue Tiguan hat zwar beeindruckende Offroad-Qualitäten, bewähren aber muss er sich vornehmlich im...Foto: Promo

Himmel, nichts als blauer Himmel vor der Frontscheibe, so steil geht es hinauf. Schotterpiste mit vierzigprozentiger Steigung. Bloß nicht stehen bleiben, weil sich sonst die Räder in den Untergrund fressen, hatte es vor der Fahrt warnend geheißen. Volkswagen kennt sich derzeit ja aus mit schwerem Gelände, wenn auch juristischer Natur. Doch während der Fahrer schwitzende Hände hat, jagen die Mitglieder der BMX-Jugendnationalmannschaft im Mellowpark, diesem Street-Art- und Halfpipe-Paradies in Berlin-Köpenick, mit halsbrecherischem Tempo und Kurvenlage vorbei. Der biedere Autofahrer ahnt da noch nicht einmal, dass ihm noch einige Herzklopfen-fördernde Steilkurven mit starker Schräglage bevorstehen. Dies mulmige Gefühl müssen Rennfahrer früher wohl auf der legendären AvusNordkurve gehabt haben. Auch die Diagonalwellen, die nacheinander erst den Fahrer etwas anlupfen und dann das rechte Hinterrad frei schweben lassen, meistert der Tiguan perfekt. Gut auch, dass mithilfe der vier Kameras des Area-View-System die Kanten der furchterregend schmalen Plankenbrücke voll im Blick bleiben.

Okay, okay. Es reicht. Schließlich sind wir nicht im Dschungel, sondern in einer biederen Familienkiste. Die Tour durchs wilde Abenteuerland mit den beiden Kids auf der Rückbank? Können Sie vergessen, da gibt es garantiert Einspruch von der anderen Erziehungsberechtigten. Aber daran zu denken, was der neue Tiguan kann, wenn man ihn mal richtig durchs Gelände bolzen möchte, ist ja auch nicht schlecht. Doch die wenigsten Käufer sind eben Förster, die sich durch den tiefen Wald quälen, oder Einödbauern, die zu den Ziegen hochmüssen. Der Tiguan, seit Markteinführung 2007 der meistverkaufte SUV in Deutschland, wird ja auch nicht deswegen gekauft, sondern weil er ein grundsolider Familienwagen ist: kompakt, mit erhöhter Sitzposition und guter Rundumsicht, der sich gut im Stadtverkehr bewegen lässt. So richtig praktisch also für das normale Leben zwischen Supermarkt und Kindergeburtstag. Fast jeder zweite Käufer in Deutschland verzichtet sogar auf Allrad-Antrieb. Aber es geht eben nichts über das Ich-könnte-auch-anders-Gefühl.

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Die zweite Generation des Tiguan präsentiert sich deutlich erwachsener als das seit 2007 gebaute Modell. Dem Ur-Tiguan merkte man noch sehr die Abstammung von der Golf-Plattform an. Ein echter SUV war das nur bedingt, sondern eher eine Notlösung, um den SUV-Trend nicht zu verpassen; dennoch fuhr der Tiguan aus der Nische zum Bestseller mit 2,8 Millionen verkauften Exemplaren.

Volkswagen hat vieles richtig gemacht

Nun wurde am Konzept noch mal richtig gefeilt und einiges verbessert oder praxistauglicher gemacht. Das Auto wird seine Käufer finden und die Erfolgsgeschichte fortsetzen. Ein Muskelprotz-SUV ist der neue Tiguan immer noch nicht – den braucht ja auch keiner. Er ist aber nun drei Zentimeter breiter und hat acht Zentimeter mehr Radstand. Letzteres lässt den Wagen – auch durch die waagerecht bis nach hinten zum Rücklicht geführte Falz in Türgriffhöhe – deutlich schlanker erscheinen. Insgesamt machen die Änderungen den Innenraum spürbar geräumiger. Der größere Radstand kommt auch den Fahrgästen im Fonds bei der Beinfreiheit zugute. Von vorne wirkt der 4,49 Meter lange Wagen, dessen horizontaler Frontgrill mit den flachen LED-Scheinwerfern deutliche Nähe zum Passat-Design verrät, allerdings ziemlich wuchtig. Zum robusten Eindruck trägt auch bei, dass der Tiguan drei Zentimeter niedriger geworden ist. Gefälliger erscheint dagegen die Heckpartie mit den markant-scharfkantigen Rückleuchten.

Volkswagen hat vieles richtig gemacht, und so gut, wie man es von den Wolfsburgern erwarten kann. Der Innenraum etwa: reinsetzen und sich zurechtfinden. Da erschließen sich viele Dinge sofort. Das ist durchaus wohltuend angesichts des Display-Gewitters, mit dem andere Marken teilweise peinigen. Ansprechend ist das große elektronische Anzeigeninstrument hinter dem ziemlich kleinen, aber knuffigen Leder-Lenkrad, das gut in der Hand liegt. Ganz hübsch, wenn die beiden Zeigerinstrumente, die analoge Vorgänger simulieren, sich kleiner machen und an den Rand rücken, wenn man sich die Navigationskarte auf das Tacho-Display holt. Die Navi-Infos gibt es freilich auch noch größer auf dem Display über der Mittelkonsole. Das optionale Head-up-Display, das die Geschwindigkeit und andere Infos ins Sichtfeld des Fahrers spiegelt, ist insbesondere in der Stadt durchaus hilfreich. Ob man dafür zusätzlich 565 Euro ausgeben möchte, muss aber jeder selbst entscheiden.

Die neu konstruierten Sitze bieten straffen Komfort selbst auf der Holperstrecke. Auch auf der hinteren Bank sitzt es sich gut und mit ausreichend Kopffreiheit. Angenehm für Familien und andere Nutzer, die schnell mal einen größeren Stauraum benötigen, dass die Rücklehne mit einem Zug oder sogar per Fernbedienung umzulegen ist. Dann bietet der Kofferraum – zudem mit niedrigerer Ladekante als bisher – bis zu 1655 Liter Stauraum. Insgesamt gibt es vieles, was den Tiguan wie einen preiswerteren Passat mit Kombi-Qualitäten wirken lässt.

Der Tiguan von innen.
Der Tiguan von innen.Foto: Promo

Bei der Motorisierung – alles Turbo-Aggregate aus der aktuellen Passat-Generation – lohnen sich durchaus ein paar Kilowatt mehr. Die Maschine mit 110 kW wirkt gerade im Stadtverkehr etwas träge bei der Beschleunigung; wobei allerdings auch die sehr frühen Schaltpunkte der Automatik beitragen – offenbar will man dadurch den Verbrauch reduzieren. Am Gewicht liegt die Trägheit jedenfalls nicht: Der neue Tiguan ist sogar 50 Kilogramm leichter als sein Vorgänger. Der stärkere Benziner mit 132 kW macht sich dagegen selbst für einen Nicht-Bleifuß-Fahrer sehr positiv bemerkbar. Alle Aggregate entsprechen übrigens der EU6-Abgasnorm mit Abgasreinigung durch Harnstoffeinspritzung – die sind bislang frei von jedem Manipulationsverdacht.

Licht und Schatten liegen nah beieinander

Der Drehknopf auf der Mittelkonsole steuert die sogenannte „4 Motion active control“ – mit der die Kennlinien und Fahrmodi von der normalen Straße zu Offroad oder Schnee gesteuert werden. Je nach Modus verändern sich eine Vielzahl von Kennlinien und die Traktion auf die Räder, um optimale Spurkontrolle zu erzielen. Auf Schnee und eisglatten Straßen, so wird berichtet, bekommt der Wagen deutlich mehr Griffigkeit. Im Stadtverkehr und auf der Landstraße ist der normale Fahrer freilich mit dem Straßen-Modus in der Comfort-Stufe gut bedient; in Berlin werden die vielen Schlaglöcher jedenfalls klaglos weggeschluckt. Wer es härter will und auch eine straffere Lenkung bevorzugt, wird sich im Sport-Modus besser aufgehoben fühlen.

Bei den Ausstattung liegen Licht und Schatten nah beieinander. Der Tiguan glänzt serienmäßig mit der innovativen City-Notbremsfunktion, die mittels Radarsensor Fußgänger erkennt und automatisch bremst, sowie dem serienmäßigen Spurhalteassistenten. Weitere nützliche Assistenzsysteme wie die automatische Distanzregelung, um Auffahrunfälle zu vermeiden, muss man aber teuer bezahlen. Optional ist auch der emergency assist, der eine Fahruntüchtigkeit des Fahrers erkennt und den Wagen bis zum Stillstand abbremst.

Bei den Modellen muss man für die günstigste Version mit 110-kW-Dieselmotor und Schaltgetriebe mindestens 30 025 Euro hinlegen. Dann hat man aber nur Frontantrieb. Will man Allradantrieb, LED-Scheinwerfer und Automatikgetriebe, ist man mit 35 000 Euro dabei. Wählt man dazu eines der nützlichen Fahrerassistenz-Pakete, kommen mindestens 1495 Euro dazu. Mittelfristig will VW noch kleinere Benzin- und Dieselaggregate mit 85 kW Leistung anbieten; diese Preise stehen aber noch nicht fest.

Wen es mal wieder von der großen Freiheit träumend ins Gelände treibt, der kann sich über die größere Bodenfreiheit freuen. Selbst bei kurzen steilen Bodenwellen setzt der Tiguan durch den vergrößerten Böschungswinkel am Front- und Heckbereich nicht auf. Und wenn man dann nach Hause kommt, schimpft niemand über den verschmutzten Einstiegsschweller: Dank innovativer Dichtung wird Matsch und Dreck bei der Türöffnung sauber weggewischt.

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