Walter Müller im Interview : „Wir lassen uns nicht entmutigen“

Mercedes ist schon da, der Flughafen aber noch nicht. Trotz der anhaltenden Verzögerungen beim BER eröffnet Daimler eine neue Niederlassung. Im Interview erklärt Niederlassungsleiter Walter Müller, warum er an den Flughafen glaubt und wie sich Mercedes im Berliner Pkw-Markt schlägt.

Das neue Airport-Center steht in unmittelbarer Nähe zum Flughafen BER. Foto: promo
Das neue Airport-Center steht in unmittelbarer Nähe zum Flughafen BER. Foto: promo

Sind Sie auf Ihre späten Berufsjahre leichtsinnig geworden? Sie eröffnen an einem nicht eröffneten Flughafen ein riesiges Servicecenter und wissen genau, dass vermutlich in den nächsten zwei Jahren dort keine Maschinen ankommen und starten werden. Fordern Sie das Schicksal heraus?

Das ist nicht ganz richtig. Schon heute starten und landen in Berlin-Schönefeld Flugzeuge. Meines Wissen sind das mehr als sieben Millionen Passagiere jährlich. Aber sie haben schon recht, es ist ein mutiger Schritt zu einem Zeitpunkt, zu dem der Flughafen BER noch nicht eröffnet wurde, den Startschuss für ein Airport-Center zu geben. Und ich füge auch hinzu: Das war so nicht geplant. Das konnten wir damals nicht ahnen, dass der Flughafen 2012 nicht eröffnen würde. Aber nun ist es so, und wir lassen uns nicht entmutigen. So wie wir haben auch andere Geschäftsleute, die an den Flughafen Berlin-Brandenburg und die Zukunft der Region glauben, ihr Herz in die Hand genommen und in dieser Region investiert.

Kommen Sie als der Mutmacher nach Schönefeld?

Wenn unser Engagement Mut macht, dann freut uns das natürlich. Das ändert nichts daran, dass die Situation auch für uns keine ganz einfache ist. Das bekenne ich ausdrücklich. Aber unser Team im Airport-Center lässt mit seiner Zuversicht und seinem Engagement bereits erkennen, dass es die richtige Grundeinstellung hat. Diese wünschen wir uns natürlich auch von dem Team um den Vorsitzenden der Geschäftsführung der Flughafen Berlin-Brandenburg GmbH, Herrn Mehdorn, damit dieses Projekt ohne weitere Verzögerungen zu einem guten Ende gebracht wird.

Was soll das neue Center leisten?

Die oberste Aufgabe ist es, der dort ansässigen Wirtschaft und unseren treuen Privatkunden ein guter Partner zu sein. Im Umkreis von zehn Kilometern um diesen Standort sind heute schon etwa 6500 unserer Kunden ansässig. Hinzu kommt noch eine weitaus größere Zahl an potenziellen Kunden, die ein, für uns sehr attraktives, wirtschaftliches Umfeld bieten.

Inwiefern unterscheiden sich die Dienstleistungen am neuen Airport-Center von denen an anderen Standorten?

Vor allem Dienstleistungen rund um den Flughafen bieten wir dort zusätzlich an. Das ist natürlich noch nicht vergleichbar mit dem, was wir am künftigen Flughafen realisieren werden. Dort wird es für unsere Kunden möglich sein, direkt am Gate das Fahrzeug in unsere Obhut zu übergeben. Von dort sind es nur noch wenige Schritte zum Check-in und wir kümmern uns um das Fahrzeug des Kunden und alle Aspekte, die das Thema Mobilität betreffen. Wenn der Kunde zurückkommt, kann er an genau dieser Stelle sein Fahrzeug wieder entgegennehmen.

Eine faszinierende Idee, dieser Service rund um das Auto während der Dienstreise.

Vor allem, weil wir es ermöglichen werden, das Fahrzeug direkt vor dem Abfluggebäude abzugeben. Damit entsteht den Kunden so gut wie kein Zeitverlust, und es gibt keine langen Wege in anonymen Parkhäusern. Wir werden das Fahrzeug exakt zum Zeitpunkt der Ankunft des Kunden auch dort wieder just-in-time bereithalten, auch bei Verspätungen und Flugausfällen. Solche zukunftsorientierten Dienstleistungen werden im Wettbewerb künftig entscheidend sein.

Wie können Sie diesen Service gewährleisten?

Wir werden einen Rund-um-die-Uhr-Service anbieten, unser Center wird 24 Stunden am Tag geöffnet sein. Das ist auch für unsere gewerblichen Kunden aus der Taxibranche ein wichtiges Argument.

Also ähnlich wie der 24-Stunden-Service in ihrem Nutzfahrzeugzentrum?

Ja, das ist vergleichbar. Wobei wir im Airportcenter unseren 24-Stunden-Service mit der Eröffnung des neuen Flughafengebäudes verknüpfen. Das ist aber ein schöner Vergleich. Wir haben die Investition am Neudecker Weg auf dem Höhepunkt der Finanzkrise getätigt. Damals gab es dort nur eine große Industriebrache. Heute sind die Ruinen verschwunden, und wir sind einer von vielen Betrieben, die sich dort angesiedelt und dieses Gewerbegebiet wieder zum Leben erweckt haben.

Könnte sich eine solche Erfolgsgeschichte auch in Schönefeld wiederholen?

Wir sind zuversichtlich, und es gibt Anzeichen dafür. Wir sind ja seit Ende August mit dem Betrieb ans Netz gegangen. Wir haben dort langsam das Stamm-Personal integriert, mittlerweile arbeiten dort bereits 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und der Erfolg gibt uns recht, wir haben in dem neuen Airport-Center bereits 250 Fahrzeuge mit dem Stern verkauft.

Das Nutzfahrzeugzentrum sollte erste Anlaufstation für den Lkw-Verkehr auf der europäischen Ost-West-Achse werden. Ist es das?

Unser 24-Stunden-Service wird stark genutzt, das Zentrum ist tatsächlich erster Anlaufpunkt für Lkw-Kunden aus Osteuropa ebenso wie aus dem Westen Europas. Im Pkw-Geschäft sind die Anforderungen natürlich andere. Aber auch hier wird das Center allein aufgrund der Lage eine wichtige Anlaufstation auch für den Durchgangsverkehr sein.

Engagieren Sie sich dann auch im Mietwagengeschäft?

Wir sind mit MB Rent bereits bundesweit im Mietwagengeschäft aktiv. In diesem Jahr haben wir diesen Service in Berlin begründet. In unserer Stadt halten wir eine Flotte von 800 Fahrzeugen bereit. Dieses Thema wird mit dem neuen Airport-Center an Bedeutung gewinnen.

Setzen Sie mit dem neuen Center auf den kommenden internationalen Flugverkehr?

Das auch. Aber es ist vor allem ein deutliches Bekenntnis der Daimler AG zum Standort Berlin-Brandenburg und zur Hauptstadtregion. Das ist uns sehr wichtig, wie die Geschichte des Konzerns und die Verbundenheit unseres Unternehmens mit der Region zeigen. Kein anderer Hersteller zeigt dieses Engagement, wie wir es mit zwei Werken, in der Niederlassung Berlin, im Service-Center der Mercedes-Benz-Bank und in der Zentrale der Vertriebsorganisation Deutschland unter Beweis stellen. Wir gehören damit zu den bedeutendsten Arbeitgebern der Region.

Wie schätzen Sie die Entwicklung des Pkw-Marktes in Berlin und Brandenburg ein?

Der Automobilmarkt in der Hauptstadtregion ist schwierig, aber wir wachsen gegen den Trend. Erneut schrumpft der Markt in diesem Jahr um zehn Prozent. Das ist alarmierend. Zwar trifft dieser Rückgang zunächst vornehmlich die Massenhersteller, aber auch im Premiumsegment ist das zu spüren. Für diese Situation gibt es mehrere Gründe. Wir haben hier ein deutlich niedrigeres Einkommen als in anderen Metropolen Deutschlands, das öffentliche Verkehrssystem funktioniert sehr gut, und wir selbst bieten, unter anderem mit Car2Go, neue Mobilitätsangebote an. Dennoch wird unsere Niederlassungsorganisation auch im Jahr 2013 wachsen. Derzeit beträgt unser Plus gegenüber dem Vorjahr vier Prozent. Damit können wir den Abstand zur Konkurrenz sogar ausbauen. Damit sind wir Benchmark der Branche. Dies verdanken wir attraktiven Produkten, einer äußerst mutigen Investitionspolitik, wie das Airportcenter beweist, und einer gut ausgebildeten und motivierten Belegschaft. Darauf bin ich mächtig stolz.

Sollte der Flughafen Tegel einst geschlossen werden, dann entsteht dort ja ein ähnlicher Raum für neue Projekte. Können Sie sich ein Engagement in Tegel vorstellen?

Ich kann mir umgekehrt nicht vorstellen, dass ein neuer Stadtteil mit einer neuen Definition urbaner Mobilität, wie es in Tegel der Fall sein könnte, oder besser sein muss, entsteht, ohne dass die Daimler AG und unsere Niederlassung Berlin dort Akzente setzen wird. Zugegeben, das Thema ist faszinierend. Ich bin mir ganz sicher, dass wir uns in dieses Projekt „Stadt der Zukunft“ aktiv einbringen.

Das Interview führten

Gerd Appenzeller und Markus Mechnich

WALTER MÜLLER

(65) stammt aus der Ortschaft Lützelsachsen nahe Weinheim an der Bergstraße und ist seit 1996 Direktor der Mercedes-Benz Niederlassung Berlin.

In dieser Zeit wurden die Center Spandau, Marienfelde, Reinickendorf und Kreuzberg modernisiert, das Center Rhinstraße neu eröffnet und die Mercedes-Welt am Salzufer sowie Europas größtes Nutzfahrzeugzentrum und das neue AirportCenter gebaut. Von 1998 - 2000 bekleidete er das Ehrenamt des Präsidenten von Hertha BSC Berlin. In diese Zeit fiel die Entscheidung zur Modernisierung des Olympiastadions und die Umwandlung von Hertha BSC in eine Kapitalgesellschaft. Von Frühjahr 2008 an war er zwei Jahr lang Vorstandsvorsitzender des ADAC Berlin/Brandenburg.

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