Auto : Was so ein kleiner Buchstabe doch ausmacht

Lancia hat den Ypsilon erneuert: Herausgekommen ist ein Stadtwägelchen, das mit viel Platz und mit einigem Luxus glänzt

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Suchfrage: Finden sie die zwei zusätzlichen Türen. Gar nicht so einfach. Das haben die Ingenieure von Lancia fein hinbekommen. Die Griffe für die hinteren Türen sind ganz hoch oben, knapp unterm Dach versteckt, perfekt platziert im Winkel der nach hinten abfallenden Dachlinie und der schwungvoll nach oben geführten Taille des neuen Lancia Ypsilon. Ein serienmäßiger Fünftürer, der wie ein Dreitürer wirkt – mit überraschend viel Platz. Bei der erstaunlichen Beinfreiheit hinten ist kaum zu glauben, dass die vierte Generation des Ypsilon lediglich 3,84 Meter lang ist. Um das kleine Raumwunder zu bewerkstelligen, haben die Konstrukteure die Frontpartie nach vorne verschoben und hinten sechs Zentimeter draufgeschlagen. Selbst der Kofferraum ist auf immerhin 245 Liter gewachsen.

Ja, es sind ganz klar die inneren Werte, auf die es bei der Neuauflage des seit 2003 unveränderten Ypsilon ankommt. Die Marketingexperten von Lancia drehen ziemlich viele Locken auf der Glatze, um dem Ypsilon einen Hauch von Luxus zu verleihen. Das sollte man schnell vergessen, weil es bloß falsche Erwartungen weckt. Und die hat der Ypsilon nicht nötig. Wer gefällige Linien, eigenwilligen Charakter, in seiner Klasse ziemlich viel Raumangebot und einen erschwinglichen Preis wünscht, ist hier nicht falsch. Lancia zielt mit dem Fünftürer erkennbar auf eine neue Kundschaft: sich angesprochen fühlen sollen nicht wie bisher mehrheitlich Frauen, sondern auch junge und designbewusste Familien, deren Kinder hinten gut untergebracht werden können, ohne dass der Buggy zu Hause bleiben muss.

Außen gibt es viel italienische Eleganz fürs Auge, vor allem in der Bicolor-Optik. Vorne schmale Leuchten, ein ziemlich groß ausgefallener Kühlergrill mit quergelegten Chromstreben und eine tief (Achtung, Bordsteinkante) heruntergezogene Schürze, die Motorhaube markant geteilt durch die waagerechte Kante, hinten die optisch betonten Kotflügel mit den Lancia-typischen vertikalen Heckleuchten. Dafür geht’s unter der Motorhaube hausbackener zu. Einen Geschwindigkeitspreis bekommt man mit dem Ypsilon jedenfalls nicht; vor allem nicht mit der schwächsten Motorvariante mit 1,2 Liter Hubraum und 69 PS. Aber erwartet das jemand von diesem Wagen? Der soll sich in der Stadt flott fahren, keine Mühe machen beim Parkplatzsuchen und einiges wegstecken können an Gepäck. Und das tut dieser Kompaktwagen der etwas anderen Art auf eine entschlossene Weise, als ob er jahrelang auf das Straßengewimmel des Turiner Alltags zugeschnitten wurde.

Das fängt mit der Sitzposition an, die überraschend hoch ist und viel Übersicht gibt. Wer den höhenverstellbaren Sitz freilich ganz nach oben pumpt, darf höchstens 1,75 Meter sein, damit noch eine Handbreit Kopffreiheit übrig bleibt. Und den groß gewachsenen Schwiegerpapa sollte man nicht auf die Rückbank setzen, weil er sich sonst an dem stark abfallenden Dach des insgesamt 1,52 Meter hohen Wagens eine Beule holt. Dafür hinterlässt das Fahrwerk einen flotten Eindruck und steckt jedes Schlagloch straff weg.

Wie beim Vorgängermodell sind die Instrumente mittig angeordnet, was den eigenwilligen Charakter des Ypsilon unterstreicht. Der Wagen kommt ohne lästigen Mitteltunnel zwischen den Vordersitzen aus, weil der Schaltknüppel bedienungsfreundlich und lenkradnah in die hochglänzend schwarze Instrumententafel integriert ist. Neben dem BasisVierzylinder mit 69 PS werden der auch im Fiat 500 eingebaute Twinair Zweizylinder mit 85 PS und ein Diesel mit 95 PS angeboten. Serienmäßig gibt es eine Start-Stopp-Automatik, die an jeder Ampel den Motor ausschaltet – und beim Tritt aufs Gaspedal auch wieder zuverlässig anspringt. So soll ein geringer Verbrauch zwischen 3,8 und 4,9 Liter auf 100 Kilometer erreicht werden, unterstützt auch durch die optische Schaltpunktanzeige. Wer sich danach richtet, erlebt in den unteren Drehzahlbereichen aber eine kraftlos-schlappe Performance.

Vor allem bei der interessantesten Motorvariante, dem mit Innovationspreisen ausgezeichneten Zweizylinder-Turbo mit 85 PS, fängt die Fahrfreude erst im höheren Drehzahlbereich an. Dann wird der Sound zwar deutlich kräftiger, bleibt aber dank verbesserter Schalldämmung im Innenraum gut verträglich. Der Kohlendioxidausstoß von 99 Gramm pro Kilometer des Twinair setzt Maßstäbe in seiner Klasse und ist 30 Prozent geringer als gleich große Vierzylinder. Ein automatischer Tankverschluss ohne Deckel verhindert zudem die Freisetzung von Kraftstoffdämpfen.

Ein echter Italiener ist der Ypsilon nur im Design. Gebaut wird er vollständig im polnischen Tichy, wo auch der Fiat 500 vom Band läuft, und in England wird er nicht als Lancia, sondern als Chrysler verkauft – so viel zum Thema Globalisierung bei Fiat. Der Einstiegspreis ist mit 12 500 Euro angesetzt – dafür bekommt man in der Basisversion zwar ABS, ESP, Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung und elektrische Fensterheber. Klimaanlage oder ein Audiosystem mit CD-Player gibt es aber nur gegen Aufpreis im Gold-Paket. Noch mal draufzahlen darf man für die schönen Glasdächer für vorne und hinten, die Zweifarbenlackierung oder die hilfreiche Einparkautomatik, die den Wagen selbstständig auch in Lücken bringt, die nur 80 Zentimeter länger sind wie der Ypsilon. Ob der kleine Lancia dann preislich aber noch der Wagen der Wahl für jüngere Menschen ist? Lancia freilich ist optimistisch und will im ersten Jahr von seinem getarnten Fünftürer mehr als 120 000 Exemplare verkaufen – was selbst angesichts von bisher mehr als einer Million verkaufter Ypsilon verwegen klingt.

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