Auto : Weiter, sagte der E-Motor und übergab an den Benziner

Die Reichweite war bislang das größte Manko der Elektroautos. Der Ampera greift nach 66 Kilometern auf einen Benziner zurück – den Opel gibt’s ab 2012

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Eines gleich vorweg: Dies wird kein Fahrbericht wie jeder andere, denn dies ist schließlich kein Auto wie jedes andere. Erstens handelt es sich hier um einen millionenteuren Prototypen, der wie ein rohes Ei behandelt werden muss. Zweitens erlaubt selbst die kurze Testfahrt rund um das Opel-Prüffeld in Dudenhofen einen aufschlussreichen Ausblick in das Autofahren von morgen.

Und das hat viel mit Psychologie zu tun. Laut einer 2008 vom Verkehrsministerium in Auftrag gegebenen Studie Mobilität erledigt jeder deutsche Autofahrer täglich drei bis vier Wege; fährt so insgesamt 44 Kilometer. Der Ampera kommt mit einer Batteriefüllung 60 Kilometer weit, und in maximal drei Stunden ist diese wieder voll geladen. Wo also liegt das Problem? In der Psyche des Menschen. Projektleiter Christian Kunstmann nennt die beiden Vorbehalte gegen das E-Auto: Es sind die „Reichweitenangst“ und der „Mobilitätsverlust“. Dieses unbestimmte Gefühl, ständig in Sorge zu sein, mit leerer Batterie irgendwo liegen zu bleiben oder auf dem Weg zu einem entfernt liegenden Ziel keine Ladestation zu finden. Deshalb wurde der Ampera von vornherein als Elektroauto mit einem Reichweitenverlängerer ausgelegt. Und deshalb beginnt unsere exklusive Testfahrt in Dudenhofen eigentlich mit dem drohenden Ende. Der Bordcomputer zeigt eine Batteriereichweite von nur noch drei Kilometern an. Oje! „Keine Bange, fahren Sie einfach weiter!“, ermutigt mich Kunstmann und lächelt hintersinnig. Jetzt, null Kilometer Reichweite. Und nun? Kein Ruckeln, kein Schütteln kein Ausrollen. Nichts. Der Opel fährt einfach weiter. Nur wenn wir die Ohren spitzen, hören wir vorn das leise Brummen des Benziners, der nun per Generator Strom für den E-Motor liefert. Ich beschleunige. Verwundert registrieren wir, wie ansatzlos der Tritt aufs Gaspedal umgesetzt wird. Und merke, wie angenehm das Fahren ohne Getriebe ist. Klar, die Physik. Ein Verbrennungsmotor arbeitet ja nur in einem bestimmten Drehzahlbereich effizient, also muss geschaltet werden. Per Hand oder automatisch. Ein E-Motor hat immer Kraft, kann also in nur einem Gang bewegt werden – von null bis 160 km/h.

„Genau genommen hat der Ampera kein Gaspedal mehr“, sagt Christian Kunstmann und nennt einen Fachbegriff, der in seiner Sperrigkeit schon wieder genial ist, „er hat einen Soll-Moment-Geber.“ Wow! Also treten wir einen Geber. Nein, wir streicheln ihn. Denn es genügt schon ein winziger Druck, und der Ampera wird ansatzlos schneller. Nach kurzer Zeit genieße ich dieses befreiende Gefühl, Kraft zu haben, ohne Muskeln zeigen zu müssen. Dieses wechselweise Spiel zwischen elegantem Gleiten und sanftem Zwischenbeschleunigen ohne jede Schalterei ergibt ein völlig neues Fahrerlebnis: In der Ruhe liegt die Kraft.

Ampera-Fahren entspannt einen, macht gelassen. Elektroautos wie dieses scheinen geheime erzieherische Kräfte zu besitzen, ohne einen zu bevormunden. Zumal alles andere nicht viel anders als bei einem normalen Auto ist: lenken, federn, bremsen, sitzen. Schade, Kunstmann mahnt zur Rücktour. Sichtlich erleichtert wirkt er, als das teure Stück wieder auf das schützende Werksgelände rollt. Ganz leise, vorbei an Opelanern, denen der Stolz ins Gesicht geschrieben steht.

Bis zum Serienstart soll der Ampera noch ein spezielles Geräuschsystem bekommen, eine Art gedämpfter Hupe, damit kein Passant sich zu Tode erschreckt, wenn die leise Revolution von hinten kommt und plötzlich laut hupt. Man testet noch verschiedene Töne, schließlich ist auch diese Anforderung völlig neu.

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