Weltpremiere Alfa Romeo Giulia : Sehnsucht nach neuem Glanz

Mit der Giulia soll eine neue Epoche beginnen bei Alfa Romeo. Bei der Weltpremiere wurde die Ikone frenetisch bejubelt. Fiat-Chef Sergio Marchionne hat aber noch ganz andere Pläne für die Zukunft...

Patrick Broich
Emotionaler Auftritt: Alfa Romeo enthüllt die neue Giulia. Mit ihr soll die Marke in neuem Glanz erstrahlen.
Emotionaler Auftritt: Alfa Romeo enthüllt die neue Giulia. Mit ihr soll die Marke in neuem Glanz erstrahlen.Foto: promo

In dieser Woche gab es einen Paukenschlag in Mailand: Die Giulia, Ikone von Alfa Romeo, Erfolgsmodell und Auto-Legende erlebte zum 105. Geburtstag der Marke ihre Wiedergeburt. Aber nicht nur die Giulia wurde da in Norditalien wiedergeboren. Die Weltpremiere war gleichzeitig der Auftakt zur Wiederbelebung der gesamten Marke Alfa Romeo. Nichts weniger als einer der weltweit „führenden Premiumanbieter“ soll aus dem in den letzten Jahren eher dahinsiechenden Traditionshersteller werden, so Fiat-Chef Sergio Marchionne bei der Premiere. Erneut soll die Giulia den Grundstein für eine große Epoche legen. Sportlich, attraktiv und emotional - so soll Alfa Romeo in der Zukunft wieder werden.

Zeit für einen Schlusstrich

Selten war ein Publikum so emotional bei einer Fahrzeug-Enthüllung. Gut, wenn Alfa Romeo - eine Marke, die seit Jahren nur noch zwei massenkompatible Modelle im Angebot hat - schon ein neues Auto vorstellt, war etwas Pomp zu erwarten. So traten neben den Rednern, darunter Hochkaräter wie Alfa-Chef Harald Wester und Konzernchef Sergio Marchionne, auch Andrea Bocelli auf. Dieser gab kurz vor dem Lüften des Geheimnisses noch eine Gesangeinlage. Als die Giulia, deren endgültiger Name schon seit Monaten in Szene-Foren kursiert, röhrend auf die Bühne fuhr, waren die Zuschauer nicht mehr zu halten: Eine Mischung aus Applaus, Rufen und Pfiffen empfing das Auto und dokumentierte die große Sehnsucht nach vergangenem Glanz.

Temperamentvoll und optisch anziehend: Für das Comeback der Giulia setzt Alfa Romeo voll auf sportliche Attribute.
Temperamentvoll und optisch anziehend: Für das Comeback der Giulia setzt Alfa Romeo voll auf sportliche Attribute.Foto: promo


Alfa Romeo hat es an diesem Abend geschafft, auch die Skeptiker abzuholen. Wie oft haben die Verantwortlichen bereits versucht, das Label, das so viele Fans, aber viel zu wenige Käufer hat, wieder zu altem Glanz zu führen? Eine undankbare Aufgabe, fraglos. Manche Kunden sind mit den Rost- und Zuverlässigkeitsproblemen der frühen Achtziger ausgestiegen, für Andere war die Ära Fiat der Endpunkt: Frontangetriebene Designhüllen sind selbst für große Markenliebhaber nicht mehr zu verschmerzen. Die Alfa-Romeo-Modelle der 2000er waren ohne Zweifel bildschön - 147, 159 und auch der Brera oder Spider gefallen auf den ersten Blick, aber doch fehlt ihnen die Marken-DNA. Letztere Konsorten sorgten für einen traurigen Negativ-Höhepunkt, als die Ingenieure ihren Sechszylinder aus dem Holden-Baukasten (eine General Motors-Marke) entnahmen.

Alfa geht in die Offensive

Jetzt der Schlussstrich. Als die ersten Versuchsfahrzeuge des 159-Nachfolgers, also der Vorgänger-Mittelklasse, über den Asphalt rollten, berichteten Branchen-Insider noch von einer verlängerten Giulietta (das aktuelle Kompaktmodell) mit Frontantrieb. In der Zwischenzeit übernahm Fiat Chrysler, und Konzernchef Marchionne krempelte den gesamten Autoriesen auf links. Lancia musste sterben, Alfa sollte zur neuen Größe heranwachsen inklusive Rückkehr auf den US-amerikanischen Markt. Die Verantwortlichen wollen Alfa Romeo gegen Platzhirsche wie BMW stellen! Aber mit einem Fronttriebler? Undenkbar.
Also wurden die besten Ingenieure herangezogen und fernab der Firmenzentrale an einen geheimen zum ungestörten Arbeiten geschickt. Techniker Philippe Krief spricht in diesem Zusammenhang gerne von den Skunks, dem Entwicklungsteam der Giulia. Die Bezeichnung ist angelehnt an ehemalige Lockheed-Konstrukteure, die einst im in weniger als einem halben Jahr leistungsfähige Kampfflugzeuge entwickelten.

Geheimnisvoll: Außer dem Sechszylinder aus dem Hause Ferrari bleiben die technischen Details der Giulia erst mal im Verborgenen.
Geheimnisvoll: Außer dem Sechszylinder aus dem Hause Ferrari bleiben die technischen Details der Giulia erst mal im Verborgenen.Foto: promo


Ein bisschen länger brauchten die Alfa-Entwickler schon, obwohl die Zeit drängt. Der Kleinwagen MiTo ist betagt (sieben Jahre) und passt laut Marketing-Strategen ohnehin nicht mehr zum Portfolio der Labels, und die untere Mittelklasse Giulietta, seit 2010 im Verkauf, taugt ebenfalls nicht mehr als Zugpferd. Der aufregende 4C ist nur in homöopathischen Dosen verfügbar und außerdem kostspielig. Die Giulia wird den Anfang einer, in der Geschichte von Alfa Romeo, beispiellosen Modelloffensive bilden. Darüber hinaus sollen sieben weitere Modelle die Nachfrage bis 2018 ankurbeln. Neben der volumenträchtigen Mittelklasse müssen es die beiden für 2016 angekündigten SUV richten. Auch wenn Alfisti die Nase rümpfen - wer in diesem Boom-Segment nicht vertreten ist, ahnt kaum eine Chance auf dem Markt.

Die Schöne fährt der Konkurrenz davon

Doch zurück zur Giulia. Nach der Vorstellung des Topmodells Quadrifoglio mit 510 PS im neu eröffneten Alfa-Museum in Arese wird die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt am Main die nächste Station und zugleich die Publikumspremiere sein. Bis dahin sollten auch Preise und vor allem Infos über weitere, zivile Motorvarianten vorliegen.
Jedenfalls genügt die Spitzenvariante locker, um Alfisti in Extase zu versetzen. Schließlich reicht sie nicht nur an den selbsterkorenen Konkurrenten BMW M3 heran, sondern übertrifft die stärkste Mittelklasse aus München sowohl in Leistung (+ 79 PS) und Performance (0,2 Sekunden schneller auf Landstraßentempo). In nur 3,9 Sekunden soll die Schöne auf 100 km/h sprinten - alle Achtung!

Auch das Interieur der neuen Giulia wurde offiziell noch nicht gezeigt. Dafür sind schon Beschleunigungswerte bekannt.
Auch das Interieur der neuen Giulia wurde offiziell noch nicht gezeigt. Dafür sind schon Beschleunigungswerte bekannt.Foto: promo


Und auch sonst hat man peinlich genau darauf geachtet, dass die proklamierte Alfa Romeo-DNA diesmal kein Lippenbekenntnis sein würde. Der mittels zweier Turbolader beatmete Vollalu-Sechszylinder wurde von den Ingenieuren der Ferrari-Abteilung entwickelt. Um ein niedriges Leergewicht zu erzielen, haben die Ingenieure großflächig Alu und Kohlefaser in der Karosserie eingesetzt. Die Keramikbremsanlage demonstriert, dass die Verantwortlichen aus der Power-Limousine einen wahren Racer machen wollten. Einen übrigens mit einer ausgeglichenen Gewichtsverteilung von 50:50. Außerdem hat die Giulia über eine extrem aerodynamische Gestalt, ohne dass zum aktuellen Zeitpunkt konkrete cw-Werte genannt worden wären.

Ambitionierte Zukunftspläne

Es bleiben noch so manche Fragen offen. So kann nur spekuliert werden, welche Motorisierung den Einstieg bilden wird. Denkbar wäre freilich der aufgeladene Vierzylinder mit 1,8 Litern Hubraum. Diverse Diesel sind natürlich gesetzt - kolportiert wird die V6-Ausführung als Highend-Lösung, die derzeit auch im Jeep Grand Cherokee werkelt. Leistungen von bis zu 300 PS wären denkbar. Preislich dürfte der Hecktriebler wohl bei deutlich unter 30.000 Euro starten. Ebenfalls bedeckt hält man sich noch in Sachen Interieur. Ein Blick durch die geschlossenen Fensterscheiben macht jedenfalls klassische Rundinstrumente aus - elektronischen Schnickschnack verkneifen sich die Alfa-Macher. Um einen großen TFT-Bildschirm kommen sie freilich nicht herum.

Marchionne möchte Alfa Romeo zu einer der begehrtesten Premiummarken machen, und das Label soll zu einem "made in Italy"-Synonym avancieren. Da werden hohe Ansprüche formuliert, was immer eine gewisse Gefahr birgt - nämlich die Gefahr des Nichterfolges. Beim Design jedenfalls schienen die Entscheider vorsichtig: Zwar spricht Chefgestalter Lorenzo Ramacciotti von typischem Alfa-Stil mit simplen Linien und spezifischer Formensprache, doch der Vorgänger 159 wirkte irgendwie markanter. Marchionne braucht Amerika, will er sein ambitioniertes Verkaufsziel erreichen. Schon 2018 sollen sich 400.000 Kunden jährlich für einen Alfa Romeo entscheiden - selbst optimistische Marktforschungsinstitute halten schon die Hälfte für schwer erreichbar. Derzeit werden etwas mehr als 70.000 Alfas pro Jahr abgesetzt. Und just mit der Einführung der Giulia überarbeitet der Hersteller auch noch sein Logo, das die Marke in eine neue Ära führen soll. Die Chance auf eine erfolgreiche Zukunft ist jedenfalls gegeben. Der 24. Juni dürfte ein guter Tag für Alfisti gewesen sein.

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