Winterreifen und Ganzjahresreifen im Vergleich : Es geht ums Profil

Ganzjahresreifen gelten als günstige Alternative zum ständigen Wechsel zwischen Sommer- und Winterreifen. Dabei ist die Wahl des richtigen Pneus weniger eine Kosten- als eine Fahrerfrage.

David-Emanuel Digili
Nicht immer aussagekräftig. Bezeichnungen wie „M+S“ oder „Winter“ bieten keine Garantie. Nur für das Schneeflockensymbol müssen sich Reifen in Tests beweisen.
Nicht immer aussagekräftig. Bezeichnungen wie „M+S“ oder „Winter“ bieten keine Garantie. Nur für das Schneeflockensymbol müssen...Foto: dpa

Meist sagt der jährliche Griff zum Lineal schon alles aus. Angesetzt, überprüft – schon ist klar: Es ist zu niedrig, das Reifenprofil. 1,6 Millimeter müssen es laut Gesetzgeber sein, Experten raten aber zu einer Tiefe von mindestens drei Millimetern. Gerade zu Beginn der dunklen Jahreshälfte ist sie da, die Zeit, in der Maß genommen wird. Können "die Alten" noch draufbleiben? Sollten "ein paar Neue" ran? Und überhaupt: Ganzjahresreifen oder Winterreifen? Sie leisten täglich schließlich harte Arbeit auf dem Asphalt. Und doch wird den Reifen nur in allergrößten Ausnahmefällen wie dem Herbst- und Wintercheck die gebührende Aufmerksamkeit zuteil.

"Die Bereifung ist das meistunterschätzte Teil am Auto", bestätigt Gunnar Beer vom Auto-Club Europa (ACE). Die Techniker des Autoklubs haben erst kürzlich zehn der populärsten Winterreifenmodelle einem ausführlichen Test unterzogen – von Bridgestone über Goodyear, Hankook und Pirelli bis hin zum Testsieger, dem WR D3 von Nokian. Getestet auf verschneiter, nasser und trockener Fahrbahn in Bremsverhalten, Handling und Traktion. Prinzipiell gilt: Auf Markennamen kommt es nicht unbedingt an, oft gehören kleinere Hersteller wie Fulda (Dunlop) oder Semperit (Continental) als Tochterfirmen zu den "Großen", bieten auch Qualität auf (fast) ganz hohem Niveau.

"Auf Schnee helfen nur Winterreifen"

"Autofahrer interessieren sich leider nicht so sehr dafür, das zeigt schon die Kontrolle des Luftdrucks oder eben der Profiltiefe. Dabei nützt das beste Auto nichts, wenn der Reifen nicht haftet", sagt Beer. Tatsächlich gibt es auch für jeden Untergrund den genau passenden Reifen – aber keine Sicherheit, auch genau diesen Untergrund anzutreffen. So sind Ganzjahresreifen als Mittellösung zwischen Winter- und Sommerreifen ausgelegt, das Konzept soll zu jeder Jahreszeit, bei allen möglichen Wetterbedingungen einsatzfähig sein – das Profil kombiniert die für Wärme und Nässe entwickelten Längsrillen mit den bei Eis, Schnee und Glätte hilfreichen Profilblock-Verzahnungen und Lamellen. Für Extremsituationen ist das aber höchstens ein besserer Mittelweg: "Auf Schnee ist die Sache ganz klar, da hilft nur ein richtig guter Winterreifen mit Lamellen, der in einem guten Zustand ist", betont Beer. "Ganzjahresreifen sind nun mal ein Kompromiss. Natürlich haben diese Reifen bei Weitem nicht so viele Lamellen wie ein richtiger Winterreifen. Im Neuzustand zumindest aber sichern sie das Fortkommen."

Ganzjahresreifen: Das Profil kombiniert die für Wärme und Nässe entwickelten Längsrillen mit den bei Eis, Schnee und Glätte hilfreichen Profilblock-Verzahnungen.
Ganzjahresreifen: Das Profil kombiniert die für Wärme und Nässe entwickelten Längsrillen mit den bei Eis, Schnee und Glätte...Foto: dpa

Der richtige Zeitpunkt für das Umrüsten ist allerdings gerade in Gegenden mit wechselhaftem Wetter schwer zu finden. Wird der Umstieg von Sommer auf Winter verfrüht vollzogen, verläuft die Wirkung eines Pneus für die kalte Jahreszeit im Nichts: Regelmäßiger Einsatz auf trockenen Fahrbahnen, auch bei hohen Geschwindigkeiten, beschleunigt den Verschleiß und beraubt die Winterreifen so ihrer besten Fähigkeiten, wenn sie denn später tatsächlich gebraucht werden.

"M+S"-Kennung kann täuschen

Ganzjahresreifen oder Winterreifen? Sicher ist zumindest: Seit Dezember 2010 verdeutlicht die Bundesregierung in der Straßenverkehrsordnung, dass „bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte“ ein Kraftfahrzeug nur mit Reifen mit "M+S"-Kennung, also für "Matsch und Schnee", gefahren werden darf – Reifen mit gröberem Profil also. Eine schwammige Regelung, die allerdings je nach Vergehen – Fahren ohne Winterreifen, Verkehrsbehinderung, Unfall – zu Bußgeldern und auch zu Problemen mit der Versicherung führen kann.

Die "M+S"-Kennung allerdings ist mindestens genauso schwamming und kann zu Irrtümern führen: "Der Begriff ,M+S‘ setzt keine wirkliche Spezifikation voraus", erklärt Beer. Daher seien auch Reifen auf dem Markt, die fast schon ein Sommerprofil haben und trotzdem das „M+S“-Symbol tragen. „Die Reifenindustrie hat vor Jahren zusätzlich das Schneeflockensymbol eingeführt, und um das zu bekommen, müssen spezielle Anforderungen erfüllt werden.“ Beim Kauf von Winterreifen sollte auf jeden Fall auf dieses Symbol geachtet werden. Erst dann kann man sicher sein, dass bestimmte Mindestanforderungen erfüllt werden.

Kleinwagenfahrer in Städten sind mit Ganzjahresreifen im kleinen Vorteil: Wechselarien werden so verhindert, die gerade in Innenstädten oft umständliche Reifenlagerung bleibt erspart.
Kleinwagenfahrer in Städten sind mit Ganzjahresreifen im kleinen Vorteil: Wechselarien werden so verhindert, die gerade in...Foto: dpa

Kleinwagenfahrer in Großstädten haben es einfacher

Ganzjahresreifen oder Winterreifen? Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung ist das keine Kostenfrage. Beer bestätigt: „Eigentlich ist der einzige Mehrkostenpunkt bei Winterreifen die Einmalinvestition für einen zweiten Felgensatz.“ Über den Gesamtverschleiß gesehen müssten Ganzjahresreifen sogar häufiger gewechselt werden, als es bei zwei Reifensätzen der Fall wäre. Die immer besseren Laufleistungen von Sommerreifen können so – bei regelmäßigem Wechsel im Winter – mehrere Jahre lang ausgeschöpft werden.

Die passende Antwort auf die Frage nach den richtigen Pneus hängt auch vom Typus Autofahrer ab: Kleinwagennutzer in Großstädten, die nur selten große Distanzen auf Autobahnen oder lange Strecken zurücklegen, sondern ihr Auto hauptsächlich für den engen Stadtverkehr nutzen, werden eher auf die Ganzjahreslösung zurückgreifen können. Wechselarien werden so verhindert, die gerade in Innenstädten oft umständliche Reifenlagerung bleibt erspart. Auch die Region spielt eine Rolle – trockene bis mediterrane Gegenden beispielsweise sind reifentechnisch anspruchsloser als eine Stadt in den Alpen.

Faustformel: Zwei Winter

Vielfahrer jedoch sollten klar auf die „traditionelle“ Lösung vertrauen: "Wird ein Reifen ein ganzes Jahr lang gut und ausgiebig gefahren, also auch mal über 15– 20 000 Kilometer, ist er für den nächsten Winter natürlich nicht mehr besonders gut geeignet", sagt Beer. "Wechselt man aber und hat damit also zwei Reifensätze, resultiert das fast schon zwangsläufig auch in der doppelten Laufzeit." Beim Winterreifen gilt die Faustformel: "Der hält zwei Winter lang."

Aktuell liegt die Wechselrate in Deutschland um 80 Prozent, wohl auch dank der gesetzlichen Regelung, so unpräzise sie auch sein mag. Autofahrer werden zunehmend sensibilisiert für die Pflege dieser vier Pneus, die sie am Laufen halten. Damit könnte die Bereifung – ob Ganzjahresreifen oder Winterreifen – bald nicht mehr das meistunterschätzte Teil am Auto sein. Zumindest beim jährlichen Griff zum Lineal.

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