Zuviel des Guten : Wie eine wild gewordene Flipperkugel

Starke Kompakte sind ein Dauerbrenner. Seit VW 1976 mit dem Golf GTI diese Klasse begründete, kommt kein Hersteller in diesem Segment an einem sportlichen Spitzenmodell vorbei.

Nur die Interpretation dieses Themas ist unterschiedlich. War in den achtziger Jahren grelle Schminke angesagt, so gaben sich die Probanden in den vergangenen 15 Jahre optisch zurückhaltend. Laut war out. Mazda macht damit Schluss und schiebt mit dem 260 PS starken Mazda3 MPS eine reich verspoilerte und mit einer Hutze für den Ladeluftkühler versehene Version nach.

Nun ist Optik ja immer Geschmackssache – doch wenn der Inhalt hält, was die Verpackung verspricht, soll es dem Kunden recht sein. Zynisch könnte man dies beim MPS bestätigen. Denn der stärkste Serienmazda 3 bietet all das, was in der Klasse der jungen Wilden längst ausgestorben schien. Vom Zappeln in der Lenkung, heftigem Versetzen beim Rausbeschleunigen aus Kurven und unharmonischer Leistungscharakteristik ist so ziemlich alles im Angebot. Und das trotz erheblichen Bemühungen, den Sportler salonfähig zu machen. Doch weder das mechanische Sperrdifferenzial noch die elektronische Regulierung des Motordrehmoments oder die verstärkte Karosserie vermögen die bei 3000 Umdrehungen plötzlich anstehenden 380 Newtonmeter zu zügeln. Der MPS schießt je nach Fahrbahnbeschaffenheit wie eine wild gewordene Flipperkugel über den Asphalt und will gefühlvoll eingefangen werden. Wohl dem, der nur geradeaus auf der Autobahn unterwegs ist, denn der kann zumindest die Höchstgeschwindigkeit von abgeregelten 250 km/h gefahrlos ausprobieren, da auch die Bremsanlage der gesteigerten Leistung angepasst wurde.

Der Innenraum des Mazda steht in wohltuendem Kontrast zu dem aufdringlichen Äußeren. Hier beschränkte sich die Sportabteilung der Japaner auf den Einsatz von Alupedalen und zwei mit Teilleder bezogenen Schalensitzen. Im modifizierten Instrumentenkombi wartet der MPS mit einer wenig informativen Balkenladedruckanzeige auf.

Weitere Informationsmöglichkeiten über das Wohlbefinden des 2,0-Liter-Direkteinspritzers gibt es indes nicht. Wichtiger schien es Mazda dagegen, die Insassen nach dem Einsteigen mit allerlei Lichteffekten rund um Regler und Schalter zu unterhalten. Diese Aufgabe sollte man indes besser dem gegen 2400 Euro Aufpreis lieferbaren Bose Soundsystem überlassen. Und vielleicht findet sich dann ja auch im heimischen CD-Regal eine verstaubte Modern-Talking-CD, die den Auftritt dieses jungen Wilden zu einem immerhin schlüssigen Gesamtbild der 80er Jahre vervollständigt – ab 27 400 Euro.sj

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