Der Tagesspiegel : Moderne Hightech-Skulpturen

Designer bieten allerlei Möglichkeiten, um Unterhaltungselektronik unauffällig ins häusliche Umfeld zu integrieren

Nora Sobich

Seit es technische Geräte gibt, versuchen wir sie zu tarnen, zu verschönern und ästhetisch zu verhüllen. Spätestens aber seit Fernseher und Stereoanlagen unsere Wohnzimmer bevölkern, überschlagen sich die Versuche, die Heimelektronik irgendwie ihrer wohnlichen Umgebung anzupassen. Mit dem Einzug von Computern hat sich einerseits das lästige Kabelproblem noch potenziert, andererseits eröffnet aber gerade die Computertechnik ungeahnte Spielräume, das Allerlei an Home-Entertainment-Geräten camouflageartig im häuslichen Umfeld verschwinden zu lassen.

Wie ein Landschaftsgemälde wird in einem Werbeclip der moderne Plasma-Breitbild-TV-Schirm an der Wand einer durchdesignten Wohnidylle präsentiert. Kein Kabel schlängelt sich störend durchs Wohnzimmer und verrät den Weg zur Extrakonsole, wo DVDs und restliche Geräte versteckt sind. Die Unterhaltungselektronik ist ganz auf sich selbst reduziert – auf nichts anderes als auf das Bild. Diese perfekte Manifestation eines minimalistischen Ideals machen Wireless-Technologien, multifunktionale Geräte und integrierte Lösungen möglich. Gepaart mit modernsten Designkonzepten ergibt das eine Entwicklung, die weit über herkömmliche Hi-Fi-Truhen in Nussbaumfurnier hinausgeht.

Vor zwei Jahren hat zum Beispiel das Unternehmen Philips mit dem italienischen Hersteller und Designer Giulio Cappellini das System „Paesaggi Fluidi“ (Fließende Landschaften) vorgestellt. „Paesaggi Fluidi“ kombiniert unterschiedliche Möbel wie Sofa, Regal und Sideboard, die für das veränderte Erscheinungsbild technischer Geräte entwickelt wurden, insbesondere der neuen Generation minimalistischer Flachbildschirme.

Alle der insgesamt sieben „Paesaggi Fluidi“-Möbel sind mit modernsten Hightech-Geräten von Philips ausgestattet und lassen sich flexibel mit Universalfernbedienung steuern.

„Bookcase“ nennt sich etwa das praktisch konzipierte Drehelement, das neben einem 42-Zoll-Plasmabildschirm auch ein Regal zum Unterbringen von DVDs enthält. „Scala Shelf“ ist ein wandmontiertes Bücherregal mit LCD-Projektor und DVD-Player. Beim Sofa „Vesuvio“ lassen sich dank versteckter Technik die Bilder an die Decke projizieren und bequem vom Liegen aus verfolgen. Das so genannte „Sideboard“, ein zurückgenommen elegantes Möbel, aus dem sich ein 32-Zoll-Flachbildschirm zaubern lässt, ist ein Nachfahre alter TV-Schränke. „Paravento“ kommt als eine Art aufklappbares Hightech-Triptychon daher, in dessen mittleren Teil sich Plasmabildschirm und DVD-Player befinden.

Noch in Planung im Hause Philips ist das „Q4-System“. Dieses komplett verkabelte Sofasystem mit integriertem Lautsprecher ist ein modulares Möbel bestehend aus quadratischen Hockern. Es lässt sich mit Rücken- und Armlehnen, Projektoren und Tischlampen beliebig erweitern. Ein ähnliches Zukunfts-Sofa hat der französische Stardesigner Philippe Starck für die italienische Firma Cassina entworfen. „M.I.S.S.-Sofa“ (Music Image Sofa System) heißt das Multimedia-Möbel, das Kabel und Lautsprecher unauffällig integriert und sich ungefähr in der Preisklasse eines Mittelklasse-Wagens bewegt.

Doch wozu eigentlich der ganze Aufwand? Anders als die Generation unserer Großeltern, so könnte man denken, müsste man heute keine Scheu mehr vor Technik haben. Viele der neuen Geräte sehen zudem so überzeugend aus, dass sich eine Tarnung im Grunde von selbst verbietet. Gerade auch in Deutschland hat die Inszenierung von Technik als ästhetischem Objekt eine gewisse Tradition. Man denke nur an die alten Braun-Geräte wie den in den fünfziger Jahren von Hans Gugelot und Dieter Rams entwickelten „Phonosuper SK 4“, den sich Designfans unverändert wie eine seltene Skulptur mitten in den Raum stellen.

Bei den modernen Medienlösungen geht es eben nicht nur um Tarnung und ästhetische Verschönerung, sondern auch um effiziente Wohnraumgestaltung. Viele lassen sich die Technik deswegen gleich schon beim Hausbau oder Wohnungsumbau mit einplanen und auf die persönlichen Ansprüche und Einrichtungswünsche abstimmen. Auf die Planung solch integrierter Medienlösungen ist etwa das Berliner Unternehmen Audio Forum spezialisiert (www.audioforum-berlin.de). Doch – und da sind sich alle sicher – schon bald werden Medienleitungen so selbstverständlich wie Strom- und Wasserleitungen hinter den Wänden verschwinden und nicht mehr nur auf wenige Steckdosen begrenzt zugänglich sein.

Die Zukunftsvision einer intelligenten Umwelt nannten die Avantgardisten der Zwanzigerjahre „befreites Wohnen“. Der Mensch sollte nach dieser häuslichen Idealvorstellung wie im Schlaraffenland von allen alltäglichen Versorgungsengpässen befreit werden. Der Gipfel dieser Vision ist das vollständig durchprogrammierte Multimedia-Haus, wie es sich etwa der Microsoft-Chef Bill Gates auf seinem Anwesen bei Seattle hingestellt hat.

Seit Anfang des Jahres steht auch in der Leipziger Straße in Berlin eine bescheidene Version eines intelligenten Versuchshäuschens, präsentiert von der Deutschen Telekom, wie ein Riesenspielzeug – ausgestattet mit modernster Multiroom-Technik und Flachbildschirmen in jedem Raum.

Für die meisten ist dieser Fortschritt freilich noch keine Realität. Noch werden die Kabel unter den Teppich gelegt oder längs der Fußleiste getackert. Noch lebt man mit einem bunten Sammelsurium unterschiedlicher Entertainment-Geräte. Wer für seinen modernen Flachbildschirm allerdings keine Allerwelts-Lösung vom Baumarkt möchte, entscheidet sich für das moderne Medienmöbel „Vision“ von Bonaldo (www.bonaldo.it), in dem praktisch Flachbildschirm, Rekorder und DVDs verstaut werden können. Ebenso funktional ist das elegante Lowboard „Cube“ von Interlübke (www.interlübke.de). Auch Vitra bietet diverse Medienmöbel - so etwa das freistehend modulare System „Level 34“, mit dem die vielen Kabel der Home-Entertainment-Geräte sozusagen von ganz allein verschwinden (www.vitra.com). Die Formensprache von „Level 34“ erinnert dabei an die fortschrittsgläubigen Fünfzigerjahre, als man noch glaubte, die durchprogrammierte Zukunft wäre schon ganz nah.

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