Monumente : Ein neuer Körper für Buddha

Vor acht Jahren sprengten die Taliban die welberühmten Buddhas von Bamiyan in Afghanistan. Jetzt rekonstruiert ein deutscher Forscher die zerstörten Figuren.

Michael Zajonz
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Lücke im Kulturerbe. Hier stand einstmals die weltgrößte Buddha-Statue, die die Taliban 2001 sprengten.Foto: AFP

Die Fernsehbilder gingen um die Welt: Am 12. März 2001 sprengten Taliban-Milizen die zwei monumentalen Buddha-Statuen im Hochtal von Bamiyan, 230 Kilometer nordwestlich von Kabul. Zuvor hatten die Bilderstürmer wochenlang vergeblich versucht, die beiden etwa 54 und 34 Meter hohen Statuen mit Panzergranaten, Geschützfeuer und Raketen zu zerstören. In den 70er Jahren, vor der sowjetischen Invasion und dem Niedergang des Landes, waren noch bis zu 100 000 Touristen jährlich in das 2500 Meter hoch gelegene Gebiet gereist, um die Kolosse zu besichtigen.

Nun sind die Buddhas von Bamiyan wiederauferstanden – zumindest virtuell. Die große Ausstellung „Gandhara – Das Buddhistische Erbe Pakistans“ im Martin-Gropius-Bau endet mit den Ausläufern der Gandhara-Kultur im 6. Jahrhundert nach Christus im heute afghanischen Bamiyan. Der Epilog ist zugleich Ausblick: auf einen möglichen Wiederaufbau des geschändeten Kulturerbes, sollte es die politische Situation im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet irgendwann zulassen.

Gezeigt wird im letzten Raum der Ausstellung eine animierte 3-D-Rekonstruktion der kleineren Buddha-Statue von Bamiyan. Ein paar Minuten Film nur, in Stereoprojektion: Wer etwas erkennen möchte, muss zu den bereitliegenden Spezialbrillen greifen. Und sieht dann, dreidimensional und doch erkennbar „unecht“, Kameraschwenks durch die zunächst leere Nische, die sich dann mit der Riesenskulptur füllt.

Millionen von Messpunkten, abgetastet vor Ort durch einen lasergestützten Raumscanner, ermöglichen Aufnahme und Darstellung auch von sehr großen dreidimensionalen Oberflächen auf den Hundertstelmillimeter genau. Die virtuelle Rekonstruktion haben Wissenschaftler der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen auf Grundlage der Laserscan-Messungen von Bauforschern der Technischen Universität Wien entwickelt: nicht für wissensdurstige Ausstellungsbesucher, sondern um die Möglichkeiten einer realen Rekonstruktion der Statuen nach allen Regeln der Bauforschung auszuloten.

Das 2002 gestartete, unter dem Dach der Unesco und der internationalen Denkmalschutzorganisation Icomos angesiedelte Vermessungsprojekt leitet Michael Jansen. Seit 1994 ist er Professor für Stadtbaugeschichte an der RWTH Aachen. Zusammen mit dem Kunsthistoriker Christian Luczanits kuratiert Jansen auch die Gandhara-Ausstellung, die zuvor in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen war.

Die historische Kunst Gandharas, die sich selbstverständlich nicht an moderne Grenzen hält, überhaupt in Deutschland auszustellen, ist ein kulturpolitischer Drahtseilakt. Jansen, der Spiritus Rector des Unternehmens, kann auf ein jahrzehntelang gewachsenes Vertrauen bauen, das zeigt sich auch, als er in Berlin gemeinsam mit dem pakistanischen Botschafters Shahid Kamal auftritt. 1970 war der 1947 geborene Norddeutsche erstmals in der Region. Schon während des Studiums in Aachen, Rom und Delhi entschied sich der angehende Bauforscher und Denkmalpfleger für die Kunst und Kultur Zentralasiens, Südost-Arabiens und des indischen Subkontinents.

Seit Jahren begreift man im Auswärtigen Amt, das das Bamiyan-Projekt mit bislang über 2,5 Millionen Euro ermöglicht hat, die Arbeit deutscher Archäologen und Bauforscher als auswärtige Kulturpolitik. Höchst erfolgreiche Politik. Für den im Bamiyan-Tal lebenden Stamm der Hazara, erläutert Jansen im Gespräch, ist das gemeinsame Engagement deutscher, österreichischer und japanischer Wissenschaftler ein Akt der Hoffnung und der Heilung: „Wir haben immer wieder darüber diskutiert, ob man das Geld nicht für etwas aus westlicher Sicht Sinnvolleres wie den Bau von Krankenhäusern einsetzen sollte“, erzählt Jansen, „doch was wir den Leuten dort wiedergeben konnten, war ihr Gesicht, ihre Würde.“ Schließlich ist die Schleifung der Buddhas 2001 eine Bestrafungsaktion der Taliban gegen die unbotmäßige Bevölkerung gewesen.

Ob man die zwischen 530 und 590 nach Christus entstandenen Buddhas nun rekonstruieren soll, wie die lokale Bevölkerung hofft? Jedenfalls ist ein deutsches Restauratorenteam seit März 2004 damit beschäftigt, herumliegende Gesteinsbrocken der Figuren zu bergen. Es sind Tausende, die inzwischen in provisorischen Schuppen am Fuß der Felswand von Bamiyan lagern.

Mithilfe einer genauen Analyse der Schichtenfolge im Stein, wie sie sich an der Rückwand der beiden Nischen abzeichnet, und von ergänzenden elektromagnetischen Messungen können die oft tonnenschweren Brocken mittlerweile Jansens 3-D-Modell genau zugeordnet werden. Am Bildschirm lassen sich die Fragmente bereits wieder zu den beiden Skulpturen zusammensetzen – und zugleich die unwiederbringlichen Verluste ermessen. Ein Teil des weichen Gesteins wurde 2001 regelrecht pulverisiert.

Technisch, das betont Jansen immer wieder, wäre der Wiederaufbau möglich – obwohl der große Buddha so hoch wie ein zwanzigstöckiges Hochhaus ist und die erhaltenen Fragmente teilweise aus relativ porösem Gestein sind. Lässliche Probleme im Vergleich zur politischen Instabilität, die inzwischen auch das auf pakistanischem Gebiet liegende Swat-Tal erfasst hat. Doch Jansen ist davon überzeugt, dass Projekte wie in Bamiyan langfristig „mehr zur Befriedung beitragen als 20 000 zusätzliche Soldaten“.

Ausstellung: Gandhara. Das buddhistische Erbe Pakistans, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 10. August 2009

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