Morgen in Masuren : Das Schloss verfallen, die Kunstwerke verschollen

Das Schloss – verfallen. Die Kunstwerke – verschollen. Die Familie des Widerstandskämpfers Heinrich Graf von Lehndorff kämpft um die Rückgabe der verschwundenen Schätze. Ein zäher Streit. Doch jetzt scheint sich etwas zu bewegen

   Von Christine Lemke-Matwey

Unlängst bei „Beckmann“ in der ARD. Den Kundus-Smalltalk hat Karl-Theodor zu Guttenberg überstanden, jetzt wird er schnell noch gefragt, was er von Erika Steinbach hält. Der blonden Eisenfresserin (CDU,) die nun doch nicht auf ihren Sitz im Beirat der Vertriebenenstiftung verzichten will. Steinbach stimmte 1991 im Bundestag gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und wird von polnischen Medien seither gern in SS-Uniform dargestellt. Der Minister windet sich und lächelt adelig, politisch wolle er sich dazu nicht äußern. Und persönlich? Es gebe auch Argumente, die für Frau Steinbach sprächen. Da bohrt Reinhold Beckmann wohlweislich nicht weiter. Vermintes Gelände.

Bemerkungen wie die des deutschen Verteidigungsministers treiben Peter Schabe die Sorge in die Stirn – gerade weil sie nur en passant fallen: Die „Vibrationen“ zwischen Deutschland und Polen mache sich in ihren konkreten Konsequenzen niemand klar. Schabe ist Geschäftsstellenleiter der Deutsch-Polnischen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz mit Sitz in Görlitz, ein großer, umsichtiger Mensch, der bisweilen das Gras wachsen hört. „Schreiben Sie bloß nichts, was der Sache schaden könnte!“, mahnt er am Telefon. Die Sache, das ist die Instandsetzung von Schloss Steinort in Masuren. Seit dem frühen 16. Jahrhundert Sitz der Grafen Lehndorff, ab 1941 Feldquartier des NS-Außenministers Ribbentrop, zur Zeit des Warschauer Paktes wie im befreiten Polen dann wechseln Besitzer und Nutzungen – das Anwesen, das immer stärker verfiel, ist eine Metapher, ein Brennglas der Geschichte. Und eines der letzten, authentisch erhaltenen Herrenhäuser im ehemaligen Ostpreußen. Doch wie soll man angesichts der vielen Fettnäpfe und bilateralen Empfindlichkeiten wissen, was schadet und was nutzt?

Heinrich Graf von Lehndorff, der letzte Herr auf Steinort (in den Marion Dönhoff heftig verliebt gewesen sein soll), gehörte zur Bewegung des 20. Juli und wurde im September 1944 von den Nazis hingerichtet. Seinen Besitz hat man enteignet, später geplündert und gebrandschatzt und in alle Winde zerstreut. Der Widerstandskämpfer sollte den Austausch zwischen Polen und Deutschen heute leicht machen, denkt man. Außerdem findet sich das Schloss keine zwölf Kilometer von Hitlers Wolfsschanze entfernt. Was läge näher, als deren Gruseltourismus anzuzapfen und in Steinort eine Art Gegengedenkstätte einzurichten?

Auch andernorts aber werden gerade mächtige Eiertänze vollführt. „Sie wollen mich zitieren?“, fragt Dirk Burghardt, der Verwaltungsdirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, und fährt sich durch seine silberne Tolle. Recht ist ihm das nicht. Zu schlecht war die Presse im „Fall Lehndorff“ diesen Sommer: „Ehrlich gesagt, schon die Formulierung gefällt mir nicht.“ Steinort hat einen gewichtigen Neben(kriegs)schauplatz, der „NS- Raubkunst“ heißt und in Sachsen spielt. Was ist ein Schloss ohne Inventar, wo sind all die Steinorter Möbel, Kunstgegenstände, Bücher und Gobelins geblieben, das Porzellan, das Silber, fragte sich vor zweieinhalb Jahren der Berliner Kunsthistoriker Kilian Heck. Und machte sich auf die Suche. Und wurde fündig. Und empfahl den Lehndorff-Erben für die Restitutionsverhandlungen den Juristen Gerhard Brand. Der wurde im Frühjahr 2008 aktiv und genießt in der sächsischen Museumsszene offenbar einen Ruf wie Donnerhall.

Seither hat die Öffentlichkeit das Gefühl, es gehe weniger darum, der Familie die ausfindig gemachten Besitztümer zurückzugeben, als um eine Fehde zwischen zwei Museen und einem Anwalt. Brand soll durch seine Methoden bereits im Restitutionsfall des sächsischen Fürstenhauses Wettin unangenehm aufgefallen sein, unken die einen. Er sei ein scharfer Hund, nicken die anderen. So oder so: Bis heute haben die Lehndorffs kein einziges Stück zurückerhalten, und das findet Gerhard Brand „unüblich und völlig inakzeptabel“. Und zwar nicht nur nach §1, Abs. 6 VermG („Die Museen sind verpflichtet, Raubkunst zurückzugeben und offenzulegen“), sondern vor allem im Blick auf den historischen Wert der Sammlung.

Längst ist das Bundesamt für Vermögensfragen eingeschaltet, seit einigen Wochen gibt es einen vorläufigen Bescheid, dass restituiert werden muss. Den Museen ist das peinlich. „Wir waren und sind zu jeder Zeit an einer gütlichen Einigung interessiert“, sagt Dirk Burghardt. Also ohne Ämter. Doch was spricht eigentlich dagegen, die Gemälde und Lexika aus den Dresdner Depots sofort und ohne größere Umstände der Familie zu überlassen?

Die erste Antwort lautet: Eitelkeit. Man hat die Prominenz des Falles, seine Brennglashaftigkeit schlicht unterschätzt (bei 3710 erfolgreich restituierten Werken seit 1990 und 290 aktuell anhängigen Verfahren vielleicht kein Wunder) und ist darüber selbst gekränkt. Die zweite Antwort heißt Provenienzforschung und ist ebenso unbeliebt wie kostspielig und kompliziert. Wenn Johann Heinrich Tischbein d. Ä. beispielsweise ein „Gruppenbildnis der Familie Lehndorff-Schmettau“ anfertigt, blasse Menschen mit langen Nasen und großen Köpfen, dann ist das zwar genealogisch wertvoll, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass das Gemälde auch aus Lehndorff’schem Besitz stammt. Oder: Wenn sich hinten auf Antoine Pesnes „Bildnis der Charlotte Luise Gräfin von Schwerin, geborene von Heiden“ ein Kürzel „F. C. S.“ findet, dann kann dies aufgrund weiterer Recherchen „etwas forsch“, wie der Historiker Thomas Rudert formuliert, als „Fidei Commiss Steinort“ interpretiert werden, als Signatur eines unveräußerlichen Familieneigentums. Muss aber nicht. Da sich das Kürzel auf keinem eindeutig den Lehndorffs zuzuordnenden Kunstgut wiederfindet, bleibt das Ganze Indiz – und im Ermessen. Hier fängt an, was der Anwalt „mauern“ und „aussitzen“ nennt. Vielleicht liegt es im Wesen eines Museums, dass es seine Schätze nicht gerne hergibt, und seien diese auch nur adoptiert.

Die beiden genannten Bilder (wie die fünf anderen auch) sind nach Auskunft der Dresdner Kunstsammlungen nicht „galeriewürdig“, hängen also nicht oben bei den Alten Meistern, sondern mit rund 2500 anderen Stücken unten im Depot, gleich links bei den Besuchertoiletten, hinter einer dicken Eisentür in riesigen, grasgrünen Metallrahmen. Neben der Kunsthistorikerin Elisabeth Hipp war Thomas Rudert im Rahmen des Dresdner „Daphne“-Projekts in den vergangenen drei Jahren mit dem Steinort-Nachlass befasst. Bis 2018 lässt es sich der Freistaat Sachsen 15 Millionen Euro kosten, alle 1,2 Millionen Dresdner Exponate auf ihre Herkunft hin zu untersuchen. Restitution aber heißt nicht nur Geben. Das „Herrenbildnis mit Maske“ von Anna Rosina Lisiewska etwa würden die Dresdner gerne weiter in Dresden sehen. Als kleines Dankeschön fürs Aufbewahren und weil es im Depot ein Gemälde des Bruders der Malerin gibt. Das wäre ein hübsches Paar. Der Zustand des Maskenmannes freilich (er ist so porös, dass es nur noch liegen darf) flößt wenig Vertrauen ein. Und was immer aus der Immobilie Steinort werden wird: Das Bild einer polnischen Malerin darf hier gewiss zuallerletzt fehlen.

Der Blick aus der Brand’schen Kanzlei in der Friedrichstraße geht direkt zur Berliner Museumsinsel hinüber. Gerhard Brand – Bartstoppeln, Mini-Fahrer, leicht überarbeitet – geizt nicht mit Quellen, Auskünften und Empörung. Im Dezember 2008 etwa stieß er im Sächsischen Staatsarchiv auf eine Liste, die „herrenloses Kunstgut“ aus Steinort verzeichnet, das man 1948 in einer Kirche in Wechselburg gefunden hatte: Schränke, Truhen, Kommoden, Kleiderreste, ein Kissenbezug, Papiere, 31 Positionen. Das Gut stamme, so heißt es ebenfalls ’48, aus dem Besitz des Grafen Lehndorff, „der am 20. Juli 1944 beteiligt war und deshalb samt der gesamten Familie ausgerottet wurde“. Nachforschungen stellte man keine an, Briefe mit familiärem Inhalt wurden vernichtet, das Mobilar auf Chemnitzer und Leipziger Museumsdepots verteilt.

Neun Gegenstände aus diesem Konvolut konnten bislang nachgewiesen werden, vom Rest fehlt jede Spur. 80 Prozent des Besitzes, den Heinrichs Gattin, Gottliebe „Mausi“ von Lehndorff, bereits im Frühjahr ’44 nach Sachsen schaffen ließ, gingen Ende der vierziger Jahre als Reparationsleistungen von Ostdeutschland nach Russland. „Ich möchte wissen, wo die fehlenden Stücke geblieben sind“, insistiert Brand. Die Deutschen hätten immer alles säuberlich notiert, in jedem Kriegs- oder Nachkriegschaos. „Wir alle wären äußerst schlecht beraten“, entgegnet Dirk Burghardt und schließt seine Kollegen in Chemnitz und Leipzig mit ein, „wenn wir entscheidende Materialien in der Schublade verschwinden ließen.“ Ein deutsches Museum, das 2009 den Nachkommen eines Hitler-Attentäters ihr Erbe verweigert, kann in der Tat nur selbstmörderisch veranlagt sein oder verrückt. Was nicht heißt, dass die Museen ihrerseits die Initiative ergriffen. Dafür hatte man in den neuen Bundesländern nach 1989 zu viele eigene Leichen in den Kellern.

Auch die Gegenfrage aber muss gestattet sein: Was soll ein Inventar ohne dazugehöriges Schloss? Für Steinort wird es eng, retten kann man nur, was noch zu retten ist. Fotos von diesem Sommer zeigen eine zugenagelte Fassade, die Fenster mit Plastikplanen verhängt, das Dach notdürftig geflickt. Von oben regnet es rein, das Fundament ist erodiert, im Haus sprießt der Schwamm. Wenn nicht sofort etwas geschieht, geht alles in den Orkus.

Dieser Tage fließen 58 500 Euro aus dem Etat des deutschen Staatsministers für Kultur, Bernd Neumann, in die Kasse der – Achtung! – Polnisch-Deutschen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz mit Sitz in Warschau. Einer deutschen Stiftung, so darf man mutmaßen, hätte der Eigentümer des Schlosses, eine polnische Handelsgesellschaft, das marode Gebäude niemals überlassen. Die polnische Schwesterstiftung also musste her, mehr als 20 Vertragsentwürfe sind über Peter Schabes Schreibtisch gewandert, ein zermürbendes Geschäft (so viel zur EU mit ihren offenen Grenzen). Am 30. November schließlich konnte die Schenkung vollzogen werden. Jetzt hat Steinort einen gemeinnützigen Besitzer und Zweck.

Das schlechte Gewissen übrigens, das die polnische Seite angesichts der Verlotterung des Gebäudes an den Tag legt, hat den Gang der Verhandlungen nicht beschleunigt. Im Gegenteil. Volksgerichtshof, Plötzensee, Enteignung, schön und gut. Aber war Heinrich von Lehndorff als Reserveoffizier der deutschen Wehrmacht 1939 nicht auch beim Überfall auf Polen dabei? „Ich finde, die Zeit des Totenzählens ist vorbei“, sagt Vera von Lehndorff alias Veruschka, Künstlerin und in den sechziger Jahren ein internationales Topmodel, die zweite von vier Töchtern des Widerstandskämpfers. Der Kellner in der Bar des Berliner Hotel De Rome, in der wir sitzen, hat die Petit Fours vergessen. Sie könne sich ohnehin nicht vorstellen, wie man sich so viele Sachen merken kann, entgegnet die Gräfin trocken, als er sich entschuldigt, und plötzlich weht ein Hauch von altem Adel durch Berlins neue Mitte.

Jenseits aller juristischen, praktischen und moralischen Nesseln, in die man sich mit einem solchen Projekt setzen kann, träumt Veruschka davon, dass in Steinort „etwas Wunderbares“ geschieht. Raum für zeitgenössische Kunst und Musik sollte entstehen, des Widerstands nicht nur des 20. Juli, sondern der Welt müsste gedacht werden, Europas natürlich, der unverdorbenen, wilden masurischen Natur, des Weltklimas – und vor allem der Tiere. Steinort als Arche Noah, das würde ihr gefallen: „Da lachen immer alle, aber ich denke jeden Tag daran.“ Das Schloss, vor dem sie im Oktober 2007 nach 63 Jahren zum ersten Mal wieder stand, empfindet sie als einen „gestrandeten Wal“, „ein großes graues Monster in den letzten Zügen“. Und am Inventar ist sie nur insofern interessiert, als es dazugehört, fester Bestand der Stiftungsmasse werden soll. „Ich habe keine Beziehung zu Objekten.“ Dass die vier Lehndorff-Schwestern von der Stiftung entschädigt werden müssen, ist auch etwas, über das nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Als besäße das ihnen angetane Unrecht bis heute eine geheime Gültigkeit.

Die knapp 60 000 Euro für eine erste Sicherung des Gebäudes ermöglichen: ein Notdach, das Abstützen und die Bergung der barocken Deckenbalken und das Schließen der Fensteröffnungen. Ein Architekt steht bereit, die ortsansässigen Handwerker wären froh, im Winter Arbeit zu haben. Frost und Schnee aber sind nicht die einzigen Feinde: Vandalen treiben ihr Unwesen. Erst kürzlich wurden 60 historische Steinplatten aus dem Schloss gestohlen.

„Steinort braucht uns“, sagt Kilian Heck. Ein Dezembernachmittag in Berlin- Schöneberg, heile Welt, die Fenster auf der anderen Straßenseite glitzern wie die Türen eines Adventskalenders. „Und wir brauchen Steinort. Für unsere emotionale Landkarte, für eine kulturelle Identifikation mit der Geschichte.“ Gemeinsam mit der Historikerin Bettina Bouresh, der ehemaligen Grünen-Politikerin Antje Vollmer und Karin Dönhoff gründet Heck 2007 den Förderkreis Steinort und geht auf die Deutsch-Polnische Stiftung Denkmalschutz zu. Gemeinsam mit dem Dirigenten und leidenschaftlichen Ostpreußen-Liebhaber Christian Thielemann überreden sie Vera von Lehndorff zu ihrer ersten masurischen Reise – und dann geht alles plötzlich sehr schnell.

Schon im Jahr darauf wird in Olsztyn/Allenstein ein internationales Steinort- Symposium einberufen, und nur acht Monate später enthüllen die Lehndorff-Töchter zum 100. Geburtstag ihres Vaters einen Gedenkstein. Die Geburtstagsgesellschaft ist mit dem Bus nach Steinort gereist, zwölf Stunden hin, zwölf Stunden zurück. Reden werden gehalten, auch Vera spricht. Dass man nicht weiß, wo die Männer des Widerstands verscharrt worden sind, und dass dieser Stein nun der „Grabstein“ für ihren Vater sei. Die Schwestern, die eigentlich immer lachen müssen, wenn eine von ihnen öffentlich das Wort ergreift, ringen um Fassung.

Förderkreis, Symposium, Gedenkstein, Restituierung der Fundstücke: Würde dieses Tempo beibehalten, Schloss Steinort erstrahlte binnen kürzester Zeit in neuem Glanz. „Schätzometrisch“ rechnet Peter Schabe mit ein paar Jahren, was sich kurz anhört, schließlich wollen die Millionen, die das Projekt allein für die Bauarbeiten verschlingen wird, erst einmal gesammelt sein. Es gibt Signale, dass polnische Mittel fließen werden, 2011 will man „auf höchster Ebene“ einen EU-Antrag stellen. Und wenn dann eines Tages auch der kleine August Wilhelm von Gottorp aus dem Dresdner Depot wieder in Steinort an der Wand hängt, wird man vielleicht spüren, dass es Kräfte gibt im jungen Europa, die stärker sind als alle Eitelkeiten und Nationalismen und politisch korrekten Balken in unseren Köpfen. Unerhört lieb und friedfertig lugt der Prinz aus seiner Husarenuniform, und draußen laufen die 400-jährigen Alleen wie Lebensadern auf das Schloss zu.

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