Moskauer Theater-Geiseldrama : Hinterbliebene fordern Aufklärung

Fünf Jahre nach dem blutigen Geiseldrama in einem Moskauer Theater haben Angehörige der 130 Todesopfer erneut Aufklärung über das mysteriöse Gas gefordert, das in die Innenräume geleitet wurde. Auch der Europäische Menschengerichtshof beschäftigt sich mit dem Fall.

Geiselnahme
Vor der Erstürmung leiteten Polizeieinheiten Betäubungsgas in das Moskauer Musicaltheater. -Foto: dpa

Moskau      Die Staatsmacht führe die Öffentlichkeit bei vielen Fragen noch immer in die Irre, sagte die Hinterbliebenen-Sprecherin Tatjana Karpowa dem Radiosender "Echo Moskwy". An einem Denkmal neben dem Gebäude in der Nähe der U-Bahn-Station Dubrowka legten Trauernde Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Eine Gedenkfeier ist für Freitag geplant - am Jahrestag der Erstürmung des Theaters durch Spezialeinheiten der Polizei.

Bis heute ist umstritten, wer die Verantwortung für die hohe Opferzahl bei der gewaltsamen Beendigung der Geiselnahme trägt. Damals hatten die Einsatzkräfte zunächst ein bis heute geheim gehaltenes Betäubungsgas in das Theater geleitet, bevor sie das Gebäude stürmten. Dabei starben nach Medienberichten in einer chaotischen Rettungsaktion Dutzende Geiseln, weil sie über Stunden nicht ausreichend medizinisch versorgt wurden.

Russische Staatsanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt

Im Juni dieses Jahres hatte die russische Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren mit der Begründung eingestellt, die Behörden treffe keine Schuld am Tod der Geiseln. Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ist noch ein Verfahren gegen den russischen Staat anhängig.

Am 23. Oktober 2002 hatten Terroristen das Theater während einer Aufführung überfallen und mehr als 900 Menschen in ihre Gewalt gebracht. Das Terrorkommando forderte den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien. Fast drei Tage lang mussten die Geiseln praktisch ohne Essen und Trinken in Todesangst ausharren. Nach 58 Stunden stürmte die Polizei das Gebäude. Alle 41 Geiselnehmer, darunter mehrere mit Sprengstoff bewaffnete Frauen, wurden erschossen.

Auslöser für Anti-Terror-Gesetze

Auch fünf Jahre nach der Geiselnahme sind viele Menschen in Russland überzeugt davon, dass sie nur einen Teil der Wahrheit kennen. In einer heute veröffentlichten Umfrage des Moskauer Lewada-Instituts äußerten 48 Prozent der Befragten den Verdacht, dass ihnen der Staat wichtige Informationen vorenthalte, wie die Agentur Interfax meldete. Das Drama im Musicaltheater "Nord-Ost" und die ebenfalls blutig beendete Geiselnahme in der Schule von Beslan zwei Jahre später führten in Russland zu einer Verschärfung der Anti-Terror-Gesetze. Nach Ansicht von Kritikern wurden damit auch die Bürgerrechte im Land massiv eingeschränkt. (mit dpa)