Der Tagesspiegel : Mühlberg feiert Rettung vor der Flut – bei Ebbe Vor einem Jahr wäre die Stadt fast in der Elbe versunken Jetzt war auf den trockenen Uferwiesen viel Platz fürs Fest

Claus-Dieter Steyer

Mühlberg. Die Erinnerung an das „Wunder von Mühlberg“ ist zu Stein geworden: Genau ein Jahr nach der Rettung der Kleinstadt vor den Fluten der Elbe feierten die Einwohner am Sonntag das Ereignis mit der Enthüllung eines großen Gedenksteines. Eine Bronzetafel zeigt zwei Hände, die einen Sandsack tragen. Am 17. August 2002 hatte eine auf den völlig durchweichten Deich gestapelte Schicht aus Sandsäcken die Stadt vor dem Hochwasser bewahrt. Drei Zentimeter unter der Kante stand das Wasser. Bei einem Überschwappen oder bei einem Deichbruch wäre der größte Teil der 5000 Einwohner zählenden Stadt verloren gewesen. So aber blieb dieser brandenburgische Elbabschnitt ebenso wie eine Woche später die Prignitz im Nordwesten von einer Katastrophe verschont. Die Rede vom „Wunder von Mühlberg“ machte die Runde, denn südlich und nördlich der Stadt brachen in Sachsen und Sachsen-Anhalt die Dämme.

In den Mittelpunkt des erstmals in Mühlberg gefeierten „Tages des deutschen Deiches“ hatten die Einwohner Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) gerückt. Die Stadtverordneten ernannten ihn zum Ehrenbürger, weil er in jenen dramatischen Augusttagen die entscheidenden Anweisungen gegeben habe. Platzeck selbst gab sich gestern auf dem Podest vor dem Rathaus zurückhaltend. Hunderte freiwillige Helfer, die Bundeswehr, das Technische Hilfswerk, die Feuerwehr und viele andere hätten vor einem Jahr Unglaubliches geschafft, sagte er. „Ich habe daran nur einen kleinen Anteil.“

Ohne die Ehrenbürgerschaft wäre Platzeck vielleicht gar nicht nach Mühlberg gekommen. Die ursprünglich sächsische Kleinstadt – nach dem Krieg gegen Napoleon an Preußen gefallen und deshalb heute zu Brandenburg gehörend – wird überregional kaum wahrgenommen. Noch heute schwärmen beispielsweise die Stammgäste in der Kneipe „Zum Zwerghahn“ von den Hochwassertagen: „Damals stand Mühlberg sogar Tage lang auf den Karten der Tagesschau“, erzählt ein älterer Mann am Stammtisch. „Und dann die ganzen Übertragungswagen am Deich, wir waren plötzlich in allen Nachrichten.“ Damals erfuhren selbst viele Brandenburger und Berliner erstmals von dem gerade zehn Kilometer langen Brandenburger Elbabschnitt „irgendwo im Südwesten“. Heute ist der Fluss vom Ort des Gedenksteines aus nicht mehr zu erkennen. Er fließt rund einen halben Kilometer entfernt in einem gerade 40 Meter breiten Bett. Die Schifffahrt ist längst eingestellt; nur die Fähre ist noch in Betrieb. „Ich bin seit 16 Jahren Fährmann in Mühlberg“, sagt der Chef auf der Auto-Fähre nach Sachsen. „So einen niedrigen Wasserstand habe ich noch nicht erlebt.“ In der Mitte der ausgebaggerten Fahrrinne zeigt der Pegel noch zwei Meter an, normal ist das Doppelte. Mit jedem Tag ohne Regen hat die Fähre größere Mühe, unbeschadet die Ufer anzusteuern.

Dafür boten die Elbwiesen dank der Trockenheit viel Platz zum Feiern. Das Interesse an Diskussionen über eine neue Deichlinie hielt sich in Grenzen. Viel lieber erinnerten sich die Menschen an das „Wunder von Mühlberg“. Mitglieder des damaligen Krisenstabes wurden nicht müde, Platzeck zu loben. Als alle Helfer den Deich schon aufgegeben und alle Einwohner die Stadt verlassen hatten, schaute sich der Regierungschef die Lage anhand von Luftbildern noch einmal genau an. Gestützt auf seine Erfahrungen von der Oderflut 1997 gab er das entscheidende Signal: „Wir kämpfen noch einmal um den Deich. Ich übernehme die Verantwortung.“ Die Dämme hielten – dank einer weiteren Lage Sandsäcke.

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