Der Tagesspiegel : Müller gegen König: Beim Sanssouci-Abstecher wird die Mühle oft nur von Ferne gesehen

Claus-Dieter Steyer

Der Sanssouci-Ausflug muss sich nicht auf das Schloss, die große Terrasse mit der Fontäne und einen Spaziergang zum Neuen Palais beschränken. Wer die im wörtlichen Sinne etwas ausgetretenen Wege verlassen will, wendet sich vor dem Schloss einfach nach links und besucht die Historische Mühle. Die meisten Gäste beschränken sich nur aufs Fotomotiv vom imposanten Gebäude - aus der Ferne. Dabei lohnt ein Besuch nicht nur der uralten Technik im Haus wegen. Die Aussicht von der Galerie der Mühle eröffnet ganz unerwartete Perspektiven auf Potsdam und seine Umgebung.

So lange es Wind und Wetter zulassen, drehen sich die Mühlenflügel. Farbige Bänder weisen dabei auf den jeweiligen Hausherren des Tages hin, also den Führer durch die Anlage. Die meisten sind gelernte Müller oder haben sich zumindest ihr Fachwissen in der Freizeit angeeignet. Verwaltet wird die täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnete Mühle von der Mühlenvereinigung Berlin-Brandenburg. Sie stellt in der zweiten und dritten Etage wechselnde Ausstellungen rund um Mühlen in Deutschland vor. Oben ist die Funktionsweise einer typischen Hoch-Holländer-Mühle erklärt. Der Name weist auf den 11,85 Meter hohen Sockel hin, auf dem das eigentliche Gebäude steht.

Der besondere Ruf dieses Bauwerkes, 1996 immerhin zur "Mutter aller deutschen Mühlen" erklärt, beruht vor allem auf einer bis heute oft erzählten Legende aus der Zeit Friedrich II. Danach soll dem König das ständige Geklapper der Mühle gestört haben. Er hat nach dieser Geschichte dem Müller deshalb den Kauf angeboten, was dieser jedoch ablehnte. Der Alte Fritz soll darauf erbost reagiert haben: "Weiß Er denn nicht, dass ich ihm kraft meiner königlichen Macht die Mühle wegnehmen kann, ohne auch nur einen Groschen dafür zu bezahlen?" Unerschrocken habe der Müller geantwortet: "Gewiss, Eure Majestät, das könnten Euer Majestät wohl tun, wenn es - mit Verlaub gesagt! - nicht das Kammergericht in Berlin gäbe!" So steht es in der Broschüre der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten über die Mühle.

In Wahrheit soll die Mühle den König nie gestört haben. Er bezeichnete sie sogar als eine "Zierde" des Schlosses Sanssouci. Dem Müller wird nachgesagt, dass er sich über das Schloss und die angepflanzten Bäume beschwert hatte. Denn diese nahmen der Mühle den Wind, besagt die Legende. Auf jeden Fall ist die jetzige Mühle nicht die originale vom 18. Jahrhundert. Bereits 1852 wurde der Betrieb an dieser Stelle endgültig eingestellt, drei Jahre später öffneten sich die Türen für Neugierige.

Ende April 1945 geriet die Mühle beim Vormarsch der sowjetischen Truppen in Brand. Jahrzehntelang erinnerte nur der steinerne Sockel an das einstige Wahrzeichen. Erste Renovierungsarbeiten begannen 1983. Seit 1993 drehen sich wieder die jeweils 24 Meter langen Flügelruten im Wind.

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