Museen : Große Tropen-Ausstellung in Berlin

Die Tropen dienen als Projektionsfläche für die Sehnsüchte und Ängste "zivilisierter" Gesellschaften. Goethe-Institut und Berlins Staatliche Museen widmen dem Thema jetzt eine Ausstellung.

Esteban Engel[dpa]
Condomblé
"Condomblé". -Foto: Maurício Dias & Walter Riedweg

BerlinUnter den Gummibaum legt sich Moos, der PC wird von Lianen verschlungen und der Telefonhörer ist zum Knochen mutiert: Im tropischen Büro wuchert Natur aus allen Fugen. Die Kunstinstallation der Schweizer Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger gehört zu einer großen Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau, die von diesem Freitag an (bis 5. Januar 2009) einen Blick auf die Tropen als Projektionsfläche für die Sehnsüchte und Ängste "zivilisierter" Gesellschaften wirft. Ansichten von der Mitte der Weltkugel" - unter diesem Titel zeigen das Goethe-Institut und Berlins Staatliche Museen 280 alte und neue Kunstwerke, Skulpturen und Fotografien aus den Regionen zwischen dem nördlichen und dem südlichen Wendekreis.

Die Ausstellung, ein weiterer Schritt des Goethe-Instituts hin zu einer stärkeren öffentlichen Präsenz in Deutschland, ist auch Vorgeschmack auf die große Weltkultur-Schau, die in ein paar Jahren das Humboldt-Forum im wiederaufgebauten Berliner Stadtschloss füllen soll. Bei den früheren Stationen in Brasilia und Rio de Janeiro hatten mehr als eine halbe Million Menschen die Tropen-Schau gesehen. Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Programm mit Vorträgen, Filmen und Theateraufführungen.

Hoffnungs- und Schreckensort

Als exotische Fundstücke bebildern viele Werke aus Europa, Asien, Ozeanien und Amerika auf den ersten Blick tatsächlich das Klischee der Tropen als Hoffnungs- und Schreckensort der westlichen Zivilisation. Die Geister, Götter und Gestalten, etwa aus dem alten Mexiko oder der Südsee, verbindet die Ausstellung mit Videos über die Zerstörung des Urwalds und großformatige Bilder von Fotokünstlern, wie Andreas Gursky und Thomas Struth zu einem großartigen Panorama. Vierzig zeitgenössische Künstler aus 15 Ländern haben sich mit ihren Arbeiten an der Ausstellung beteiligt.

Wie Franz Ackermann mit dem riesigem Wandbild "Terminal Tropical", das den Besucher zu Beginn des Rundgangs überrascht. Aus bunten Stoffballen, wabernden Formen und Grundrissen hat der Berliner Künstler das Bild einer Stadt der Dritten Welt gezeichnet - ausufernd, chaotisch, farbig. Daneben hat Ackermann eine Synthetik- Palme gesetzt - Zeichen des Siegeszugs der Plastik-Moderne bis in den letzten Winkel dieser Welt.

Unordnung und Hemmungslosigkeit

"Ursprünglichkeit, zivilisatorische Unverdorbenheit, exotische, fremde Tier- und Pflanzenwelt - das ist ein europäisches Konstrukt", sagt Mitkurator Peter Junge vom Ethnologischen Museum in Berlin. Seit der Kolonialzeit ist üppig wuchernde Natur Metapher für Unordnung und Hemmungslosigkeit - "das ist ja auch, was Europäer am Urlaub an den Tropen reizt", fügt Alfons Hug hinzu. Der Leiter des Goethe-Instituts in Rio de Janeiro ist für die zeitgenössische Kunst der Schau verantwortlich. Die Tropen, sagt Hug, seien heute der Hort moderner Schreckensbilder: Waldrodung, Überschwemmungen, Korruption und Armut - vor allem mit der Ökobewegung sei die Mitte der Welt zum globalen "Elendsgebiet" degradiert worden.

Allerdings fehlt der Blick in das Herz der Finsternis nicht, wenn etwa der Vietnamese Din Q. Leh die Filmaufnahmen amerikanischer Hubschrauber im Krieg mit Bildern aus dem Hollywood-Streifen "Apocalypse Now" mischt.

Gigantische Fototapete

In der Gegenüberstellung von Bildern und Ikonen hinterfragt die Ausstellung virtuos unsere gängigen Bilder. Thomas Struth hat den Dschungel in Peru wie für eine gigantische Fototapete abgelichtet, der Brasilianer Caio Reisewitz zeigt in einem hyperrealistischen Gemälde einen Golfplatz auf einem Rodungsgelände im Amazonas-Gebiet - alles ist Oberfläche einer abweisenden Wand, die keinen Zutritt erlaubt. Dagegen stellen die Ausstellungsmacher die Mythenwelt der "Naturvölker", die mit ihren Fabelwesen die Naturgewalten in Alltag und Mythenwelt integrieren.

Wie es um die Tropen zur Stunde bestellt ist, zeigt der Brasilianer Roberto Cabot. Neun Webcams zeigen gleichzeitig das Leben rund um die Wendekreise 23,5 Grad Nord und 23,5 Grad Süd - trübe Ansichten zwischen Rio de Janeiro und Hongkong.