Der Tagesspiegel : Museum für Junge Kunst: Minimalistische Züge, leuchtende Farben

Andreas Hergeth

Das Museum Junge Kunst in Frankfurt (Oder) präsentiert erneut eine Auswahl seiner umfangreichen Bestände ostdeutscher Kunst aus den Jahren 1945 bis heute, die fast 700 Gemälde und über 300 Plastiken und Skulpturen umfasst. Schon im Frühjahr stellte das Haus an exemplarisch ausgewählten Arbeiten in der Ausstellung "Ohne Rabatt" unter Beweis, dass Kunst aus dem Osten Deutschlands von mehr als einer Handvoll Künstlern, die den Sprung in westdeutsche Sammlungen schafften, bestimmt wurde.

Die stilistischen Tendenzen und künstlerischen Handschriften sind vielfältig und der westdeutschen Kunstproduktion ebenbürtig. Ähnliches versucht die aktuelle Schau, zu der unter dem Motto "Konfrontation - Zerreißprobe" 57 Bilder und Grafiken sowie 47 Plastiken ausgewählt wurden. Aufmerksamen Besuchern wird auffallen, dass einige Arbeiten schon in der letzten Schau zu sehen waren, etwa die steinerne Figur "Idol" (1981/83) von Reinhard Buch, die keinen Arbeiter oder eine sozialistische Führerperson zeigt, sondern an eine indianische Gottheit erinnert. Arbeiterpathos findet sich indes mehr als genug im Bilderreigen, vor allem in den frühen Jahren der DDR. Willi Neubert hat 1964 im Stil des sozialistischen Realismus einen Arbeiter gemalt, der aber wieder Erwarten gar nicht arbeitet, sondern raucht. Natürlich hinterließ der Zweite Weltkrieg künstlerisch Spuren: Erich Gerlach, Jahrgang 1909, zeigt in seinem düsteren Bild "Das Alter begräbt die Jugend" (1946) wie alte Männer einen jungen toten Soldaten zu Grabe tragen. Auch Fritz Cremers "Freiheitskämpfer" aus dem gleichen Jahr kommt als Mahnung daher. Die Zukunft sollte im Osten eine sozialistische sein. Schon bald wurde das Kolorit heller, Kunstwerke strahlten Optimismus aus. Wilhelm Lachnit malte 1955 eine Mutter mit Kind in minimalistischen Zügen und leuchtenden Farben. Anders als klischeehafte Vorstellungen von DDR-Kunst kommt auch Werner Tübkes "Frauenkopf" (1967) daher. Er hat keine Arbeiterin auf die Leinwand gebannt, keine Sozialistin, die ihre Rollen perfekt meistert: Tübkes Frau blickt arrogant in die Ferne, so als ob sie von allen Anforderungen an die Frau in der DDR-Gesellschaft nichts wissen will.

Ähnlich gegen den Strich (offizieller Kunstauffassung) bürstete Doris Ziegler mit ihrem poetischen wie kritischen Bild "Musizierender Engel in Plagwitz" (1977). Die Leipzigerin hat eine Straße gemalt. Rechts Häuser aus der Gründerzeit, das eine ist Blau, das andere Rot, ein drittes Gelb. Links monoton und grau die Neubaublocks. Davor sitzt ein Engel mit schlappen Flügeln und Geige. Was für ein Lied er wohl spielt?

Die präsentierte Mischung von DDR-Kunstwerken zeigt, dass es beides gab: Künstler, die den Forderungskatalog des sozialistischen Realismus berücksichtigten, und eben jene, die Moderne und Nachmoderne zum Dialogpartner erkoren und auf staatliche Vorgaben pfiffen.

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