Der Tagesspiegel : Nabelschnur und Zeitgeist

Charité-Geburtshelfer Dudenhausen geht

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Dass ein Baby die Festreden mit Brabbellauten kommentierte, wirkte in diesem Fall sehr passend: Schließlich wurde am gestrigen Mittwoch in der Charité der Abschied des Gynäkologen und Geburtshelfers Joachim Dudenhausen begangen, der in den letzten vier Jahrzehnten Zigtausenden von Berlinern auf die Welt geholfen hat. An der Charité leitete er zuletzt die Geburtskliniken mehrerer Klinikstandorte, viele Jahre war er Mitglied des Fakultätsrats, von 2001 bis 2004 engagierte er sich als Dekan. „Unaufgeregt, souverän und mit großer Ruhe“ habe er alle Aufgaben wahrgenommen, attestierte ihm in ihrer Abschiedsrede Dekanin Annette Grüters-Kieslich.

Dudenhausen wurde 1943 in Westfalen geboren, seinen im Krieg gefallenen Vater durfte er nicht kennenlernen. Im Laufe seines Berufslebens hat Dudenhausen einige Trends und Moden erlebt. Als er begonnen habe, sei seine Disziplin eher eine „mechanistisch-operative Tätigkeit“ gewesen, die sich mehr der Mutter widmete als dem Kind, so berichtete er in seiner Vorlesung zum Thema „Geburtshelfer und Zeitgeist“. „Der große Wandel begann mit meinem Lehrer Erich Saling vom Krankenhaus Neukölln, der Mitte der 60er Jahre das Kind in den Mittelpunkt rückte“, sagte Dudenhausen.

Als Erfolg wertet Dudenhausen die Renaissance des Stillens seit Ende der 70er Jahre. Auch dass die Väter heute meist im Kreißsaal dabei sind, ist eine Entwicklung, die seinen Beifall findet, obwohl sich in den letzten Jahren erste kritische Stimmen meldeten. Problematischer ist in seinen Augen die Zunahme der Kaiserschnitte. Ob eine Schnittentbindung bei der Beckenendlage sicherer ist, darüber werde noch gestritten. Dudenhausen warnte, jedem Trend zu folgen und „das Kind mit dem Bade auszuschütten“. Ratsamer sei es, als Geburtshelfer den Zeitgeist selbst zu beeinflussen.

Ähnlich besonnen setzt er sich als Vorsitzender der Stiftung für das behinderte Kind dafür ein, dass die moderne Pränataldiagnostik nicht zu „reflexhaften Mechanismen des Denkens“ in Richtung Schwangerschaftsabbruch führt.

Als Präsident des 9. Weltkongresses für Perinatale (rund um die Geburt angesiedelte) Medizin zeigte Dudenhausen 2009 in Berlin, dass ihm der Zugang der Frauen zur Gesundheitsversorgung in allen Ländern der Welt ein besonderes Anliegen ist. Nun wird er mit seiner Frau nach New York ziehen. Er werde es dort nicht lang aushalten, vermutet die Dekanin Grüters-Kieslich. „Jeder Versuch, den Herausforderungen Berlins zu entkommen, war ja für ihn bislang zwecklos.“ Adelheid Müller-Lissner

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