Nach 1:1 gegen Polen : Noch ist Österreich nicht verloren

In der Nachspielzeit holt Österreich durch ein Elfmetertor gegen Polen den ersten Punkt bei dieser EM. Nun müssen die Österreicher am Montag gegen Deutschland unbedingt gewinnen. "Was gibt es Schöneres?", fragt Trainer Josef Hickersberger.

Sven Goldmann[Wien]
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Schock zum Schluss. Polens Torwart Boruc schaut dem Ball hinterher.Foto: AFP

In drei Monaten wird Ivica Vastic seinen 39. Geburtstag feiern, aber so wertvoll wie gestern Abend war er selten für seine Wahlheimat Österreich. In der Nachspielzeit eines dramatischen Spiels behielt der gebürtige Kroate, erst nach einer Stunde eingewechselt, die Nerven und verwandelte einen Foulelfmeter zum 1:1-Endstand gegen Polen. Dieses Remis am zweiten Spieltag der Vorrundengruppe B lässt den Österreichern nun die Chance, doch noch das EM-Viertelfinale zu erreichen. Voraussetzung dafür ist ein Sieg am Montag gegen Deutschland. Auch Polen könnte mit einem Sieg gegen Kroatien noch das Viertelfinale erreichen. Kroatien ist bereits qualifiziert. "Wir sind alle sehr glücklich", sagte Österreichs Trainer Josef Hickersberger. "Was gibt es Schöneres, als jetzt gegen Deutschland um den Einzug ins Viertelfinale zu spielen?"

Vor 51428 Zuschauer im Wiener Ernst-Happel-Stadion wäre um ein Haar ein gebürtiger Brasilianer der Held des Abends geworden. Roger Guerreiro, erst seit zwei Monaten polnischer Staatsbürger, hatte in der ersten Halbzeit die allerdings denkbar schmeichelhafte Führung für seine neue Heimat erzielt. Schmeichelhaft deshalb, weil sich die österreichische Mannschaft allein in der ersten Viertelstunde so viele Torchancen erspielt hatte, wie es zwei Stunden zuvor die deutsche Mannschaft im gesamten Spiel gegen Kroatien nicht geschafft hatte. In dieser Phase hielt allein Artur Boruc die Polen im Spiel. Der Ball wollte jedenfalls nicht über die Torlinie. Nicht, als Martin Harnik geistesgegenwärtig Marcin Wasilewskis leichtsinnigen Rückpass aufnahm, aber an Borucs Fuß scheiterte. Nicht, als abermals Harnik nach schönem Flankenlauf von Ümit Korkmaz zu Schuss kam, Boruc schon auf dem Boden lag und doch noch den Fuß an den Ball bekam. Und auch nicht, als Christoph Leitgeb die polnische Abseitsfalle überlistete und den Torhüter anschoss.

Die österreichischen Zuschauer waren begeistert vom Mut und Schwung ihrer Mannschaft. Aber auch ein wenig verzweifelt, denn so viele Torchancen in so kurzer Zeit vergibt man nicht ungestraft. Im Falle Österreich folgte die Bestrafung nach einer halben Stunde, als die Polen gerade dabei waren, sich aus ihren anfänglichen Verwirrungen zu erholen. Eusebiusz Smolarek, früher in Diensten von Borussia Dortmund, gelang ein hübscher Flankenwechsel auf Marek Saganowski, der Emanuel Pogatetz ausspielte, aufs Tor schießen wollte, dabei abrutschte und eher zufällig Roger Guerreiro fand. Der stand zu allem Unglück noch im Abseits, was zu noch größerem Unglück weder dem englischen Schiedsrichter Howard Webb noch dem Linienrichter auffiel. Die Österreicher waren so verdattert, dass sie nicht mal protestierten. Guerreiro führte an der Eckfahne ein Tänzchen auf und dankte mit erhobenen Händen dem Herrgott. Vielleicht aber auch Trainer Leo Beenhakker, der mit Nachdruck die Einbürgerung des Mittelfeldspielers von Legia Warschau betrieben hatte.

In der zweiten Halbzeit spielte Webb noch einmal Schicksal. Das war, als Andreas Ivanschitz aufs Tor zulief, der Pole Jacek Bak beide Arme um ihn legte, klammerte und zerrte, aber als der Österreicher dann stürzte, tat er das eine Spur zu spät und zu spektakulär, so dass der Elfmeterpfiff ausblieb. Verzweiflung machte sich breit im Happel-Stadion. Eine letzte Flanke flog in der Nachspielzeit in den polnischen Strafraum Lewandowski klammerte Prödl, und Webb pfiff sofort. Dann kam Ivica Vastic.