Der Tagesspiegel : Nach der Diagnose ist alles anders

Krebs ist in vielen Fällen heilbar, doch die Betroffenen leiden auch psychisch

Adelheid Müller-Lissner

Krebs: Jährlich wird diese Diagnose in Deutschland etwa 420 000-mal gestellt, so sagen die aktuellen Zahlen des Robert Koch Instituts. In Zukunft wird das noch häufiger der Fall sein – denn unsere Gesellschaft wird älter, und mit dem Alter steigt das Risiko, dass Reparaturmechanismen des Körpers versagen und sich veränderte Zellen ungehindert teilen und vermehren können.

Bessere Medikamente, Operationsmethoden und Bestrahlungsformen und nicht zuletzt die Möglichkeit, die Veränderungen früher aufzuspüren, haben dazu geführt, dass Krebs heute weit häufiger heilbar ist als noch vor wenigen Jahrzehnten – oder dass er zumindest längere Zeit aufgehalten werden kann. Das beste Beispiel kommt aus der Kinderheilkunde: Wenn ein Kind Leukämie hatte, dann ist es noch vor einem halben Jahrhundert fast immer an diesem Leiden gestorben. Heute überleben dank Chemotherapie mit Zellgiften und der Möglichkeit zur Knochenmarkstransplantation vier von fünf Kindern. Auch bei den häufigen Tumoren in der weiblichen Brust, der Prostata oder des Darms haben sich die Heilungschancen deutlich verbessert. Wo er nicht geheilt werden kann, kann der Krebs doch oft für längere Zeit in Schach gehalten werden.

Bei Lichte besehen verläuft ein Herzinfarkt also mit großer Wahrscheinlichkeit weitaus dramatischer: Mehr als die Hälfte der Betroffenen sterben daran. Trotzdem sind es die Krebserkrankungen, vor denen Menschen heute am meisten Angst haben. Bei einigen von ihnen, etwa beim häufigen Lungenkrebs oder beim weit selteneren Krebs der Bauchspeicheldrüse, stehen die Heilungschancen zum Zeitpunkt der Entdeckung tatsächlich immer noch schlecht.

Ganz anders bei dem Patienten, dessen Prostata-Karzinom so frühzeitig erkannt worden war, dass die Geschwulst mit großer Wahrscheinlichkeit mit ausreichendem Sicherheitsabstand bei der Operation ganz entfernt werden konnte. Die Chancen, dass er geheilt war, standen gut. Doch er war an seiner Seele krank geworden. „Der Patient konnte sich nicht von dem Gedanken lösen, dass er an dieser Krankheit qualvoll sterben werde“, berichtet der Arzt, Psychotherapeut und Psychosomatik-Spezialist Wolfgang Hagemann von der Röher Parkklinik in Eschweiler. Das tragische Ende: Auch eine Psychotherapie konnte dem Mann nicht helfen. Er hat sich schließlich das Leben genommen. Hagemann hat in seiner Klinik immer wieder mit Patienten zu tun, die mit der Diagnose Krebs nicht fertig werden. Das hat sicher mit den Assoziationen zu tun, die der Begriff fast automatisch auslöst. „Dass Krebs und Krebs nicht dasselbe ist, ist bei vielen Menschen noch nicht angekommen“, sagt Hagemann.

Nach Ansicht des Psychosomatikers, der vor einigen Jahren den Ratgeber „Nach der Krebsdiagnose“ verfasste, geht das Problem jedoch tiefer. Viele Krebsformen schlummern für Jahre, dann kommt es zu einem Rückfall an derselben Stelle oder zur Bildung von Tochtergeschwulsten an anderen Stellen des Körpers. Manche Tumore können mit neuartigen Medikamenten, die dem Krebs etwa die Blutzufuhr abschneiden, gewissermaßen ausgetrocknet werden. Damit der Tumor nicht wieder wächst, ist es jedoch nötig, die Mittel auf Dauer einzunehmen. Krebs ist hier zu einer chronischen Krankheit geworden, mit der man sich für längere Zeit „einrichten“ kann und muss. Das bedeutet aber auch, dass die Betroffenen und ihre Angehörigen sich chronisch mit der Bedrohung arrangieren müssen. „Die meisten Menschen sind heute nicht darauf vorbereitet, sich mit der Endlichkeit ihres Lebens auseinanderzusetzen, weil der Tod heute weit weniger gegenwärtig ist als in früheren Jahrhunderten“, sagt Hagemann. Überbringer der schlechten Nachricht ist meist ein Arzt. „Seine Aufgabe ist es, genau darauf zu achten, wie dieser individuelle Mensch diese Nachricht aufnimmt. Wir müssen dem Patienten dabei auch zugestehen, dass er die Diagnose zunächst nicht wahrhaben will.“ Voraussetzung ist hohe emotionale Präsenz, aber auch ausreichend Zeit für wiederholte Gespräche. An der allerdings fehlt es in Krankenhäusern und Arztpraxen notorisch.

Auch wenn die ärztliche und pflegerische Betreuung optimal ist, müssen der Betroffene und seine Angehörigen während und nach der Behandlung nach den Quellen suchen, aus denen sie ganz persönlich Kraft schöpfen können. „Das können vertraute Menschen sein, aber auch religiöse Bindungen spielen eine Rolle“, sagt Hagemann. Wer lange Zeit nicht zur Ruhe findet, nicht schlafen und die Gedanken nicht hindern kann, sich im Kreis zu drehen, sollte nach seiner Ansicht psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. „Wir können natürlich keinem Menschen die Diagnose nehmen, aber wir können versuchen, ihm die Erstarrung zu nehmen, die ihr manchmal folgt.“

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