Der Tagesspiegel : Nach der Flut: In den Havel-Poldern ersticken die Fische Auf überschwemmten Feldern fault Getreide und nimmt Tieren den Sauerstoff. Umweltexperte rügt die Bauern

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Von Claus-Dieter Steyer

Strodehne. Im nordwestlichen Havelland hat das große Fischsterben begonnen. Forellen, Lachse, Karpfen und teilweise auch Zander und Aale haben nicht mehr genug Sauerstoff zum Atmen. Sie ersticken und treiben ziemlich übel riechend ans Ufer sowie an den Rand der seit fast drei Wochen überfluteten Felder, Wiesen und Weiden. Viele der Tiere lebten bis Mitte August gar nicht in der Havel, sondern in der Elbe, die bis zur Flut Badewasserqualität aufwies. Erst das Hochwasser hat die Fische in das große Gebiet zwischen Havelberg und Rathenow gespült, wo sie jetzt verenden.

Ein Knopfdruck hatte in den Abendstunden des 20. August das Wehr zwischen der Elbe und der Havel in der Nähe des kleinen Ortes Quitzöbel geöffnet. Drei Tage lang schossen 600 Kubikmeter Wasser aus der Elbe pro Sekunde in die Havel. An mehreren Stellen wurden Deiche entlang der Havel gesprengt, damit sich die Flut ungehindert in das riesige Gebiet ausdehnen konnte. In kurzer Zeit wurden 11 500 Hektar Fläche von der dunkelbraunen Brühe der Elbe und dem Havelwasser überflutet. Menschen kamen nicht zu Schaden, von einigen voll gelaufenen Kellern und überschwemmten Gärten durch aufsteigendes Grundwasser einmal abgesehen. Die Öffnung des Wehres dürfte die Stadt vor einer Katastrophe bewahrt haben. Wann die zerstörten Dämme wieder aufgebaut werden, ist bisher nicht bekannt.

Die in die so genannten Polder gespülten Fische haben nur wenig Überlebenschancen. „Im Wasser zersetzt sich die Biomasse von den Feldern, also vor allem Mais und Saatgras“, erklärt Professor Matthias Freude, Präsident des Brandenburger Landesumweltamtes. „Bei diesem Faulungsprozess wird viel Sauerstoff verbraucht, der den Fischen am Ende fehlt.“ Derzeit betrage der Sauerstoffgehalt im nordwestlichen Havelland nur drei Milligramm pro Liter Wasser. In Berlin liege er zwischen acht und zwölf Milligramm. „Deshalb müssen uns jetzt die Nachbarn helfen und die Wehre öffnen, damit mehr Havelwasser flussabwärts fließt.“ Vor allem nachts und am frühen Morgen, wenn die Algen keinen Sauerstoff produzieren, leiden die Fische. Karpfen und verwandte Arten schwimmen dann bis an die Oberfläche, um Luft zu schnappen. Am widerstandsfähigsten zeigt sich nach Meinung der Experten noch der Aal. Er legt seine Eier ohnehin im sauerstoffarmen Schlamm am Boden ab.

In drei bis vier Wochen werden die Wassermassen aus dem überfluteten Nordwesthavelland zurück in die Elbe abgelaufen oder versickert sein. Erst dann zeigt sich das ganze Ausmaß des Fischsterbens, dessen Geruch dann nicht mehr zu ignorieren sein wird. „Die jetzt unter Wasser stehenden Flächen wurden schon vor 30 Jahren als potenzielle Überschwemmungsflächen ausgewiesen“, sagt der Landesumweltchef. „Hätten die Bauern auf den Anbau von Mais oder anderen hochwertigen Kulturen verzichtet, wären die Folgen jetzt bestimmt nicht so schwer.“ Futtergras habe bekanntlich weniger Biomasse.

Bei allen betrüblichen Nachrichten aus dem Havelgebiet gibt es aber auch Positives: So machen Angler an der weiter nördlich gelegenen Stepenitz bei Perleberg jetzt besondere Fänge. Sie stoßen auf bis zu 60 Zentimeter lange und drei Kilogramm schwere Meerforellen, die seit mehr als 100 Jahren in der Prignitz als ausgestorben galten. Durch die während des Hochwassers geöffneten Wehre wanderten sie in den Nebenfluss der Elbe. Die Fische wurden allerdings sofort wieder in die Freiheit entlassen.

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