Nahverkehr : Die Straßenbahn kommt zurück

Weltweit werden immer mehr Trams in Betrieb genommen. Davon profitieren deutsche Hersteller.

Oliver Voss
Comeback der Tram:
Comeback der Tram: Ein Entwurf von Alstom für eine Bahn in Reims.Simulation: Alstom

Die gute alte Straßenbahn ist gefragt wie nie. Vor wenigen Tagen hat die Ferieninsel Teneriffa eine neue Linie bekommen, 170 000 Passagiere fuhren allein am ersten Wochenende mit. Kurz zuvor hatte in Berlin die neue M2 ihren Betrieb aufgenommen, ebenfalls im Mai weihte Madrid eine Tramlinie ein – die erste seit 35 Jahren. Die Bahn erlebt weltweit ein Comeback. Ob Sydney, Istanbul, Athen oder Los Angeles – überall wurden in den vergangenen Jahren Straßenbahnen gebaut. In etwa 400 Städten gibt es bereits Straßenbahnverbindungen. Weitere 250 Systeme werden derzeit gebaut oder geplant, schätzt der internationale Verband für öffentliches Verkehrswesen (UITP).

Auch in Deutschland wurden vielerorts neue Schienen verlegt. Heilbronn, Oberhausen oder Saarbrücken führten die Straßenbahn wieder ein. „In vielen anderen Städten sind die Netze gewachsen“, sagt Georg Drechsler, Direktor des Bereichs Straßenbahnen bei der UITP. Die meisten neuen Netze gibt es in Frankreich, fast 50 wurden hier in den letzten 15 Jahren gebaut. Kurz vor Weihnachten kam auch Paris hinzu, mit großem Pomp wurde die erste Tram seit 60 Jahren gefeiert. „Auch die USA und Kanada erleben eine Renaissance der Straßenbahn“, sagt Joachim Stark, Sprecher von Siemens Transportation. Das Unternehmen hat Bahnen nach Houston geliefert und auch nach Edmonton. Die kanadische Stadt war eine der ersten, die Mitte der 80er Jahre wieder auf die Straßenbahn setzte. „In den 70ern war die Bahn auf das Abstellgleis geraten“, sagt Stark. Die Trams wurden durch Busse ersetzt, zudem wurden viele Metros gebaut.

Doch das war gestern. Denn der Bau von U-Bahnen ist teuer. Und verglichen mit den Bussen sind die Straßenbahnen moderner und effizienter. „Die Straßenbahn braucht pro Personenkilometer nur ein Viertel der Energie“, sagt Markus Hecht, Leiter des Fachgebiets Schienenfahrzeuge an der TU Berlin. Zudem kann sie drei- bis viermal so viele Personen befördern wie ein Bus. Und: Sie bläst keine schädlichen Abgase in die Luft. Das macht sie zum Lieblingsgefährt von Ökos und Klimaschützern. In Amsterdam wurde im März sogar der Gütertransport getestet, nächstes Jahr sollen dort bis zu 50 Cargotrams fahren. Auch Zürich und Wien experimentieren mit Güterstraßenbahnen.

Von dem Boom profitiert auch die deutsche Wirtschaft. „Deutschland ist eine weltweite Ideenschmiede für Straßenbahnen“, sagt Wissenschaftler Hecht. Siemens, Bombardier und Alstom teilen sich drei Viertel des Weltmarktes. Sie alle produzieren auch in Deutschland. Bombardier aus Kanada baut Bahnen in Hennigsdorf und Bautzen, der französische Alstom-Konzern in Salzgitter.

Dazu kommen neue Wettbewerber: Die Firma Fahrzeugtechnik Dessau baut für Linz erstmals Straßenbahnen. Stadler Deutschland produziert seit einigen Jahren erfolgreich in Berlin-Pankow. Die Tochter des Schweizer Zugherstellers Stadler übernahm das Werk von Adtranz mit 200 Mitarbeitern, inzwischen wurde die Zahl fast verdreifacht. „Vorige Woche haben wir einen neuen Auftrag aus Bergen bekommen“, sagt Geschäftsführer Thomas Clasen. Zwölf Bahnen sollen in die norwegische Stadt geliefert werden. Erst im April war aus Lyon eine Bestellung im Wert von 25 Millionen Euro eingegangen. „Ich denke, das Geschäft wird international weiter deutlich anziehen“, sagt Clasen. Nur Siemens profitiert zurzeit nicht. Der größte deutsche Hersteller ist mit der Sanierung seiner Baureihe „Combino“ beschäftigt. Vor drei Jahren mussten 475 Straßenbahnen wegen möglicher Materialschäden zurückgerufen werden. Etwa 400 Millionen Euro kostet die Aktion den Konzern.

Dabei war Siemens Pionier auf dem Gebiet. Das deutsche Unternehmen hat die erste elektrische Straßenbahn der Welt gebaut, sie fuhr 1881 in Berlin-Lichterfelde. Bis 1930 wurde das Netz in Berlin auf 630 Kilometer ausgebaut, mehr als dreimal so viel wie heute. Im Westteil der Stadt wurden die Linien bis zum Jahr 1967 peu à peu stillgelegt, während die Tram im Osten eines der Hauptverkehrsmittel blieb. Nach der Wende wurde das Netz erweitert, unter anderem mit den Linien zum Virchow-Klinikum im Wedding und zum Nordbahnhof. Bis zum Jahr 2011 soll auch der Hauptbahnhof ans Tramnetz angeschlossen werden. In der langfristigen Planung steht auch eine Strecke zum Potsdamer Platz oder über die Oberbaumbrücke, wo vor Jahren sogar schon die Schienen verlegt wurden. Doch die Finanzierung ist derzeit unklar.