Nationalmannschaft : "Reifer" Löw: Der andere Klinsmann

Er ist Reformer statt Revolutionär. 15 Monate nach seinem Amtsantritt als Bundestrainer ist Löw in aller Munde. Und eventuell auf dem Weg zum neuen Liebling.

Jens Mende,Klaus Bergmann
Joachim Löw
Joachim Löw ist noch lange nicht am Ziel. -Foto: dpa

MünchenDer Mann aus Schönau im Schwarzwald ist auf dem besten Wege, die neue Vorzeige-Figur des deutschen Fußballs zu werden. Dabei kann Joachim Löw, von allen nur "Jogi" genannt, weder auf eine Aura wie "Kaiser" Franz Beckenbauer noch auf einen Volkshelden-Status wie Rudi Völler oder auf 108 Länderspiele wie der streitbare Jürgen Klinsmann verweisen. Er hat die Fußball-Nationalmannschaft, noch immer der Deutschen liebstes Kind, von Erfolg zu Erfolg geführt und dabei die Fans überzeugt. Und das mit einer charmanten Art: "Er ist einer, der auch andere Menschen in den Arm nimmt", beschreibt Teammanager Oliver Bierhoff das Wesen des Menschen Joachim Löw.

Revolutionär Klinsmann hatte den deutschen Fußball vor drei Jahren mit heiß diskutierten Methoden wieder wachgeküsst - Reformer Löw hat das Pflänzchen mit einem leiseren Stil weiter gehegt und gepflegt. Vielleicht kann es im Sommer 2008 sogar das schönste in ganz Europa sein. Früher war es ein "Skandal", als Klinsmann Fitmacher aus den USA importierte oder einen Spiel-Analysten aus der Schweiz holte. Heute ist es normal und unumstritten, wenn Löw die Spieler in Handbücher schreiben oder mit Gummibändern trainieren lässt.

Erklärer der Viererkette

Dabei war der "nette Herr Löw", wie er als Co-Trainer von Klinsmann oft bezeichnet wurde, schon an den ersten Umwälzungen stark beteiligt. "Er ist kein klassischer Assistent", sagte Klinsmann, der Löw im Sommer 2004 vor allem verpflichtet hatte, weil der ihm bei einem Trainerlehrgang die Viererkette "so gut wie kein anderer" erklären konnte.

Das allerdings ist nur eine stark verkürzte Darstellung. Löw ist ein akribischer und konzentrierter Team-Arbeiter, ein prinzipientreuer Mensch, ein verbindlicher Partner und ein "Herzensmensch, der aber auch weiß, dass er Entscheidungen treffen muss", wie Bierhoff sagte. An die Skepsis bei den Bossen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) kann sich der Manager noch gut erinnern, als Klinsmann nach dem WM-"Sommermärchen" 2006 seinen Abschied mit der Forderung nach Löws Beförderung verbunden hatte. "Der DFB war immer große Namen wie Beckenbauer, Völler oder Klinsmann als Bundestrainer oder Teamchef gewohnt", berichtete Bierhoff. Inzwischen hat Löw alle Vorbehalte beseitigt, kann selbst bestimmen, zu welchen Bedingungen er seine Arbeit bis zur WM 2010 fortsetzt.

Raus "aus der Vereinsmühle"

"Wenn ich zurückdenke an meine Anfänge, dann merke ich schon, dass ich weiter bin, reifer", bestätigte Löw in der "Süddeutschen Zeitung" die persönliche Entwicklung. Er könne schneller Lösungen finden, das Spiel besser lesen, Zusammenhänge besser erkennen, erzählte der 47-Jährige. Dass er nach seinen vielen Jahren als Clubtrainer einmal herausgekommen sei "aus der Vereinsmühle, in der man keine Zeit hat, Ideen zu entwickeln", sei entscheidend gewesen. "Dass er sich auch selbst ständig hinterfragt, gehört zu seinem Erfolgsgeheimnis", ergänzte der einstige DFB-Kapitän Bierhoff.

Nicht nur der Boulevard hat in Löw eine neue schillernde Figur erkannt, der einstige Bundesliga-Kicker und Clubtrainer (unter anderem VfB Stuttgart, Fenerbahce Istanbul und FC Tirol Innsbruck) wird von der Öffentlichkeit völlig anders wahrgenommen. Plötzlich wird über seine edlen Schals ebenso diskutiert wie über sein Silberamulett, seine Extrem-Hobbys (hat schon den Kilimandscharo bestiegen und liebt die Fliegerei) oder sein großes Herz. In diesem Sommer tauchten in bunten Blättern plötzlich sogar Fotos vom rauchenden Urlauber Löw am Strand von Sardinien auf. Dabei hatte der modebewusste Trainer schon bei der WM 2006 das Outfit des Duos Klinsmann/Löw bestimmt, trank immer schon gerne Espresso und hatte als Co-Trainer schon während der WM die taktischen Einweisungen gegeben. Und die SOS-Kinderdörfer unterstützt Löw ebenfalls schon seit langem.

Der Erfolg und die Art seiner Arbeit haben den besonderen Typ Löw bekannt und begehrt gemacht. Doch der Bundestrainer verzichtet auf Ausbrüche aus seiner bisherigen Welt, zumal er weiß, dass mit der EM-Endrunde im kommenden Sommer in der Schweiz und Österreich der erste große Erfolgstest noch aussteht. "Jeder sollte da bleiben, wo er hingehört. Ich möchte glaubwürdig bleiben", begründete Löw etwa seine Abstinenz von politischen Talkshows oder Prominenten-Empfängen. Seine Frau Daniela, mit der er seit über 20 Jahren verheiratet ist, hält er ganz aus der Öffentlichkeit heraus. "Er hat seine Linie, von der er nicht abgeht - und das auf ganz umgängliche Art", sagte Bierhoff. (mit dpa)