Nationalpark Unteres Odertal : Nicht wild genug

Der Nationalpark Unteres Odertal verfügt laut Expertenbericht über zu wenig Schutzfläche und Personal. Als „gute Erfolge“ wird die inzwischen „eine steigende Akzeptanz“ in der Region gewürdigt.

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Der Sonne entgegen. Die einzigartige Auenlandschaft Unteres Odertal erhielt 1995 den Schutzstatus. Seitdem gilt das Gebiet als Brandenburgs einziger Nationalpark.
Der Sonne entgegen. Die einzigartige Auenlandschaft Unteres Odertal erhielt 1995 den Schutzstatus. Seitdem gilt das Gebiet als...Foto: dpa

Potsdam Das Untere Odertal, einziger Nationalpark in Brandenburg, wird dem Titel offenbar nicht gerecht. Obwohl die einzigartige Auenlandschaft bereits seit 1995 den höchsten Schutzstatus genießt und schon unter dem früheren Umweltminister und heutigen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) als Vorbild künftiger Naturschutzpolitik galt, kommt eine Expertenkommission nun zum eindeutigen Fazit: „Gemessen an den Qualitätsstandards für Nationalparks in Deutschland ist der Nationalpark Unteres Odertal noch weit von einem entsprechenden Zustand entfernt.“ Der 50-seitige Evaluierungsbericht, eine Art Tüv für Nationalparks, benennt die Defizite: Es gibt zu wenig Personal (nur zehn Ranger), viel zu wenige Wildnisflächen und außerdem ein Kompetenzwirrwar.

Gleichwohl würdigt die Kommission unter Vorsitz von Karl Friedrich Sinner, selbst Chef des Nationalparks Bayerischer Wald, auch „gute Erfolge“: So sei inzwischen „eine steigende Akzeptanz“ in der Region erreicht worden. Nach der Gründung hatte es jahrelang erbitterte Auseinandersetzungen mit Landwirten, Fischern und der Wirtschaft um Naturschutzrestriktionen gegeben.

Die Hälfte der Flächen müssten Totalreservat sein. Doch es sind nur 22 Prozent.

Nationalpark kann nur ein Gebiet sein, in dem mindestens 50 Prozent Totalreservat sind, wo die Natur sich selbst überlassen bleibt. Im Unteren Odertal sind erst 2248 Hektar Wildnis (21,8 Prozent) bei einer Gesamtfläche von 10322 Hektar. Allerdings zeigten sich Umweltministerin Anita Tack (Linke) und Nationalparkchef Dirk Treichel zuversichtlich, dass bis 2013 diese zentrale Vorgabe erfüllt wird, da bis dahin ein groß angelegtes „Flurneuordnungsverfahren“ läuft, ein sonst eher beim Bau von Autobahnen üblicher geordneter Flächentausch.

Die Kommission ist skeptisch. Sie befürchtet, dass der hohe Anteil an Privatflächen (18 Prozent) das 50-Prozent-Ziel „gefährdet“. Sorgen bereitet ihr der für Außenstehende nur schwer nachvollziehbare Dauerkonflikt zwischen dem Land und dem Verein der Freunde des Unteren Odertals, dem 3000 Hektar Flächen im Nationalpark gehören. Gestritten wird seit Jahren um Naturschutzziele, Pachtverträge und die Abrechnung von Fördermitteln, die der Verein von 1992 bis 2000 vom Bund bekam. Es laufen deshalb mehrere Prozesse. Der Konflikt sei „kontraproduktiv“, „beeinträchtige erheblich“ die Außendarstellung, trage zu einem „desaströsen“ Bild von Naturschutz bei, binde die ohnehin „äußerst knappen“ Ressourcen der Verwaltung, heißt es im Bericht. Sinner warf dem Verein fehlende Gesprächsbereitschaft und ein „verstörendes“ Abrücken vom Nationalpark-Ziel vor, da dieser inzwischen vor allem naturschutzverträgliche Landwirtschaft wolle. Als „Unfug“ wies das Vereinschef Thomas Berg zurück. „80 Prozent der Totalreservate sind unsere Flächen“, sagte er. „Das Land Brandenburg könnte auf seinen Flächen längst anfangen.“ Manche Probleme hätte man längst gemeinsam anpacken können.

Erste Konsequenzen hat Tack aus dem Bericht gezogen. Die Nationalparkverwaltung, noch nachgeordnet und befugnisarm, wird als eigenes Amt direkt dem Ministerium unterstellt. Und „schrittweise“ soll es mehr Personal geben.

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