Nationalpark Unteres Odertal : Wo ist die Wildnis?

15 Jahre nach Gründung des Nationalparks Unteres Odertal sind erst 18 Prozent der Gesamtfläche Wildniszone. Für internationale Anerkennung müsste sich die Natur aber auf 75 Prozent des gesamten Areals ohne menschlichen Einfluss entfalten können.

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Naturreservat. Wasserbüffel grasen auf einer Weide bei Gartz. Der Nationalpark Unteres Odertal ist inzwischen 15 Jahre alt. Doch die Natur wird noch lange brauchen, bis das Schutzgebiet sich zur Wildnis entwickelt hat. Foto: dapd/Michael Urban
Naturreservat. Wasserbüffel grasen auf einer Weide bei Gartz. Der Nationalpark Unteres Odertal ist inzwischen 15 Jahre alt. Doch...Foto: dapd

Wenn Touristen vom Deich in den Nationalpark Unteres Odertal blicken, reagieren sie häufig enttäuscht. „Wo ist denn die versprochene Wildnis? Hier wird doch Landwirtschaft genauso intensiv betrieben wie auch anderswo“, heißt es dann beim Blick auf die Strohballen, grasenden Rinder, Schafe oder sogar Wasserbüffel, die Felder und die breiten Wege. Auch Traktoren sowie Fischer und Angler stören das erhoffte Bild einer ganz urwüchsigen Natur, wie sie etwa die Nationalparke Bayerischer Wald oder Müritz bieten. „Wir haben eben noch einen langen Weg vor uns“, räumt denn auch der Leiter des 10 300 Hektar großen Naturschutzgebietes, Dirk Treichel, ein. „Erst vor 15 Jahren begann hier unsere Arbeit, während die Kollegen im Bayerischen Wald ihre Perle schon seit 40 Jahren pflegen.“ Aber er gibt sich zuversichtlich, dass sich auch in dem 60 Kilometer langen und etwa 15 Kilometer breiten Landstrich zwischen Hohensaaten und der Grenze zu Polen kurz vor Stettin Anspruch und Wirklichkeit näher kommen.

Seine Zahlen illustrieren die Aufgabe: Derzeit gehören erst 18 Prozent der Gesamtfläche zur Wildniszone. Das 1996 vom Landtag beschlossene Nationalparkgesetz sah die Ausweisung von mindestens der Hälfte vor. „Das wollen wir bis 2014 erreichen“, sagt Dirk Treichel. Um aber die internationale Anerkennung zu erlangen, müsste sich sogar auf 75 Prozent der Fläche die Natur ohne Einfluss des Menschen entwickeln können.

Das ist leichter gesagt als getan. Denn das regelmäßig von der Oder überschwemmte Land ist sehr fruchtbar. Bauern geben ihre Felder in der Regel nur im Austausch gegen gleichwertige Flächen außerhalb des Schutzgebietes oder nach einem lukrativen finanziellen Ausgleich auf. Das kostet viel Geduld und Zeit und stößt vielerorts auf Widerstand. „Wir begrüßen zwar inzwischen die Nationalparkidee“, meint der Bürgermeister des Dorfes Schönberg, Manfred Schröder. „Aber wenn keine Landwirtschaft mehr stattfindet, entgeht uns die Gewerbesteuer. Außerdem ernährt der zaghafte Tourismus nicht die Leute, die hier wohnen.“

Auch anderswo wächst die Sorge vor den Folgen einer Vertreibung der Bauern. Das zeigte sich beim diesjährigen Oderhochwasser, als große Polderflächen hinter dem Deich vorsorglich geflutet wurden. Die Flut vertrieb die Seggenrohrsänger und die Wachtelkönige auf andere Flächen, die auf Bitten der Naturschützer nicht abgeerntet wurden. Die Bauern erhielten dafür zwar eine Entschädigung, aber der Stopp der Erntemaschinen widersprach ihrer Berufsehre. Sie fuhren mitunter voller Bitternis an den erntereifen Feldern vorbei, hieß es in den Dörfern.

Doch während sich der Nationalparkchef mit den Bauern in den meisten Fällen noch einigen kann, sieht es mit dem größten Flächeneigentümer schon ganz anders aus. 30 Prozent des Areals gehören dem „Verein der Freunde des deutsch-polnischen Internationalparks Odertal“. Der war Anfang der neunziger Jahre bewusst als nichtstaatliche Organisation ins Leben gerufen worden. Längst gilt diese Konstruktion als Geburtsfehler des Nationalparks, weil der Verein seine Ideen von einem totalen Naturschutz oft ohne Rücksicht auf die Bewohner durchsetzen wollte – bis vor Gericht. Auch künftig dürfte sich zwischen den beiden Kontrahenten keine Freundschaft einstellen. Zum Festkolloquium „15 Jahre Nationalpark“ kamen zwar rund 150 Touristiker, Bauern und Wissenschaftler, aber kein einziger Vertreter des Fördervereins.

Das Land will sich in diesen einzigartigen Streit nicht direkt einschalten. „Wir hoffen irgendwann auf eine gütliche Einigung“, sagte die zuständige Ministerin Anita Tack (Die Linke). So lange kommt auch die gewünschte Wildnis nur ganz langsam voran.
Weitere Informationen unter www.nationalpark-unteres-odertal.eu

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