Nationalspieler Odonkor : Verloren in Spanien

David Odonkor war kurz ein Held, nach der WM tauchte er in Sevilla ab. Er sagt: „Da muss ich durch“.

David Odonkor:
David Odonkor: Wegen einer Knieoperation fiel er ein halbes Jahr aus.Foto: dpa

Vor einer Woche, als die Nationalmannschaft gegen San Marino spielte und es kurz vor Halbzeit noch 0:0 stand, haben viele gedacht: Jetzt müsste man einen wie den Odonkor einwechseln! Wie damals bei der WM gegen Polen, als Sie in der letzten Minute das Siegtor vorbereitet haben.

Ja, aber David Odonkor ist weit weg in Spanien, er war ein halbes Jahr lang verletzt und kann der Nationalmannschaft zurzeit leider nicht helfen.

Sie stehen für das flüchtige Glück eines Sommers. Vor der WM kannte Sie kaum einer, dann waren Sie für ein paar Wochen ein Held, vor allem nach dem Polen-Spiel. Jetzt ist es wieder ruhig um Sie geworden.

Was heißt schon Held, ich bin ein ganz normaler Fußballspieler. Die WM war eine Riesensache, aber sie ist vorbei.

Seit dem vergangenen Sommer ist viel passiert. Sie sind aus Dortmund nach Spanien gewechselt, hatten eine schwere Knieverletzung, spielen jetzt mit Betis Sevilla gegen den Abstieg. Muss man die Tiefen kennen lernen, um die Höhen zu schätzen?

Ich sehe meine Zeit in Sevilla nicht als Tief. Ich habe ein neues Land kennengelernt und mich als Mensch weiterentwickelt. Bisher klappt doch alles sehr gut.

Bis auf den Fußball.

Wissen Sie, ich telefoniere öfter mit Oliver Bierhoff …

… dem Manager der Nationalelf …

… der hat auch lange Zeit im Ausland gespielt und mir gesagt, dass das erste Jahr immer das schlimmste ist. So sehe ich das auch. Im nächsten Jahr werde ich wieder voll angreifen. Ich beiße mich da durch. Ich habe vier Jahre Vertrag bei Betis. Da muss ich jetzt durch.

Werden Sie in Sevilla auf der Straße erkannt? Geben Sie viele Autogramme?

Manchmal schon. Es kommen auch ziemlich viele Deutsche zu uns ins Stadion, und Fanpost bekomme ich auch. Keine Angst, man hat mich nicht vergessen.

Sie sind nicht der einzige deutsche Profi, der in dieser Saison nach Sevilla gewechselt ist. Der frühere Stuttgarter Andreas Hinkel spielt beim Lokalrivalen FC Sevilla.

Wir waren zweimal einen Kaffee trinken, mehr Kontakt haben wir nicht. Er spielt beim FC, und das ist der Feind!

So wie Schalke für einen Dortmunder?

Viel schlimmer. Nichts gegen Hinkel, aber er spielt beim falschen Verein.

Dafür, dass Sie erst elf Spiele für Betis gemacht haben, identifizieren sie sich erstaunlich stark mit dem Klub.

Betis ist ein ganz besonderer Verein mit großer Tradition und fantastischen Fans, die geben ihr letztes Hemd für uns.

Wie ist das Leben in Sevilla?

Davon bekomme ich nicht so viel mit. Ich gehe nicht so oft aus, die Stadt ist oft überfüllt, wenn du mit dem Auto ins Zentrum willst, stehst du eine halbe Stunde im Stau. Das tue ich mir nicht an.

Sprechen Sie Spanisch?

Ein bisschen. Meine Kollegen sprechen glücklicherweise alle Englisch. Auf dem Platz komme ich schon zurecht.

Und im Privatleben? Haben Sie Anschluss zu spanischen Freunden gefunden?

Nein. Ich bin hier allein mit meiner Frau, wir wohnen ein bisschen außerhalb. Das ist schon hart, aber da müssen wir durch.

Gefällt es Ihrer Frau?

Sie muss sich auch erst an diese Situation gewöhnen. Meine Frau fährt schon öfter mal nach Hause, wenn wir für ein paar Tage ins Trainingslager müssen. Ich sehe auch zu, dass ich hin und wieder nach Deutschland fliege, zum Beispiel, wenn wir samstags spielen und erst am Montag wieder trainieren. Wenn ich einen Direktflug bekomme, lohnt sich das auch für einen Tag.

Das klingt nach Heimweh.

Lassen Sie es mich positiv ausdrücken: Deutschland fehlt mir einfach. Wenn man mal in einem anderen Land lebt, also richtig lebt und nicht nur Urlaub macht, dann merkt man, was für einen Luxus Deutschland einem bietet. Da hast du deine Freunde und Bekannten, du sprichst die Sprache und weißt, wo du hingehen musst. Es ist alles wie selbstverständlich da. Das fehlt mir in Sevilla schon.

Haben Sie die Bundesliga noch im Blick?

Wir empfangen deutsches Fernsehen, ich habe Arena abonniert. Sonntags kann ich sogar zwei spanische Spiele sehen.

Die laufen auch im spanischen Fernsehen.

Das gucke ich eher selten.

Was war denn der schönste Moment als Fußballprofi in der Primera Division?

Ich war so lange verletzt, da gab es nicht so viele schöne Momente. Lassen Sie mich überlegen: Das 2:0 gegen Huelva

... als Sie von der Fachzeitung Marca zum besten Spieler gewählt wurden.

Oder das Spiel gegen Getafe, den Verein von Bernd Schuster, als die Fans meinen Namen skandiert haben, das war schon toll. Ansonsten war die Saison sportlich eine Katastrophe für uns. Wir wollten unter die ersten acht, neun kommen. Jetzt spielen wir gegen den Abstieg. Noch haben wir vier Punkte Vorsprung. Am Samstag spielen wir gegen Osasuna, wenn wir da verlieren, dann wird es am letzten Spieltag gegen Racing Santander ganz eng.

Gab es Phasen, in denen Sie sich gefragt haben, ob der Wechsel richtig war?

Ja, die gab es.

Und wie haben Sie diese Frage für sich beantwortet?

Natürlich war der Wechsel richtig! Ich wurde super aufgenommen und durfte nach einer Woche Mannschaftstraining schon zum ersten Mal spielen. Ich habe sofort gespürt, dass man mir vertraut.

Anders als in Dortmund

Nach der WM war ich in Dortmund nicht mehr erwünscht. Der damalige Trainer Bert van Marwijk hatte im Training immer seine drei, vier Spieler, die er fertiggemacht hat. Einer davon war ich.

Dortmund schwebte lange in Abstiegsgefahr. Haben Sie sich manchmal gedacht: Geschieht denen ganz recht, was schicken die mich auch weg?

Um Himmels willen, was denken Sie, das ist doch mein Verein! Ich habe mit der Borussia vor dem Fernseher gezittert und gejubelt, als der Klassenerhalt perfekt war. Ich telefoniere immer noch regelmäßig mit Marc-André Kruska, Markus Brzenska und Nuri Sahin.

Ruft Bundestrainer Joachim Löw auch mal an?

Wir haben regelmäßigen Kontakt.

Das nächste Länderspiel findet Mitte August in Wembley gegen England statt.

Was wollen Sie jetzt von mir hören? Natürlich möchte ich gern dabei sein. Ich bin fit und bei ungefähr 80 Prozent meines Leistungsvermögens. Im August will ich bei 100 Prozent sein.

Das Gespräch führte Sven Goldmann.