Natur : Wenn die Kraniche ziehen

Mehr als 80.000 der scheuen Vögel machen auf ihrem Weg nach Süden in Brandenburg Rast. Sie fliegen später in wärmere Gefilde nach Südfrankreich, Spanien und Nordafrika und läuten so das Ende des Herbstes ein.

Claus-Dieter Steyer

Linum - Mit lauten Trompetenstößen von oben muss man dieser Tage in Brandenburg und Berlin jederzeit rechnen, und bei blauem Himmel wird der Blick hinauf regelmäßig belohnt. In exakt ausgerichteten Formationen fliegen Kraniche nach Süden. In Pankow gab es gestern am frühen Nachmittag schon ein richtiges Spektakel. Gruppen mit 30 bis 40 Tieren flogen unüberhörbar und in dichter Folge aus Richtung Bernau über Buch, Karow, Weißensee, Reinickendorf und Spandau gen Fläming. Doch in die Freude über dieses Bild mischte sich Wehmut. Die Vögel fliegen von ihren Brandenburger Rast- und Schlafplätzen in wärmere Gefilde nach Südfrankreich, Spanien und Nordafrika und läuten so das Ende des Herbstes ein.

„In zwei Wochen sind die meisten Vögel aus ihren märkischen Revieren verschwunden“, heißt es im 40 Kilometer nordwestlich Berlins gelegenen Storchendorf Linum. Im Frühjahr kehren sie kurz zurück, auf dem Weg zu den Brutplätzen in Nordeuropa. Wer also die Kranichbeobachtung nicht dem Zufall am Himmel überlassen will, sollte sich auf den Weg zu den Rast- und Fressplätzen machen. Während der Dämmerung kann der Kranichflug unter anderem von Beobachtungstürmen am Rambower Moor und bei Wustrow in der Prignitz, im Unteren Odertal bei Gartz, an der Groß Schauener Seenkette bei Storkow oder bei Lübben-Radensdorf im Spreewald verfolgt werden. Über Berlin verläuft die Vogelfluglinie aus dem Unteren Odertal südlich Stettins nach Südwesteuropa.Die meisten Kraniche fressen sich derzeit im Teichgebiet bei Linum Reserven an. Als mehrere Dutzend Naturfreunde am Dienstag zur Zählung ausschwärmten, kamen sie auf rund 84 000 Vögel. „Die größte jemals gezählte Ansammlung in Mitteleuropa“, sagte der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude. Im Vorjahr waren es rund 80 000 Kraniche. Sie rasten hier zwischen drei Tagen und drei Wochen. „Tagsüber fressen sie vor allem liegengebliebene Maiskörner, während sie in der Abenddämmerung zu ihren Schlafplätzen in den flachen Teichen zurückkehren.“ Über die Ursachen für immer neue Rekordzahlen gibt es unterschiedliche Erklärungen. Gewiss spielt der ausgeweitete Maisanbau eine Rolle. Fachleute sprechen aber auch von einer Verdrängung der Tiere. Auf dem Darß und in der umliegenden Boddenlandschaft übersteigt der Kranich-Tourismus mitunter das erträgliche Maß. Per Ausflugs- oder Paddelboot, sogar mit kleinen Kreuzfahrtschiffen geht es bis weit in die Reviere. Da weichen viele Tiere offenbar in die ruhigeren Brandenburger Gegenden aus.

In Linum kann selbst an Wochenenden noch nicht von einem Massentourismus gesprochen werden. „Wir achten darauf, dass sich die Leute nicht mehr als 300 Meter den scheuen Tieren nähern“, erklärt Henrik Watzke, Leiter der „Storchenschmiede“. Die Beobachtungstürme böten ohnehin beste Sicht – vom blauen Himmel über Berlin abgesehen.

Am heutigen Sonntag beginnt um 15 Uhr in der Storchenschmiede Linum eine Führung zu den Kranichen. Infos unter Tel. 033 922 / 50 500, www.berlin.nabu.de

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