Neue Antibabypille : Das Ende der Tage

Eine neue Pille schafft die Periode ab. In den USA kommt sie im Juli auf den Markt, in der EU soll sie 2008 zugelassen werden.

Adelheid Müller-Lissner

„Schmerzen, à la bonne heure, die sind bei uns Frauen was anderes als sonst wohl in der Natur und bei den Männern.“ So tröstet in Thomas Manns Erzählung „Die Betrogene“ eine Mutter ihre Tochter, die unter Menstruationsbeschwerden leidet. Das monatlich wiederkehrende „verstärkte strotzende Blutleben“ der Gebärmutter sei schließlich kein Zeichen von Krankheit, meint die Mutter, sondern im Gegenteil ein Grund, auf das Funktionieren des eigenen Körpers stolz zu sein.

Es sind ambivalente Gefühle, die sich um den weiblichen Monatszyklus ranken: Einerseits ist die Periode geradezu Symbol für Fruchtbarkeit und Gesundheit, andererseits wird sie oft zur Quelle kleinerer und größerer physischer wie psychischer Missempfindungen. Und in vielen Kulturen war und ist sie sogar Grund für die zeitweilige soziale Isolierung der Frauen. „Wenn ein Weib ihres Leibes Blutfluss hat, die soll sieben Tage beiseite getan werden, wer sie anrührt, wird unrein sein bis auf den Abend“, heißt es etwa im dritten Buch Moses.

Nonstop-Pille

Mit alldem könnte es nun bei Bedarf bald ein Ende haben. Ende Mai wurde in den USA erstmals eine Pille von der obersten Arzneimittelbehörde zugelassen, die nicht nur Schwangerschaften, sondern auch Menstruationen dauerhaft verhüten soll. Für die EU rechnet der Hersteller mit einer Zulassung Mitte 2008.

Das Einphasen-Präparat „Lybrel“ der Firma Wyath enthält die pillenüblichen Hormone Gestagen und Östrogen in relativ niedriger Dosierung. Während die Frauen bei anderen Pillen üblicherweise nach 21 Einnahmetagen eine Woche Pause machen oder Tabletten ohne Wirkstoff einnehmen, wird die neue Pille nonstop genommen.

Eine Studie, die im März im Fachjournal „Contraception“ erschienen ist, hat die Behörde offensichtlich von der Sicherheit des neuen Mittels überzeugt. Mit einer Häufigkeit von 1,26 Schwangerschaften pro 100 Einnehmerinnen und Jahr ist sie ein zuverlässiges Verhütungsmittel. Dass sie geringfügig schlechter abschneidet als andere Pillen, könnte an der niedrigen Dosierung liegen. Es gilt sowohl im Vergleich mit Präparaten, in denen die Hormon-Mixtur über den ganzen Monat gleich bleibt, als auch mit Zwei-Phasen-Präparaten. Die niedrige Dosierung ist andererseits wichtig, um die Gesamtmenge der eingenommenen Hormone niedrig zu halten, da es ja bei der neuen Pille ein Viertel mehr Einnahmetage gibt.

Regelmäßige Blutung als willkommener Schwangerschaftstest

Auch wenn die Nonstop-Pille einen guten Empfängnisschutz bietet, dürfte es vielen Frauen nicht geheuer sein, dass sie im Falle eines Falles eine Schwangerschaft nicht gleich bemerken würden. Denn auch das ist die Blutung seit Anbeginn des Menschengeschlechts: der – manchmal willkommene, manchmal enttäuschende – Beweis dafür, dass die Frau in diesem Zyklus nicht schwanger wurde. Mit dem gar nicht so kleinen Unterschied allerdings, dass Frauen, die die Pille nehmen, ohnehin keinen echten Zyklus haben: Die Hormone, die sie enthält, führen schließlich dazu, dass keine Eizelle reift, die befruchtet werden könnte.

Damit entfallen weitere Vorbereitungen im Körper der Frau. Die Schleimhaut der Gebärmutter wird nicht so stark aufgebaut, dass sich ein befruchtetes Ei dort einnisten könnte. So entsteht auch weit weniger zellulärer „Abfall“, der mit der monatlichen Blutung entsorgt werden müsste. Die Blutungen fallen schwächer aus, sie werden durch die hormonellen Veränderungen während der kurzen Pillenpause verursacht.

„Dieses Prinzip erklären wir unseren Patientinnen in der Hochschulambulanz zuerst einmal in Ruhe, wenn wir ihnen die Pille verordnen“, sagt der Gynäkologe und Hormonexperte Horst Lübbert von der Charité, Campus Benjamin Franklin. Aus dem Prinzip folgt, dass der Zeitpunkt der Blutung bei Frauen, die die Pille nehmen, nicht von der Natur, sondern vom Einnahmeschema vorgegeben wird. Zwar waren die Kontrazeptiva seit ihrer Einführung in den 60er Jahren als perfekte Imitationen der Natur angelegt und bescherten ihren Nutzerinnen akkurate 28-Tage-Abläufe. Vielen Frauen hat das seitdem die Sicherheit gegeben, dass ihr Körper richtig „funktioniert“.

Doch aus medizinischer Sicht spricht nichts dagegen, es anders zu probieren – etwa nur alle drei bis vier Monate mittels einer kurzen Pause eine Blutung zu provozieren. Und in besonderen Fällen – vor sportlichen Herausforderungen oder bei Abenteuerurlauben – ist es schon seit Beginn der Pillen-Ära üblich gewesen, auf die wirkstofffreie Zeit zu verzichten, gleich eine neue Packung anzubrechen und sich so die Blutung zu ersparen.

Menstruation eher Ausnahme als Regel?

Der brasilianische Hormonspezialist Elsimar Coutinho machte 1999 mit dem Buch „Ist Menstruation überflüssig“ Furore. Er argumentiert, die Periode sei historisch gesehen eher die Ausnahme als die Regel gewesen. Denn Frauen seien in ihren fruchtbaren Jahren meist schwanger gewesen oder hätten gestillt. Im Medizinjournal „Lancet“ zerpflückten kurz darauf zwei mexikanische Medizinerinnen das Argument, man dürfe der Natur nicht mit der Pille ins Handwerk pfuschen, noch auf andere Weise: Auch Brillen, Insulinspritzen und Fluortabletten seien nicht natürlich, aber durchaus hilfreich. Es gebe also keinen Grund, die Menstruation wie einen „heiligen Gral der Weiblichkeit“ zu hüten.

Bei einigen Beschwerden und Krankheitsbildern verordnen Lübbert und seine Kollegen die zeitweilige oder längerfristige Abschaffung der Menstruation denn auch in therapeutischer Absicht. Etwa bei der Endometriose, bei der sich Schleimhautgewebe aus der Gebärmutter in der Bauchhöhle ablagert, oder wenn Frauen zur Bildung von Zysten in den Eierstöcken neigen. Auch bei Migräne kann es manchen Frauen helfen, wenn der Hormonpegel konstant bleibt. „Für die Frauen bedeutet das meist eine erstaunliche Erhöhung der Lebensqualität“, sagt Lübbert.

Allerdings ist für diese Zwecke in Deutschland noch kein Präparat zur Dauereinnahme zugelassen. Die Gynäkologen verschreiben jenseits der herkömmlichen Zulassung („Off-Label-Use“), wenn sie gängige Präparate so einsetzen. „Für uns Ärzte wäre es entlastend, wenn wir uns nicht mit den juristischen Problemen befassen müssten, die damit einhergehen“, sagt Lübbert. Bisher fehlen jedoch wissenschaftliche Studien, die belegen würden, dass die Nonstop-Einnahme der Pille nicht zur Erhöhung der Risiken führt, die ohnehin mit dieser Art des Empfängnisschutzes verbunden sind.

Zur Thrombosegefahr will die Herstellerfirma des neuen Präparats jetzt eine solche Untersuchung in Angriff nehmen. Diese Risiken sprechen übrigens auch dagegen, dass Frauen die neue Pille nur nehmen, weil ihnen die Menstruation lästig ist – ohne Empfängnisschutz zu brauchen, oder die Hormone gegen eine Krankheit ins Feld zu führen.

Ohnehin wirkt „Lybrel“, wie die Zulassungsstudie zeigte, als Menstruationsverhüter längst nicht so zuverlässig wie als Empfängnisschutz: Auch nach einem Jahr hatten erst knapp 60 Prozent der Frauen, die die neue Pille nahmen, gar keine Blutungen mehr. Jede fünfte Frau hatte noch leichte Schmierblutungen, genauso viele bekamen aber auch nach einem Jahr Blutungen von einer Stärke, wie sie nach dem üblichen Pilleneinnahmeschema vorkommt. Nur waren es keine Monatsblutungen mehr, sondern meist unvorhersehbare Ereignisse.