Der Tagesspiegel : Neue Luftschiffwerft: Besucherzentrum gibt Einblick in die Technik der fliegenden Riesenzigarren

Beim Besuch der neuen Luftschiffwerft im südbrandenburgischen Brand bleiben Genickschmerzen nicht aus. Denn die wichtigsten und interessantesten Arbeiten an der künftig größten Halle Europas finden derzeit hoch über den Köpfen der Neugierigen statt. Rund 90 Monteure und Extremsportler in Bergsteiger-Ausrüstung befestigen die gewaltigen Dachbahnen aus besonderer Folie, andere Spezialisten schrauben und hämmern an den Stahlbögen, während an den Kränen immer mehr Einzelteile heranschweben. Von der neuen Besucherterrasse in der einmal 360 Meter langen, 210 Meter breiten und 107 Meter hohen Halle sind alle Details gut zu verfolgen - aber eben nur mit der entsprechenden Kopfstellung.

Die ist auch in der benachbarten Halle für das Experimental-Luftschiff Joey, dem "kleinen Bruder" der späteren Riesenzigarren, sowie im neuen Besucherzentrum erforderlich. Der ungewöhnliche Name dafür stammt aus Australien. So wird auf dem fünften Kontinent das Känguru-Baby genannt, das sich im Beutel der Mutter entwickelt. Die Dimensionen treffen auch auf den viel kleinen "Joey" zu: Er passt in das spätere Luftschiff.

Den Weg zu den Baustellen auf dem Gelände des ehemaligen russischen Militärflugplatzes an der Autobahn Berlin-Dresden weist ein großes blaues Segel. Es zeigt das Symbol und den Schriftzug der Expo in Hannover. Denn die Entwicklung und die voraussichtlich im kommenden Jahr beginnende Montage von Luftschiffen der Cargolifter AG gehört zu den Brandenburger Projekten der Weltausstellung. Den Grund dafür erfährt man beim Rundgang durch das Besucherzentrum unter dem Motto "Leichter als Luft". Fachleute erklären hier in einem ehemaligen Flugzeughangar an Modellen die Funktionsweise des künftig 260 Meter langen Giganten.

Er soll die bisherige Transporttechnik revolutionieren. Bis zu 160 Tonnen schwere Güter kann der fliegende Kran an praktisch jeden Ort der Erde befördern. 10 000 Kilometer reicht das nicht brennbare Traggas Helium. "Das Luftschiff spart Kosten, Zeit und Energie und erfüllt damit bestens die Expo-Kriterien", erklärt Carl-Heinrich von Gablenz, Vorstandsvorsitzender der Cargolifter AG.

Vor allem beim Transport schwerer und großer Lasten könne es die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Industriezweige stärken, denn es sei nicht auf enge Straßen oder überlastete Schienenwege angewiesen. Chemieanlagen, Turbinen oder Ölplattformen werden mühelos von der Produktionsstätte zum Einsatzort geflogen. Auch bei Katastrophen gibt es unbegrenzte Möglichkeiten. 25 000 Menschen, so hat die Firma ausgerechnet, könnten mit den Hilsgütern eines Cargolifters mindestens 14 Tage versorgt werden. Die Größenordnung erklärt am besten ein Vergleich: In einem Luftschiff vom Typ "CL 160" hätten zwei Titanic-Schiffe Platz. Die Serienproduktion soll 2003 beginnen. CLAUS-DIETER STEYER

Das Besucherzentrum ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet und über die Autobahnabfahrt Staakow der A 13 nach Dresden zu erreichen. Der Eintritt kostet für Erwachsene 10 Mark, für Kinder fünf Mark. Hinter dem Zentrum wartet der Bus zur Fahrt zur Baustelle der Werft.

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