Der Tagesspiegel : Neues Leben unter schmucken Giebeln

Brandenburgs historische Stadtkerne sind zum Gutteil saniert, die Menschen zieht es zurück in die Zentren

Claus-Dieter Steyer

Neuruppin - Sie haben wuchtige Rathäuser, verschwiegene Gassen, Reste alter Stadtmauern, gediegene Kaufmannshäuser. Doch wie schmuck es in den Zentren vieler brandenburgischer Städtchen heute aussieht, ist gerade den Berlinern oft noch wenig bewusst. Dabei ist seit der Wende viel geschehen.

Das trifft vor allem auf jene 29 Orte zu, die sich in den 90er Jahren zur Arbeitsgemeinschaft „Städte mit historischen Stadtkernen“ zusammengeschlossen haben. Das Bündnis soll größere Aufmerksamkeit für ihre Bedürfnisse und Angebote schaffen – um nicht zuletzt Geld aus den Bundes- und Landeskassen für die Restaurierung der Schätze zu erlangen.

Ob in Altlandsberg, Angermünde, Bad Freienwalde, Beeskow, Belzig, Gransee, Jüterbog, Luckau, Neuruppin, Ziesar oder den anderen Städten – die Bürgermeister ziehen heute eine fast identische Bilanz der Aufbauarbeit seit der Wende: „Die Hälfte ist geschafft, aber die schweren Brocken liegen noch vor uns“, sagt etwa Luckaus Bürgermeister Harry Müller. 2,7 Milliarden Euro öffentliche Mittel sind seit sind seit 1990 in die Städte der AG geflossen. Dazu kam ein Vielfaches an privaten Geldern: So lösten die 100 Millionen Euro Fördermittel im vergangenen Jahr 400 Millionen private Investitionen aus.

Doch „das bisherige Tempo der Erneuerung können wir schon aus Kostengründen nicht halten“, sagt Bürgermeister Müller. Nicht jedes Fachwerkhaus, nicht jeder Giebel und nicht jede Pflasterstraße könne so schnell wie möglich instand gesetzt werden. „Wir brauchen manchmal den Mut zur Lücke.“ In seiner Stadt wird derzeit beispielsweise um die Zukunft des leer stehenden Frauengefängnisses am Markt diskutiert.

Zu DDR-Zeiten litten die Stadtzentren unter der Wohnungspolitik. Sie setzte auf die billigste und kürzeste Variante, um die Einwohner mit Wohnraum zu versorgen: die Plattenbauten. Fast jede Stadt und viele Dörfer erhielten am Rande fünf- bis elfgeschossige Häuser, während in den Zentren die oft mehr als 100 Jahre alten Bauten verfielen. Selbst in manchen Innenstädten wie Bernau oder Rathenow wurden Plattenbauten als Allheilmittel gepriesen.

Heute zieht es die Menschen wieder zurück in die sanierten Zentren mit ihren historischen Bürger- und Fachwerkhäusern. „Vor zehn Jahren standen in der Innenstadt 20 Prozent der Wohnungen leer, heute sind es weniger als 10 Prozent“, sagt Neuruppins Baudezernent Arne Krohn. Vor allem ältere Leute bevorzugten zunehmend die Stadtkerne wegen der Nähe zu den Läden, Ärzten, Restaurants.

Anderseits kämpfe heute der Einzelhandel mit viel größeren Problemen als etwa noch vor fünf Jahren. „Die Rabattaktionen der großen Märkte und Einkaufszentren bedrohen zunehmend die Existenz der Mittelständler.“ Leere Geschäfte aber seien tödlich für ein attraktives Zentrum, sagt Krohn.

Die Bürgermeister vereint auch die Sorge um geringere öffentliche Mittel. Dabei, so argumentieren sie, gehen 90 Prozent der Aufträge zur Städtesanierung an örtliche Baufirmen. Das sei eine echte Wirtschaftsförderung im sonst eher benachteiligten ländlichen Raum. Zudem könnten private Eigentümer allein die oft erheblichen Baukosten kaum aufbringen, sagt Arne Krohn. In jüngster Zeit hielten sich Banken eher mit Krediten zurück.

Und viel stärker als bisher wollen die kleinen Städte künftig auch um Touristen werben, die Geld in den Ort bringen. Den wohl spektakulärsten Einfall dabei hatten die Stadtväter von Templin in der Uckermark: Sie wollen im historischen Rathaus Ferienwohnungen einrichten, da die Verwaltung schon vor längerer Zeit ausgezogen ist.

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