Neuruppin : Aufruhr in „Korruppin“

Der Bürgermeister von Neuruppin wird für Selbstmord des Stadtwerke-Chefs verantwortlich gemacht. Eine Initiative fordert seine Abwahl.

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Der Freitod eines prominenten Bürgers der Stadt Neuruppin von Ende Dezember könnte Bürgermeister Jens-Peter Golde (Pro Ruppin) das Amt kosten: Einer von Weggefährten des wegen schwerer Untreue verurteilten Ex-Stadtwerke- Geschäftsführers Dietmar Lenz gestarteten Unterschriftenkampagne fehlten am Sonnabend nur noch 200 Unterschriften. Wenn es am Sonntagabend 5300 sind, kommt es in der 32 000-Einwohner- Stadt vermutlich im April zu einem Bürgerentscheid über Goldes Abwahl. Der Stadtverordnete Michael Bülow (SPD) zeigte sich zuversichtlich, die Unterschriften zusammenzubekommen: „Wir sind heute noch einmal in der Stadt unterwegs, das schaffen wir.“

Die 500 Initiatoren werfen Golde „Führungsschwäche, Inkompetenz und Verrat“ an seinem früheren Freund und „Macher“ Lenz vor. Manche von ihnen aber sind auch nicht ohne Fehl und Tadel: Der Ex-Stadtverordnete Reinhard Sommerfeld ist laut Transparency International der erste wegen Bestechlichkeit verurteilte Mandatsträger überhaupt in Deutschland. Otto Theel, einst Bürgermeister für die PDS und Landtagsabgeordneter, trat 2008 mit einer Bewährungsstrafe ab, weil er seinem Sohn den Kredit eines Hotelinvestors vermittelte.

Zu einer Gedenkkundgebung für Lenz waren im Januar tausend Menschen gekommen. Hotelier Andreas Prager sagte: „Dietmar Lenz wurde von der Führung der Stadt, der Stadtwerke, von den Medien und der Justiz so weit getrieben, dass er diesen Schritt tat. So kann es nicht weitergehen.“ Lenz hatte in einem Abschiedsbrief seine Gegner – auch Golde – beschuldigt, sie „werden nicht aufhören, bis ich am Boden liege“.

Lenz und Golde waren „Sandkastenfreunde“. In der ins Jahr 2006 zurückreichenden Affäre um illegale Zuschüsse der Stadtwerke an den von Insolvenz bedrohten Sportverein MSV Neuruppin, dessen Vize-Präsident Lenz war, hatte Golde den Geschäftsführer fallen gelassen. Bei Lenz’ Verurteilung im März 2009 sah das Gericht auch den Bürgermeister als Chef des Stadtwerke-Aufsichtsrates im Zwielicht: Eine halbe Million Euro zweigte Lenz an den Kontrollgremien vorbei für den klammen Verein ab, den er schon in der zweiten Fußball-Bundesliga sah. Er beteuerte, nur das Beste für die Stadt gewollt zu haben. Seine Familie wirft Golde und anderen „falschen Freunden“ vor, Lenz durch ihre Aussagen vor Gericht in den Tod getrieben zu haben – „um die eigene Haut zu retten“. Bülow sagt: „Herr Golde muss zu seiner Verantwortung stehen.“

Es geht um das Selbstverständnis einer gespaltenen Stadt, die wegen zahlreicher Korruptionsfälle oft als „Korruppin“ oder „Klein Palermo“ mit einem „Filz aus DDR- Seilschaften“ bezeichnet wurde: Von einem Patronagesystem ist die Rede, das nach 1990 in der früheren Garnisonsstadt entstand. Bürger haben zum Wahrheitsgipfel geladen, um all das aufzuarbeiten.

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