Der Tagesspiegel : Neuruppiner Mafia: Ermittlungen weiten sich aus

Schon rund 100 Personen im Visier der Polizei. Städtische Grundstücke wurden unter Wert verkauft

Claus-Dieter Steyer

Neuruppin - Das kriminelle Netz aus Geldwäsche, Bestechung, illegaler Prostitution und Drogenhandel in Neuruppin war offenbar noch dichter, als es sich bei der Großrazzia Mitte August angedeutet hat. Inzwischen ermittelt das Landeskriminalamt (LKA) gegen rund 100 Personen, bestätigte eine LKA-Sprecherin. Sieben Geschäftsleute, Makler und Angestellte von Bordellen und Spielcasinos sitzen laut LKA in Untersuchungshaft. Ein leitender Angestellter des Grundstücksamtes und ein Polizist, der die Organisation vor Durchsuchungen oder Kontrollen gewarnt haben soll, sind unter Auflagen von der Haft verschont.

Bisher ergaben die Ermittlungen, dass mindestens fünf städtische Immobilien unter Wert an Geschäftsleute verkauft worden waren. Nach Auskunft des Bürgermeisters OttoTheel (PDS) hat die Kommunalaufsicht des Landes jedoch alle Verträge geprüft und genehmigt.

Kopf der so genannten XY-Bande – benannt nach der Buchstabenkombination auf den Auto-Kennzeichen der Mitglieder – soll ein früherer CDU-Stadtverordneter gewesen sein. Der „Pate der Neuruppiner Mafia“ wurde inzwischen aus der Partei ausgeschlossen. Er besaß in der Stadt mehrere Spielhöllen und Bordelle, zeigte sich als Gönner für soziale Projekte, leitete einen Fußballverein, holte eine Firma für den Bau eines millionenschweren Yachthafens in den Ort und zog vor allem als Chef des Haupt- und Finanzausschusses im Stadtparlament die Fäden.

Mit einem seiner vielen Geschenke für Politiker und Geschäftspartner bedachte er auch Bürgermeister Theel: Auf einem Neujahrsempfang übergab er dessen Frau ein Aquarell. Von dem Präsent will der jetzt bei der Landtagswahl als Direktkandidat ins Parlament gewählte Politiker nichts gewusst haben. Die Staatsanwaltschaft überprüfte den Fall und verhängte kurz vor der Wahl ein Bußgeld wegen unzulässiger Annahme eines Geschenks. Beweise einer Gegenleistung des Bürgermeisters wurden nicht gefunden. Theel selbst spricht von einer „Dummheit“.

Inzwischen soll auch gegen Andreas Theel, den Sohn des Bürgermeisters, ermittelt werden. Er saß wie der vermeintliche Kopf der XY-Bande in der CDU-Fraktion, leitet die städtische Fahrgastschifffahrt und wurde sogar als CDU-Kandidat fürs Bürgermeisteramt gehandelt, das sein Vater jetzt aufgibt. Doch er verließ nun mit seinem Bruder Christian und einem dritten Unionsabgeordneten die Partei – „aus Enttäuschung über den Umgang miteinander“.

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