Nibelungenfestspiele : Grobes Schlachten

Sie haben alles richtig gemacht. Ein roter Teppich für die Prominenz, schwarze Limousinen, Blitzlichtgewitter. Und was wird gespielt? Im siebten Jahr die Nibelungen in Worms. Eine Erfolgsgeschichte.

Ulrike Kahle-Steinweh
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Letzte Handreichungen in Worms. Annika Pages als Brünhild und Dieter Mann als Hagen. -Foto: dpa

Sie haben alles richtig gemacht. Ein roter Teppich für die Prominenz, schwarze Limousinen, Blitzlichtgewitter. Zwanzig Security Guards. Ein freundliches Oberbürgermeisterpaar, das jeden VIP persönlich empfängt. Eine laue Sommernacht, der Dom rot und blau angestrahlt, so kitschig wie schön. Festspiele in Worms. Und was wird gespielt? Im siebten Jahr die Nibelungen. Eine Erfolgsgeschichte. Mal von Moritz Rinke, mal von Friedrich von Hebbel. Jetzt wieder Rinke. Es funktioniert. Worms ist wieder wer. 1600 Tribünenplätze sind knapp drei Wochen gefüllt. Der Domplatz lebt. Touristen kommen. Jetzt wissen auch die Schauspieler, wo Worms liegt. Und die Nibelungen gehören einfach hierher.

Wer sind sie nur, die sagenhaften Nibelungen? Helden, Dummköpfe, Untergangsneurotiker? Moritz Rinke hat angeblich fünf Jahre damit verbracht, nach seiner ersten flotten Neudeutung die Nibelungen erneut zu erkunden, in der Tiefe des Mythos zu gründeln und uns Siegfried und Hagen, Gunter, Gernot, Giselher, Kriemhild und Brünhild ganz nah zu bringen. Rinke kreiste also und gebar eine etwas ausführlichere Fassung seiner Erfolgsmasche: Nibelungen wie du und ich. Nur dass sie den Nibelungenschatz haben und viel morden. Das tun wir nicht und den haben wir nicht. Oder vielleicht doch?

Der zweite Teil nach „Siegfrieds Frauen“ – uraufgeführt in Worms im letzten Jahr – heißt „Die letzten Tage von Burgund“ und stülpt über die Sage ein paar neue Kleider: wenn Kriemhild und Brünhild sich über Siegfrieds Sarg annähern und fast einen Frauenbund schließen. Wie Gunter Brünhild loswerden will und Hagen sie mit Siegfrieds Leiche in den freiwilligen Flammentod schickt. Dass Hagen Kriemhild den Nibelungenschatz weggenommen und in den Rhein geworfen hat. Wie Kriemhild Gattin des Hunnenkönigs Etzel wird, Burgund immer weiter herunterkommt, weil Gunter und seine Brüder unfähige Taugenichtse sind und nach ihrem feigen Mordkomplott und ohne Siegfried erst recht nicht weiter wissen. Wie die Burgunder Etzel besuchen, damit Gunter endlich die junge Tochter des braven Rüdiger heiraten kann und um den reichen Etzel überreden, Burgund vor dem Untergang zu bewahren. Die alte Verbrechergesellschaft gegen die neue Verbrechergesellschaft. Unser heruntergekommener Kapitalismus gegen den neuen Raubtierkapitalismus. Der Aufprall bringt erst recht den Untergang.

Mithilfe von Dieter Wedel, dem Dom und einigen Schauspielern erfahren wir über König Gunter, dass er gerne im Schlafanzug frühstückt, dass er es nicht mag, wenn seine Frau Brünhild schwarze Nachthemden trägt, dass er lieber viele kleine Prinzen mit Rüdigers Tochter zeugen will. Dieses Spektakel inszeniert Fernsehregisseur und Festspielintendant Wedel ziemlich grobschlächtig, mit Schauspielern, deren Potenz wir nur aus anderen Inszenierungen kennen. Oder Filmen. Oder Filmteilen. Denn mehrmals werden zwei riesige Leinwände auf die sparsam bestückte Bühne (Jens Kilian) gezogen. Darauf sehen wir, dass Wedel besser Filme als Theater machen kann und Rinke eigentlich ein Fernsehspiel geschrieben hat. Warum nicht gleich: Großleinwand vor den Dom und ab mit den Nibelungen in den Untergang?

Wir sehen: Jasmin Tabatabai als Kriemhild, erst in Schwarz: trauernd. Dann in Weiß: unschuldig heiter. Dann in Rot: Blut vergießend. Wie sehen Annika Pages als Brünhild. Im Lederbikini: wild. Im hellen Trenchcoat: geheimnisvoll, männlich. Wir sehen Männer in langen Ledermänteln und Sonnenbrillen, mehr Bodyguards als realiter, ja, klar, Burgund ist ein Polizeistaat. Wir sehen erst mal nur Klischees. Wir sehen einen Einfall. Weil nach Brünhilds Tod akuter Frauenmangel herrscht, fügt Wedel eine Sylva ein, die gehört zu Etzel, dem Hunnenkönig. Der hier ein Russe sein soll mit weißer Strechlimousine und rassiger Geliebten. Die behält er, sein ständiger Schatten, Hausdame und Bewachung. Wirklich ein hübscher Anblick, diese Sylva der Anouschka Renzi, die stärker als Kriemhild wirkt. Und Kriemhild duldet sie. Seltsam.

Ihr Etzel ist Dieter Laser und mit seinem Auftritt als Raubtier des Neokapitalismus zieht die Geschichte an. Jetzt hat das traurige Burgundertrio König Gunter (Roland Renner), Bruder Gernot (Sven Walser) und Bruder Giselher (André Eisermann) einen Gegenpart. Sehen wir im Film eine heitere Kriemhild in Weiß im Spiel mit ihrem Sohn, tropft in Burgund das Wasser durchs Dach und tanzt König Gunter mit seinen Leibwächtern. Das Reich der Burgunder: ein Staat vor dem Zusammenbruch. Und fast makaber überdreht – allerdings wieder im Film – sehen wir, wie Gunter und seine königliche Horde bei Bauern einfällt und ihnen den Braten wegfrisst.

Kriemhild dagegen ist eine nette Frau, die ihren neuen Mann Etzel recht lieb hat. Und nur weil der misstrauische Hagen (Dieter Mann) heimlich die Truppen von Burgund mitgebracht hat und diese an Etzels Hof auftauchen, beginnt das große Schlachten. Ein Missverständnis? Schicksal? Nicht zu verstehen, dass diese Kriemhild den Mord an ihrem Sohn mit Siegfried zulässt und vor allem: nicht zu glauben. Ihre letzten Worte: Hagen! Hagen! Der väterliche Freund, der Felsblock in der Brandung, der immer Rat wusste und immer falschen Rat zu falscher Tat.

Immerhin gibt Rinke hier ein großes Rätsel auf, das tiefer führt und irritiert: Ist es nicht Hagen, der ausführt, was mal Gunter, mal Kriemhild, mal Brünhild wollten bzw. alle zusammen: den Tod des ihnen allen aus verschiedenen Gründen unerträglichen Superhelden? Ohne den sie aber erst recht nicht leben könnten. Hagen ihr Werkzeug oder Anstifter? Warum? Warum dient er dem tumben König Gunter bis zur Selbstverleugnung. Warum mordete er Siegfried. Weil Kriemhild, Hagens „Schaukelkind“, insgeheim den verwundbaren Siegfried wollte, wie es uns unentwegt eingebläut wird? Weil er kein Held mehr war, sondern nur noch ein langweiliger Hirschjäger? Während die anderen banal gezeichnet sind, hat Hagen Tiefe. Ein Filmchen, eine Homestory über ihn als Ziehvater von Siegfried und Kriemhilds Sohn, mit dem er kämpft, Tennis spielt und Schach, zeigt ihn als rührenden Vater. Seine gutbürgerliche Erziehung formt den Heldensohn allerdings nur zu einem Held en miniature. Und Ziehvater Hagen spielt Geige. Der gute Deutsche, der ein böser Deutscher ist und umgekehrt. Das sitzt. Diese unverständliche Nibelungentreue, fatal, Tod bringend, über jede Vernunft, über jedes Gefühl hinaus.

Ilja Richter spielt übrigens den kreuzbraven Rüdiger, der das Zeug zu einer großen Komödiantennummer hätte, wenn er über die Tischordnung wie eine Schlachtordnung sinniert. Leider muss Kriemhild währenddessen ihren Etzel oral befriedigen. Statt Feinarbeit grober Effekt. Hier ist nichts erotisch, nichts richtig komisch, und das ist doppelt traurig, weil man Worms und diesen wundersam aus historisch belasteten Resten wieder erstandenen Festspielen alles Gute gönnt. Wir wünschen also, dass nächstes Jahr wieder ein roter Teppich ausliegt in Worms und ein anderer Regisseur dieses Stück besser oder gleich ein anderes Stück inszeniert.

Die Nibelungen-Festspiele in Worms dauern bis zum 5. August.